Mordversuch. Nach Anschlag auf den Bürgermeister beginnt der Prozess bereits Ende Mai. Ist die Sache wirklich so klar, wie die Anklage meint?
WIEN/KREMS. Der Kremser Staatsanwalt Friedrich Kutschera verlässt sich voll auf das DNA-Gutachten. Nach der Gift-Attacke auf den Spitzer Bürgermeister Hannes Hirtzberger (55) klagt er nun den Hauptverdächtigen Helmut Osberger (56) des versuchten Mordes an. Angelpunkt der Anklage: Auf einer Grußkarte, die am Auto des Opfers angebracht war, fand sich eine DNA-Spur von Osberger. Das Gift, Strychnin, soll in einer der Grußkarte beigelegten Mon Chéri-Praline gewesen sein.
Verzichtet Osberger auf einen Einspruch gegen die Anklageschrift – und davon ist nach Angaben seines Verteidigers Nikolaus Rast auszugehen, könnte der mit Spannung erwartete „Mon Chéri-Prozess“ bereits in der letzten Mai-Woche (ab 26. 5.) oder in der ersten Juni-Woche im Kremser Landesgericht stattfinden. Die Leitung des Verfahrens kommt in prominente Hände: Die Präsidentin des Landesgerichts Krems, Ingeborg Kristen, wird dem Geschworenen-Senat vorsitzen. Sie sagte am Freitag zur „Presse“, dass der Prozess voraussichtlich nur einen Verhandlungstag, maximal zwei Tage, dauern soll.
Fraglich ist, ob die Sache so glatt über die Bühne geht, wie sich das der Staatsanwalt vorstellt: Der in U-Haft sitzende Heurigen-Wirt Osberger will mit der Vergiftung des Ortschefs – dieser liegt zur Rehabilitation im Krankenhaus St. Pölten – nichts zu tun haben. Bei näherer Betrachtung des Falles tauchen Ungereimtheiten auf.
Auffällige Widersprüche
Ursprünglich war davon auszugehen, dass Hirtzberger gerne Süßigkeiten isst. Er hatte die am 8. Februar auf seinem Pkw deponierte Mon Chéri-Praline zunächst mit nach Hause gebracht, wo sie auch seine Ehefrau sah. Erst am nächsten Morgen nahm Hirtzberger die Praline zu sich. Er habe diese „seiner Gewohnheit folgend konsumiert“, gab die Frau an. Der langjährige Amtsleiter von Hirtzberger, Norbert Notz, konnte von dieser „Gewohnheit“ nichts berichten. Auf die Polizei-Frage „War Hirtzberger ein Fan von Süßigkeiten?“, gab er zu Protokoll: „Nein, überhaupt nicht.“
Auf der am Auto befindlichen Grußkarte standen die vorgedruckten Worte: Du bist für mich etwas ganz Besonderes! Dazu waren mit Lippenstift zwei Herzen, eines mit einem Pfeil durchbohrt, gemalt. Die Frau des Opfers gab an, „dass mein Gatte vor ca. einem Jahr bereits einen Zettel oder ein Kuvert mit einem durchgestrichenen Herz bekommen hatte“. Dies wirft die Frage nach einer Frau als möglicher Täterin auf.
Fragen ergeben sich auch zum Motiv: Bisher hatte es in Ermittler-Kreisen geheißen, Osberger habe vom Bürgermeister die Umwidmung eines Grundstücks für eine „Wellness-Hotelanlage“ gewünscht und sei dabei abgeblitzt. Offenbar gab es tatsächlich Probleme mit dem Projekt, etwa wegen der Finanzierung. Aber von einer glatten Abfuhr seitens der Gemeinde kann keine Rede sein. So heißt es in einem offiziellen Schreiben der Marktgemeinde Spitz vom 21. August 2006: „Unter Bezugnahme auf das Schreiben der Marktgemeinde Spitz vom 5.12. 2005 wird nochmals die Bereitschaft bekundet, nach Herstellung der dort genannten Voraussetzungen das notwendige Umwidmungsverfahren durchzuführen.“
„Eine unbekannte Person“
Indessen ist das DNA-Gutachten der forensischen Molekularbiologin Christa Nussbaumer der Trumpf der Anklage. Kernsatz: „Helmut Osberger senior ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Verursacher der Hauptspur an der Innenseite des Billets.“ Erwähnt werden sollte aber auch der darauf folgende Satz: „Darüber hinaus treten in sehr geringer Ausprägung drei weitere DNA-Merkmale einer bislang unbekannten Person auf.“
Alles in allem bleibt die eingangs gestellte Frage bestehen: Ist die Sache wirklich so klar, wie die Anklage meint?
PROZESS IN KREMS
Ende Mai könnte es in Krems den „Mon Chéri-Prozess“ geben. Dem Hauptverdächtigen Helmut Osberger wird Mordversuch am Bürgermeister von Spitz, Hannes Hirtzberger, vorgeworfen. Als „Tatwaffe“ soll Osberger eine mit Strychnin vergiftete Mon-Chéri-Praline verwendet haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2008)