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Kuba: Grenzen fallen, der Konsum blüht

(c) AP (Javier Galeano)
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Eine Revolution im Rückwärtsgang: In Kürze können Kubaner frei ins Ausland reisen. Während sie Handy-Shops stürmen, wettert Genosse Fidel gegen Reformen und Kaufrausch.

HAVANNA/Wien. Wenn man Kubanern gegenüber die „weiße Karte“ erwähnt, sehen sie rot. Sie ist bis heute die karibische Version des Eisernen Vorhangs: eine für die meisten unerschwingliche Reiseerlaubnis, auf die man Monate oder oft auch vergeblich wartet.

Nun gab die neue Regierung unter Raúl Castro grünes Licht für das Ende der „tarjeta blanca“. Die maximale Aufenthaltsdauer im Ausland wird von elf Monaten auf zwei Jahre verlängert. Das Gefängnis unter Palmen, als das viele Kubaner ihren Staat empfinden, öffnet seine Pforten. Es ist die symbolträchtigste Reform, die Fidels Castros Bruder Raúl seit seiner Machtübernahme im Februar eingeleitet hat. Doch auch nicht mehr: Die meisten Kubaner können mangels Geld von einer Reise ins Ausland nur träumen. Immerhin hat Raúl Castro Wort gehalten. Viele der „absurden Verbote“, die er im November geiselte, hat er bereits aufgehoben.

Kubaner dürfen nun in Touristenhotels wohnen, Autos mieten, Mobiltelefone, Computer und Fernseher kaufen. 2003 wurde alles Elektronische aus den Geschäften verbannt, vorgeblich zur Bekämpfung von Stromengpässen. Nun ist nicht nur das Land wieder unter Strom, sondern auch seine Bewohner: Den Erlässen folgte ein Konsumrausch auf kubanisch.

Die ersten Mopeds knattern über die von Schlaglöchern übersäten Straßen. Vor den Handy-Shops, die aus dem Boden sprießen, bilden sich lange Schlangen. Jeder will der erste sein, der die neuen Rechte genießen kann. Die Verkäufer staunen, wie viele sich den Luxus leisten können. Denn die Freiheit hat einen hohen Preis. Zu bezahlen ist sie in konvertierbaren Pesos, und die haben den 24-fachen Wert der kubanischen, in denen der Staat die Löhne auszahlt. So kostet ein Einstiegspaket aus Handy, Vertrag und Telefonwertkarte das Zehnfache des mittleren Monatsgehalts von 19 Dollar.


Bauern bekommen Brachland

Doch so mancher Kubaner hat konvertierbare Schätze angesammelt. Sie kommen aus dem Tourismus, dem Schwarzmarkt, den Zusendungen von Exilkubanern und der Korruption – etwa einer Gefälligkeit für die Ausstellung einer weißen Karte. „Hinter jedem Verbot ohne Rechtfertigung findet man viele illegale Handlungen“ – so begründete Raúl Castro die neuen Lockerungsübungen.

Seinen Bruder muss er erst überzeugen. Fidel murrt. Die politische Macht hat er abgegeben, aber als Kolumnist der Parteizeitung „Granma“ wahrt er seinen Einfluss. In den „Betrachtungen des Genossen Fidel“ warnt er vor der Konsumsucht. Die Verbote seien nach dem Fall der Sowjetunion notwendig gewesen, um die Revolution im isolierten Kuba zu retten, und sie seien es noch heute.

Es gehe nicht darum, durch Handys und Reisen den anderen, den Imperialisten, ähnlich zu werden: „Wir müssen uns selbst ähnlicher werden, damit es uns gelingt, den Sozialismus zu errichten“. Seltsam gestrig klingt dies im Kuba von 2008. Doch in einem hat Castro recht: Nur eine Minderheit kann die neuen Freiheiten nutzen.

Es sind von allem die „cuentapropistas“, die „auf eigene Rechnung Schreibenden“, die es nach der reinen sozialistischen Lehre gar nicht geben dürfte. Nur 150.000 der elf Mio. Kubaner sind selbstständig. Doch es sollen mehr werden, auch unter den Bauern. 50 Prozent der Anbaufläche liegt brach. Nun wird sie über Kooperativen an die Bevölkerung verteilt, um die Produktivität zu steigern – auch für „Granma“ ein „Trampolin für weitere Veränderungen“.

Bis diese Reformen spürbar werden, bleibt für die Mehrheit der Kubaner nur das gute Gefühl, nicht mehr Bürger zweiter Klasse zu sein: Sie dürften viel Geld ausgeben, wenn sie es denn hätten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2008)