Das Salzkammergut: Mit Gamsbart in die Trinkhalle

(c) Landesaustellung Salzkammergut
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Zehntes Bundesland. Das Salzkammergut braucht kein extra Thema, sondern ist das Thema selbst – an 14 Schauplätzen der oberösterreichischen Landesausstellung.

Ein Abstecher zu einer Landesausstellung kann bedeuten: hinfahren, durchmarschieren und noch am gleichen Tag den Heimweg antreten. Für Touristiker ist das der worst case. Nicht zwingend integriert der Besucher diese großen, meist auf ein Generalthema festgelegten Landesschauen in den Kurztrip oder den Urlaub, den man ihm zu einem Paket schnürt.

Unwahrscheinlich, dass den Touristikern diesmal die Grausbirnen aufsteigen müssen. Die unmittelbar bevorstehende oberösterreichische Landesausstellung (29. 4. bis 2. 11.) baut nicht auf einen, sondern auf 14 Schauplätze – Zweitplatzierungen und Rahmenprogramme noch nicht dazugezählt. Und, das ist mitentscheidend, zwischen diesen 14 über das halbe Salzkammergut verteilten Schauplätzen liegt traditionsreiches Sommerfrischerevier: Berge, die sich dem persönlichen Kulturauftrag entgegenstellen; Salzkammergutwirte, bei denen man länger picken bleibt, als sich mit den Öffnungszeiten verträgt; Seen, in denen jeder Zeitbezug verschwimmt. Morgen ist ja auch noch ein Tag – und genug Zeit für eine Erkundung des Salzstollens, eine monarchische Ausstellung, eine außertourliche Bierexpedition (Schloss Eggenberg) oder prähistorische Ausgrabungen.

Schräge Keramik

Wo aber mit dem Landesschauen beginnen? Vielleicht mit Gmunden, wo eine Leitausstellung läuft, die die verstreuten Themen mehr oder weniger ausführlich angekündigt. Dabei geht es, Salzkammergut-naheliegend, um vieles: um habsburgische Sommergastspiele, um boomende Salz- und Holzwirtschaft, um lebendige Trachtentradition, um mammutdimensionierte Eishöhlen, um urzeitliche Kulturen, um Schätze und Papier, um helle Dichterköpfe unter Schnürlregenschirmen und Denker in geschnitzten Veranden.

Bei dieser Überblicksschau am Traunsee hat man Gelegenheit, in das TV-Schloss Ort weiter vorzudringen. Damit der Besucher danach auch wirklich ins neu adaptierte Stadtmuseum abbiegt, leitet ihn ein „Weg zur Keramik“. Über Bodenvitrinen marschiert er durch die Gmundner Innenstadt. Was sich lohnt, denn dort ist das Thema Keramik unter anderem mit kuriosen Klosetts besetzt.

Letztlich ist es aber egal, wo man sich zwischen Laakirchen, St. Wolfgang und Obertraun in diese Geschichte einklinkt: in die Habsburgermonarchie oder doch ins Pleistozän? In die Hallstattzeit oder den Jugendstil? Man kombiniert zwei oder drei Ausstellungen, wandert auf Themenwegen und lässt sich auf Inszenierungen ein. Zwischen einigen Orten bewegt man sich mit dem Schiff.

Dem Salzkammergut wird gerne der Status eines eigenen Bundeslandes zugesprochen. Ohne allzu offen zur Schau getragenen Separatismus ist diese kulturelle Eigenständigkeit heute durchaus noch greifbar. Man muss nicht viel extra inszenieren und herbeizitieren, die einzelnen Projekte arbeiten mit den Mitteln und den wichtigsten Themen vor Ort: Bad Ischl, da erwartet man Kaiser und Kur, Kuchen essen und Katrin, den Hausberg, besteigen. Wird erledigt. In Bad Goisern wiederum weiß man die Volkskultur zuhause, die genagelten Schuhe, die Geiger und die Pfeifer. Dazu gibt es auch einige Veranstaltungen. In Hallstatt wird's echt morbid, die bemalten Totenschädel kennt man vielleicht, aber schon einmal das prähistorische Gräberfeld besucht? Der Wolfgangsee beflügelte die Künstler. Das ist nachvollziehbar. In Laakirchen tritt der Besucher eine Erlebnisreise durch die Papierfabrik an, in Altmünster klopft er auf Holz und dessen Erzeugnisse: fesche Nussknacker zum Beispiel.

Die Beiträge in Ebensee und in Strobl scheuen die Auseinandersetzung mit ihrer dunkelsten Geschichte nicht. Die Villa der Bankiersfamilie Deutsch in Strobl am Wolfgangsee wurde arisiert, heute ist sie ein Ort, um sich mit dem Widerstand gegen den Naziterror auseinanderzusetzen, einen Widerstand, den es in dieser Region auch gab.

Nach Ohlsdorf muss man, unbedingt: Dort bringt einem ein Weg in elf Stationen das Werk von Thomas Bernhard näher, quasi im „Gehen“. Thematisch liegt Thomas Bernhard am sperrigen oberen Ende des Landesausstellungs-Programmes.

Janker und Goiserer

Ein Wort zum Dresscode: Das Salzkammergut gehört zu den wenigen Orten, an denen man ohne Erklärungsbedarf oder Jägerball-Verpflichtung mit einem Dirndlkleid, Trachtenjanker und Gamsbart aufkreuzen kann. Aber bitte nicht zu viel authentischen Materialeinsatz, das enttarnt den Besucher.

Basis sind jedenfalls die Goiserer, ein robustes handgemachtes Schuhwerk, mit dem man in Bad Goisern, St. Wolfgang und Ischl promenieren, freilich aber noch besser auf dem Dachstein herummarschieren kann. Dort heftet man sich auf die Spuren des Forschers Friedrich Simony, taucht in die riesigen Höhlen ab, probiert Sauwetterstation aus. Wenn dann auf der fünffingrigen Plattform (5fingers) am Krippenstein hoch über dem Hallstättersee die handgestrickten Stutzen schlottern, breitet sich unten vielleicht eine Wolkendecke aus, die es einem leicht macht das ganze gedanklich in das Thetys-Meer umzuwandeln, das einst diese traumhafte Gegend bedeckt hat.

VOLLES PROGRAMM. Auf 14 Bühnen.

LAAKIRCHEN.„Papierwelten“. Papierfabrik Steyrermühl.

OHLSDORF. „Gehen und Denken“ Thomas-Bernhard-Weg.
GMUNDEN.
„Salzkammergut“, die Leitausstellung im Seeschloss Ort. Zusätzlich: „Der Weg zur Keramik“ im Stadtmuseum.

ALTMÜNSTER. „Schnitzer, Drechsler, Löffelmaler“. Eggerhaus; Heimathaus Neukirchen. Themenwege, Schauvorführungen.

TRAUNKIRCHEN. „Schätze,
Gräber, Opferplätze“. Im ehemali- gen Kloster. Wanderweg.
EBENSEE.
„Heimat – Himmel & Hölle“. museum.ebensee und Zeitgeschichtemuseum

ST. GILGEN (S). „Künstler. Leben“: „Maria Anna Mozart, genannt Nannerl“. Mozarthaus.

ST. WOLFGANG (OÖ). „Künstler. Leben“: „Maler, Musiker, Dichter auf Sommerfrische.“ Rathaus.

STROBL (S). „Künstler.Leben“: „un.Sichtbar – Wiederständiges im Salzkammergut“. Deutsch-Villa.

BAD ISCHL. „Menschen, Mythen, Monarchen“. Trinkhalle.

BAD GOISERN. „Geigen, Gwand und Goiserer“. Hand.Werk.Haus. Schloss Neuwildenstein; Rahmenprogramm.

GOSAU.„Steinsichten“. Freilichtmuseum Paarhof und bei den Schleifsteinbrüchen.

HALLSTATT. „Jetzt ist Hallstatt-zeit“. Prähistorisches Gräberfeld, Welterbemuseum, HTBLA-Projekt.

OBERTRAUN. „Dachstein, Forscher, Höhlenbären“ auf der Schönbergalm. Erlebnisbereich im Karst, Höhlenmuseum, Simony-Themenhütten, 5fingers.

OÖ Tourist Information:
T 0732/22 10 22,
www.oberoesterreich-tourismus.at
Salzkammergut Tourismus:

T 061 32/269 09 0,
www.salzkammergut.at
Landeskulturdirektion:
T 0720/ 300 305, www.landesausstellung.at

Dauer: 29. 4. bis 2. 11. 2008
Pakete: 3 ÜN ab 165 €
Anreise:
ÖBB, www.oebb.at
Salzkammergutwirte:
www.salzkammergutwirte.at
Tickets: Einzel- und Kombikarten

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2008)


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