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Was hängen bleibt

(c) Gepa (Andreas Troester)
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Fußball. Wir hatten natürlich keine Ahnung. Ich war 13. Aber den Lask-Tormann namens Harreither, den kannte ich aus „Bravo“. Als ich einmal Harreither in der Dusche interviewte: eine Erinnerung, ein Traum, ein Albtraum?

Das Alter zwischen 13 und 18 Jahren ist das schwierigste Alter von allen Altersstufen überhaupt. Man beginnt zu denken, kann es abernoch nicht, man beginnt zu lieben, findet aber niemanden, den man lieben könnte, man beginnt zu schreiben, weiß aber nicht, über was, man steht in Widerspruch, weiß aber nicht, zu wem oder was. Zu allem irgendwie. Was sich konkret anbietet, sind die Eltern und die Schule. Viele Jugendlichegründen in dem Alter eine Schülerzeitschrift. Wenn sie nicht Drogen nehmen, Alkohol trinken oder überhaupt auf der Straße landen. Ich gründete mit 13 eine Schülerzeitschrift. Keine Ahnung mehr, wie sie hieß.

Die Schülerzeitschrift, die wir dann mit 15 gründeten, hieß zuerst „Ungenügend“, dann„Pinsch“ und dann „Fleck“, weil nämlich je- de Zeitschrift nach ein paar Nummern jeweils verboten wurde und dann neu gegründet werden musste. Darin schrieben wir über antiautoritäre Erziehung („Erzieht die Erzieher!“), unnötige Sexmessen („Vereinigt euch unentgeltlich auf der Straße!“), religiöse und gesellschaftliche Grundsatzfragen(„Onanieren ist gesund“, „Zerstört, was euch zerstört!“) und antimilitaristisches Gedankengut („Lieber rot als tot“). 1968 wurde ich 15. Im Jahr 1966, als ich 13 wurde, war vonall dem noch keine Rede. Zumindest nicht in Österreich. Und nicht mit 13. Da ist der oben beschriebene Konflikt naturgemäß am schlimmsten. Was, fragt sich der oder die 13-Jährige, die oder der weder Dro-
gen nimmt, weil er oder sie gar keine auftreiben könnte, noch Alkohol trinkt, weil es nichtschmeckt, noch den Mut hätte, auf der Straße zu landen, weil der Winter 1966 besonders kalt war. Man überlegt, welche Themen man aufgreifen könnte. So eine Schülerzeitschrift muss ja kritisch sein, das weiß man auch schon mit 13. Ein kritisches Thema ist natürlich die Schule immer. Aber was sollte man besonders kritisieren? Der Englisch- und der Mathematikunterricht kamennicht in Frage, dazu waren alle, die an der Schülerzeitung mitarbeiten wollten, viel zu schlecht in Englisch und Mathematik. Der Deutschunterricht? Der machte uns eigentlich Spaß, weil unsere Deutschlehrerin ein Krimifan war und uns im Unterricht von allen möglichen Morden berichtete, die naturgemäß viel interessanter waren als tote Formeln. Chemie? Unsere Lehrerin war ein alter Nazi, aber damals wussten wir noch nicht, was ein alter Nazi ist. Und einfach nur schreiben, dass sie eine unsympathische, bösartige, eingebildete Person war, ging auch nicht. Es kam also darauf an, ein Thema zu finden, das an sich so kritisch war, dass man es gar nicht kritisch behandeln musste. Und das war der Fußball.

Ich muss dazu sagen, dass ich in ein wirtschaftskundliches Realgymnasium ging, wir waren eine reine Mädchenschule und hatten Kochen und Nähen als Hauptfächer. Fußball spielte dementsprechend keine Rolle. Kein Mädchen, das in ein wirtschaftskundlichesRealgymnasium ging, wäre mit 13 Jahren auf die Idee gekommen, auf den Fußballplatz zu gehen und Fußballspiele anzuschauen. Wir auch nicht. Aber das war egal. Fußball war in unserem Fall absolut revolutionär. Besonders mit 13. Es gab praktisch keine 13-jährigen Mädchen, die alleine (was so viel heißt wie: ohne Mann) auf den Fußballplatz gingen. Als Mädchen auf den Fußballplatz zu gehen war auch mit 14noch revolutionär. Besonders, wenn man sowie ich eine Truppe jugendlicher Schläger begleitete, die Bindermichler, die sich nach jedem Fußballspiel eine Schlägerei mit den verfeindeten Froschbergern lieferten. Ich glaube, es gingdamals darum, dass die proletarischen Bindermichler für den SK Vöest und die besseren Froschberger für den Lask waren. Ich musste immer die Jacken halten. Aber das war, wie gesagt, erst später. Mit 13 ging es darum, sich überhaupt als Schülerin eines wirtschaftskundlichen Realgymnasiums zum Fußball zu bekennen. Wir hatten natürlich keine Ahnung. Fußball war genauso langweilig wie Autorennen. Beides schaute meine Mutter bei jeder Übertragung im Fernsehen an, wobei sie in kritischen Momenten laut schrie. Mein Vater zog dann eine Augenbraue hoch und las weiter in den „Buddenbrooks“, was ich damals für genauso langweilig hielt. Wir beschlossen also, uns ins Zentrum der Fußballereignisse zu stürzen. Das Zentrum der Fußballereignisse in Linz war 1966 Harreither.

Wenn Sie, so wie ich, keine Ahnung von Fußball haben und sich auch für Fußballnicht interessieren, weil Sie ihn immer noch genauso langweilig finden wie die „Buddenbrooks“ und also auch nicht wissen, wo Harreither überall (außer beim Lask) gespielt hatund was aus ihm geworden ist, ja, wenn Sie nicht einmal seinen Vornamen wissen oder ob er noch lebt, aber eine Geschichte über ihn veröffentlichen wollen oder sollen, dann schauen Sie heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei „Google“ nach. Die erste Eintragung unter Harreither, auf die Sie stoßen werden, ist: „Spitze in der Haustechnik“. Sie werden – so die geöffnete Homepage – Bekanntschaft mit einer „unvergleichlichen Behaglichkeit“ machen. Sie werden nach 20 weiteren Eintragungen erfahren, dass gemäß dem Harreither-Grundsatz (von dem Sie sich viel erwartet haben) „Behaglich wohnen, Umwelt schonen“ ein optimales Raumklima unter Berücksichtigung von ökologischen Gesichtspunkten erreicht werden kann. Sie können sich auch eine Landkarte herunterladen, die anzeigt, wo die meisten Menschen mit Namen Harreither in Deutschland wohnen. Später dann werden Sie auf Reinhardt Harreither und„Das frühe Christentum am österreichischen Donaulimes – zwischen Florian und Severin“ stoßen. Sie werden auch auf den SV Harreither, einen FC Harreither und eine Union Harreither stoßen. Nur auf keinen Tormann namens Harreither.

Auf Seite 15 der Eintragungen zu Harreither finde ich immerhin in der Auflistung der Spiele 1965/66 in der fünften Runde Rapid gegen Lask (3:0) unter den Lask-Spielern den Namen Harreither. Ohne Vornamen natürlich. Ich suche weiter. Aber ich finde ihn nicht unter den unzähligen Kesselherstellern,Altertumsforschern, Heizsystementwicklern,Möbelmachern, Sprachtalenten, einem Stellvertretenden Vorsitzenden der HG II (was immer das sein mag), einem Vorsitzenden des
Wiener Krankenanstaltenverbundes, einem Mitglied des Vereins zur Förderung der christlichen Archäologie und einem Deckrüden (oder seinem Besitzer) namens Leopold Harreither. Auf Seite 33 gebe ich auf. Wie kann ein Mensch nur so vollkommen aus einem Netz verschwinden, das doch angeblich alle Orte der Welt und alle Zeiten umfasst? Als hätte es ihn nie gegeben. Oder ist mein Harreither vielleicht nur Einbildung? Ein Jungmädchentraum, geträumt von der 13-jährigen Schülerin eines wirtschaftskundlichen Realgymnasiums, die sich vorstellte, einmal einen großen, schwarzhaarigen Mann mit behaarten Armen und einem Schnurrbart in der Dusche zu interviewen?

Irgendwann 1966 gingen meine Freundin Brigitte und ich an einem sonnigen Samstagnachmittag zu einem Fußballspiel des Lask. Vielleicht war es ja das Spiel gegen Rapid, bei dem der Lask 3:0 verlor. Das Stadion war ziemlich voll, aber wir fanden trotzdem irgendwo eine ruhige Ecke. Bis zur Halbzeit wussten wir nicht, auf welcher Seite eigentlich der Lask und auf welcher Rapid spielte. Wir erfuhren es in der Pause an dem Würstelstand, an dem wir Frankfurter und ein Bier kauften, wie alle anderen auch. Bei der Gelegenheit erfuhren wir auch, dass Harreither ein Weiberer war, wie sich ein Fußballfan mit einem grün-weißen Trikot ausdrückte. Jetzt muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich mit 13 noch nicht wusste, was ein Weiberer ist. Meine Freundin Brigitte wusste es auch nicht. Wir stellten uns darunter am ehesten einen weibischen Mann vor. Das wunderte uns, weil das Harreither-Porträt, das wir in „Bravo“ gesehen hatten undaufgrund dessen wiruns entschieden hatten, Harreither zu intervie- wen, gar nicht weibisch gewesen war. Im Gegenteil. Fast so männlich wie Lex Barker als Old Shatterhand, nur jünger und schöner.Nach der Pause stellten wir uns auf die Seite,auf der Harreither alsTormann spielte. Wir waren dabei zufällig in den Sektor der Rapid-Fans geraten, was uns aber egal war. Nicht ganz egal war uns, dass einer der Rapid-Anhänger meine Freundin beim 3:0 küsste und dass ein anderer mir im Freudentaumel auf die Füße trampelte. Aber anscheinend gehörte das zu einem richtigen Fußballspiel dazu. Genauso wie die unerträglichen Schreie und Pfiffe, das Trampeln und Jaulen und Trompeten. Das alles erinnerte mich hauptsächlich an meine Mutter, die gar nicht wusste, dass wir zum Fußballspiel Lask gegen Rapid gegangen waren, weil sie mir das niemals erlaubt hätte, weil sie der Ansicht gewesen wäre, junge Mädchen hätten auf einem Fußballplatz nichts zu suchen. Wenn sie gewusst hätte, dass wir anschließend sogar die Kabinen der Fußballer aufgesucht haben, wäre sie ausgeflippt, wie wir damals sagten und wie die Jugendlichen heute auch noch sagen.

Nach dem Abpfiff – den Begriff hatten wirvon den Fußballfans um uns herum gehört, und wir notierten ihn gleich in unser blaues Schulheft, das wir auch für das Interview verwenden wollten – sprangen wir einfach über den Zaun am Rand des Fußballfeldes. Der Zaun war damals noch kein richtiger Zaun, sondern mehr so eine Fußstütze für die erste Reihe. Dann liefen wir quer über das Fußballfeld. Ich weiß noch, dass es mir ziemlich groß vorkam und dass hässliche Löcher in dem schönen grünen Rasen waren. Und dass die Sonne schien und mich blendete. Auf der anderen Seite des Fußballfeldes, dort, wo Harreither mit seiner Mannschaft verschwunden war, mussten die Mannschaftsräume sein. Es war uns klar, dass wir niemanden um Erlaubnis fragen durften. Hier hieß es handeln wie sechs Jahre später die mutigen Journalisten in der Watergate-Affäre. Wir drangen also in die Mannschaftsräume ein. Ich bin ziemlich sicher, dass wir unsere Miniröcke anhatten. Wir hatten damals immer unsere Miniröcke an, wenn wir etwas Spannendes vorhatten. Das heißt, streng genommen waren es keine Miniröcke, sondern es waren ganz normale Röcke, die wir aber irgendwie aufkrempelten, so dass sie möglichst kurz aussahen. Brigitte hatte damals lange blonde Locken, und ich hatte ganz kurze Haare, wie zwei Jahre später Mia Farrow in „Rosemaries Baby“ und, ebenfalls 1968, Uschi Glas in „Zur Sache, Schätzchen“.

Bereits der Flur, von dem die Mannschaftsräume abgingen, war stickig. Martialisches Stimmengewirr kam von überall her. Ich hatte Herzklopfen, als ob ich in einen Kriminalfilm geraten wäre oder in einen Horrorfilm oder in einen Pornofilm. Und tatsächlich: Als wir den erstbesten Raum betraten, standen überall nasse, nackte Männer herum. Wir waren offenbar in die Duschräume geraten. Es gab nur zweiMöglichkeiten: sofort abhauen oder Nerven bewahren. Wir entschieden uns für Nerven bewahren wie Jack Lemmon und Tony Curtis in der Schlafkoje mit einer gesamten Damenkapelle in „Manche mögen's heiß“. Wir fragten also ganz sachlich nach Harreither. Ich glaube, der halbe Lask grölte bereits. Selbstverständlich weiß ich nicht mehr, wassie alles zu uns sagten, weil ich nämlich damals gar nicht hinhörte, um nicht eventuell ganz rot im Gesicht zu werden, ich weiß nur, ich wäre rot geworden, wenn ich hingehört hätte. Zum Abhauen war es natürlich zu spät. Jetzt ging es nicht nur darum, die Nerven zu bewahren, sondern auch das Gesicht. Das trugen wir, aus demselben Grund, möglichst hoch. Ein o- beiniger Lask-Spieler – offenbar hatte ich esdoch gewagt, ab und zu das Gesicht zu senken – führte uns schließlichzu der Dusche, unterder Harreither stand. Es war wie in einem Albtraum: Der große, dunkelhaarige, überhauptbehaarte und jetzt von oben bis unten eingeseifte, muskelbepackte, grinsende Weiberer Harreither beantwortete, unter der Dusche stehend, unsere folgenden Fragen: Wie sind Sie zum Fußball gekommen? Haben Sie eine Freundin? Was sind Ihre Wunschvorstellungen?

Keine Ahnung, was er antwortete. Tatsächlich stand später in der Schülerzeitung nur seine Antwort auf die Frage: Wie sind Sie zum Fußball gekommen? Sie lautete in etwa: Ich habe immer gern Fußball gespielt. Das haben wir natürlich etwas ausgebaut, sodass es etwa eine Seite in Anspruch nahm. Die anderen beiden Fragen sind gar nicht vorgekommen. Wer weiß, was er geantwortet hat. Er war ja ein Weiberer. Vielleicht hat er uns eingeladen auf ein Glas Sekt in seine Wohnung, so wie meine Freundin Lena, die vor nunmehr 38 Jahren einmal mit Harreither geschlafen hat und die sich leider – ich hab sie bereits angerufen – auch nicht an seinen Vornamen erinnert. Aber vielleicht hat er damals, unter der Dusche, ja auch nur gesagt, dass er keine Freundin habe und nie eine gehabt habe und auch nie eine haben werde bei seinem Trainingsprogramm. Vielleicht hat er von seinen Träumen und Wünschen gesprochen, und dass er lieber ein anderer gewesen wäre. Ein Automechaniker oder Schlosser, jemand, der etwas zu sagen hat und nicht immer nur gedrillt wird von einem hysterischen Trainer. Vielleicht hätte er gern etwas mehr Zeit gehabt, zum Lesen oder Spazierengehen oder Studieren. Und vielleicht sind ihm ja auch seine Fans maßlos auf die Nerven gegangen mit ihrem ständigen Gebrülle. Und die Journalisten, die nur loben, wenn die Mannschaft gewonnen hat, und nie, wenn sie verliert. Vielleicht ist er verheizt worden, sehr jung. Hat Schmerzen in den Beinen gehabt oder im Rücken oder war im Grunde ein Melancholiker oder ein Träumer oder ein Aussteiger, der gar nicht in dieses Fußballmilieu passt, das ja doch nur darin besteht, dass hüftlahme Zuschauerkörperliche Leistungen geboten bekommen, die sie selbst nie erbringen könnten.

Vielleicht ist Harreither ja kurz nach unserem Interview abgetaucht und nie mehr wieder aufgetaucht. Vielleicht hat er alle Spuren verwischt, so dass wir bis heute seinen Vornamen nicht wissen und er für immer gelöscht ist aus allen Erinnerungen und Netzen. Weltweit. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2008)