Henry Millers seltsamste Erzählung im Akademietheater: kunstvoll und bezaubernd vorgetragen.
Als der schwarze Vorhang des Akademietheaters hochgeht, kommt ein imposantes Bühnenbild von Erich Wonder zum Vorschein: Ein riesiger safranfarbener Block, der im Verlauf des Abends wie von innen zu leuchten beginnt. Links hinten sind drei Schatten aufs Bild gezeichnet, die erste Figur zeigt nach rechts. Von dort tritt Annemarie Düringer auf, im Trenchcoat, mit Hut. Sie geht an die Rampe, legt beides auf eine Reihe mit Theatersesseln, stellt sich an ein Pult und beginnt Henry Millers seltsame Erzählung „Das Lächeln am Fuße der Leiter“ vorzutragen, 70 Minuten lang. Damit haben Miller und seine Interpretin (Leitung: Klaus Pohl) das Publikum am Samstagabend bezaubert.
Mit hoher, fast brüchiger Stimme spricht Düringer über die Ekstase, in die der Clown August fällt, wenn er die Menschen glücklich machen will, die Menschen, die dann nur haltlos über seine Späße lachen. Es geht um den Mond, eine Himmelsleiter, Träume und böses Erwachen, wahrscheinlich aber um mehr; um die Suche nach dem Selbst, um das Ende. Im Erzählen neigt sich Düringer stärker vor, wenn es die Dramatik dieses kunstvoll gedrechselten Textes erfordert, seufzt zuweilen sogar wie aus reinem Mitgefühl.
August macht dramatische Veränderungen durch. Eines Tages erwacht er aus der Trance erst nach der Aufführung hinter der Bühne, er „flieht aus der Welt, die er kannte“. Bald aber hört man wieder Zirkusmusik im Hintergrund, August schließt sich diesem anderen Zirkus an, verrichtet dort einfache Dienste, bis er eines Tages dessen erkrankten Clown Antoine vertritt und ihn besser spielt als der es je gekonnt hätte.
Nun geht es um Leben und Tod. Düringer spielt das subtil aus, legt Pausen ein, setzt sich auf einen der Sessel, bekommt Wasser kredenzt, greift sich dramatisch an den Hals, als die Stelle kommt, an der Antoine an gebrochenem Herzen stirbt. Und wieder begibt sich die Kunstfigur auf die Suche nach dem Sinn. „Ich muss lernen, als August glücklich zu werden, als der Clown, der ich bin.“ Düringer liest jetzt sehr langsam, gefasst, es wird dunkel, sie erscheint wie ein Schatten. Ende.
Miller schreibt im Epilog seiner Erzählung, die er 1948 veröffentlichte: „Der Clown ist ein handelnder Dichter. Er ist selbst die Geschichte, die er spielt.“ Düringer hat sich dieser Geschichte einer schweren Krise ausgesetzt – ohne Pathos, mit großem Staunen, wie ein echter Clown, der sein bemaltes Gesicht vor dem Auftritt im Spiegel betrachtet.
Weitere Termine: 4. und 23.Mai
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2008)