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Lega Nord: Gegen Ausländer und die „Räuberin Rom“

(c) EPA (Jennifer Lorenzi)
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Die Lega Nord machte bisher mit Sezessionsgelüsten und Rassismus von sich reden. Nun hat sie ihre Macht ausgebaut – ausgerechnet mit Hilfe neuer Wähler aus dem linken Lager.

ROM. Für Italiens Linke folgte auf die Parlamentswahl ein bitteres Erwachen. Nicht nur, dass Kommunisten und Sozialisten aus dem Parlament geflogen sind. Die bisher so stolzen „Vertreter der Arbeiterklasse“ müssen auch noch zur Kenntnis nehmen, dass ihre Klientel massenhaft zu Umberto Bossis rechter „Lega Nord“ abgewandert ist. Die Lega Nord hat schon seit ihrer Gründung vor 22 Jahren, vom Protest profitiert. Jetzt aber ist eine Schwelle überschritten, die die Analytiker zu einer neuen Bewertung kommen lässt: Die Lega Nord ist keine Protestpartei mehr, sondern eine richtiggehende Territorialpartei auf tief eingesenkten Fundamenten.


„300.000 Mann stehen bereit“

Die nationalen Wahlergebnisse überdecken die regionalen Unterschiede: Von 4,5 auf 8,3 Prozent konnte die Lega im Vergleich zu 2006 zulegen. Im Norden ist sie noch stärker gewachsen, von 11,1 auf 20,7 Prozent in der Lombardei, in Venetien von elf auf 26,1 Prozent. Und gerade in den wirtschaftlich dynamischsten Städten hat sie ihren Anteil auf bis zu 46 Prozent vervielfacht.

Die Lega ist das Werk des heute 66-jährigen Umberto Bossi. Er wollte ursprünglich Medizin studieren, dann wurde er Maurer, Elektrotechniker, Aushilfskraft in Gemüseläden. Er versuchte sich als Dichter von Mundartpoesie bis er seine Berufung als Vollblutpolitiker entdeckte.

Bossi setzte auf die Antipathien der Nord- gegen die Süditaliener, er machte sich zum Sprachrohr der regionalen Unzufriedenheit: „Wir hier arbeiten, und die Faulen im Mezzogiorno leben von unserem Geld.“ Rom, „die Räuberin“, wurde zur verhassten Hauptstadt eines Staates, den die Bossis im Norden nicht mehr wollten: „Sklavenhalter und Kolonialisten“ säßen in Rom, sagte er noch im November 2007: „Hinter mir stehen 300.000 Mann mit Gewehren bereit zum Aufstand. Sie sind zu allem bereit, auch zum Sterben.“

Bossi erfand sein Staatsgebiet: „Padanien“ nannte er es nach dem lateinischen Namen für das „Land am Po“. Und zu den Vorfahren der „padanischen Rasse“ erklärte er natürlich nicht die Römer, sondern keltische Stämme.

Das ist die Folklore. Dahinter steht eine Rechtsaußen-Politik, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus. Auf die „Bootsflüchtlinge, die nur das Mittelmeer verschmutzen“, solle man schießen, verlangten Lega-Politiker. Lega-Truppen streifen als Bürgerwehren nachts durchs Veneto, um „gegen Ausländer und Drogenhändler“ vorzugehen. Und unlängst haben lokale „Leghisti“ ein Schwein auf ein Gelände getrieben, auf dem eine Moschee entstehen sollte.

1996 hatte Bossi sein „Padanien“ für selbstständig erklärt. Heute verlangt er nur noch, den zentralistischen Staat Italien in föderalistischer Weise umzubauen. Vor allem soll der Norden sein Geld nicht mehr nach Rom abliefern müssen, sondern nach Südtirols Beispiel selbst verwalten dürfen.


Starke Wirtschaftsleistung

Gerade mit „Sicherheit“ und „fiskalischem Föderalismus“ punktet Bossi im Norden am meisten. Dort gibt es einige hunderttausend Kleinunternehmer, die mit Spezialprodukten bestens auf dem Weltmarkt vertreten sind. Da sind die Möbel-, die Feinmechanik-, Optik-, Textil-, Schuh- und Sportartikelfirmen, die immer noch gegen Osteuropa und China bestehen. Es gibt Provinzen, die pro Kopf mehr erwirtschaften als Bayern, und den Landkreis Treviso, der allein so viel exportiert wie ganz Griechenland. Und alle schlagen sich herum mit staatlicher Bürokratie und mangelnder Infrastruktur. Der von Rom aus gelenkte Straßenbau bleibt weit hinter den Bedürfnissen einer boomenden Region zurück.

Gewerkschaften und Kommunisten haben sich vorwiegend um die Massen der Fiat-Arbeiter gekümmert. Die Beschäftigten der unzähligen Kleinunternehmen fühlten sich allein gelassen. Dino Greco von der Arbeiterkammer in Brescia sagt, die Linke sei im Norden längst nicht mehr verwurzelt: „Nur die Lega hat eine örtliche Identität geschaffen, wo die Arbeiter keine andere Identität hatten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2008)