Beschwerden legen Unesco lahm

Das Belvedere sorgt für Ärger mit dem Unesco-Beirat, während die Unesco in der massiven Zahl an Beschwerden über Welterbe-Verstöße aus Wien untergeht.
(c) APA (Harald Hofmeister)

Interview. Rudolf Zunke, neuer Wiener Welterbe-Beauftragter: Unesco in Paris ist mit der Beschwerdeflut aus Wien heillos überfordert.

Die Presse: Heikle Welterbe-Angelegenheiten waren immer bei Stadtrat bzw. Planungsdirektor angesiedelt – jetzt bei Ihnen als Referenten. Wieso ist das Welterbe nicht mehr Chefsache?

Rudolf Zunke: Es ist weiterhin Chefsache. Ich arbeite eng mit Stadtrat Rudi Schicker und Planungsdirektor Kurt Puchinger zusammen. Ich habe die vergangenen Jahre auch mit meinem Vorgänger Arnold Klotz eng zusammengearbeitet.

Der Unesco-Beirat Icomos setzt das Belvedere auf seine Liste der bedrohten Kulturdenkmäler; wegen der Bahnhof-City. Was läuft schief?

Rudolf Zunke: In der Liste bedrohter Kulturdenkmäler werden Projekte aufgelistet, die aus Sicht von Icomos einen negativen Einfluss auf das kulturelle Erbe haben. Diese Liste ist keinesfalls mit der von der Unesco geführten „List of World Heritage in Danger“ zu vergleichen. Fakt ist, dass der Blick auf das Obere Belvedere durch die Hochhäuser der Bahnhofs-City in keiner Weise beeinträchtigt ist.


Wie legen Sie Ihre Rolle als Hüter des Weltkulturerbes an?

Zunke: Ich bin von meiner Ausbildung her Historiker, nicht nur Techniker. Deshalb habe ich einen anderen Blickwinkel auf manche Dinge. Es ist aber notwendig Aufklärungsarbeit zu betreiben. Einerseits potenziellen Investoren klar zu machen, dass es Spielregeln gibt. Andererseits der Unesco deutlich zu machen: Wir haben darauf reagiert, dass Wien seit 2001 Welterbe ist. Beispielsweise werden Dachausbauten strenger gehandhabt. Und wir informieren die Unesco weiterhin vorab.


Wieso gibt es dann laufend Bürgerproteste gegen geplante Projekte im Zusammenhang mit dem Welterbe?

Zunke: Es ist oft der Fall, dass Bürgerinitiativen durchaus legitime Interessen haben, wo das Weltkulturerbe aber als Vehikel benutzt wird. Diese Interessen haben mit dem Welterbe aber nichts zu tun.

 

Das Thema „Welterbe“ wird populistisch missbraucht?

Zunke: Das ist sehr verkürzt formuliert. Die Unesco hat das Problem, dass sie permanent mit Bürgeranfragen konfrontiert wird. Zuletzt waren es sogar Tiefgaragenprojekte, die weit entfernt der Kernzone sind, wo es nicht um Sichtachsen geht. Trotzdem wurde die Unesco bemüht nach dem Motto: „Bitte kommt nach Wien. Hier gibt es eine Katastrophe.“

 

Kommt nicht aus Paris die Anfrage: Was ist bei euch in Wien los – weil die Unesco von Bürger-Anfragen überrannt wird?

Zunke: Anfragen prüfen ist das tägliche Geschäft der Unesco. Die Stadt Wien ist aber gut unterwegs. Im internationalen Vergleich ist es bei uns ein Sturm im Wasserglas. In Prag wird z.B. eine Hochhausgruppe geplant, wo es Welterbe-Probleme gibt. Der Premierminister hat angeblich erklärt: Verzichten wir freiwillig auf den Status als Unesco-Weltkulturerbe. Das ist für unseren Tourismus unnötig. Da ist die Situation in Wien eine andere.

 

Es muss eine hohe Unzufriedenheit geben, wenn sich Bürger direkt an die Unesco wenden – und nicht an die Stadt. Was tun Sie dagegen?

Zunke: Ich kann Bürgerinitiativen nur anbieten, den Kontakt zur Stadt zu suchen. Ich kann aber nicht versprechen, dass ein Projekt realisiert oder nicht realisiert wird. Aber die Bürgerinitiativen erkennen mit der Zeit, dass die Unesco mit diesen Anfragen heillos überfordert ist und deshalb Wien um Stellungnahmen bittet. Das Vorgehen der Bürgerinitiativen ist nicht sinnvoll, weil es über die Bande zu uns zurückgeht.

 

Was sagen Sie Wienern, die sich über die Zerstörung des kulturellen Erbes beschweren?

Zunke: Ich versuche mit allen Seiten zu reden und die Regeln auf den Tisch zu legen. Gesetzliche Regelungen sind einzuhalten. Trotzdem sehe ich mich eher als Mediator.


Als Mittler? Müssten Sie als Welterbebeauftragter nicht auf der Seite des Welterbes stehen?

Zunke: Ich stehe auf der Seite des Welterbes. Die Unesco spricht sich aber nicht gegen neue Entwicklungen im Welterbe-Umfeld aus. Städte können nur erhalten werden, wenn sie lebendig sind.

 

Apropos lebendig: Derzeit gibt es vitale Ausbau-Pläne beim Eislaufverein. Was wird daraus?

Zunke: Im Zusammenhang mit dem Welterbe kann ich mir absolut nicht vorstellen, dass es dort zu höheren Bauten kommen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2008)