USA. Das „Newseum“ in Washington soll ein Museum für Journalismus sein, ist aber eher elektronische Spielwiese.
Die Tür ist alt, abgewetzt, abgeschlagen und in einem unglaublich hässlichen Gelb gestrichen. Doch diese zwei Meter hohe Pressspanplatte ist indirekt für den Sturz eines US-Präsidenten verantwortlich. Diese Tür brachen fünf Einbrecher am 28.Mai 1972 auf, um in die Parteizentrale der demokratischen Partei im Watergate-Komplex in Washington zu kommen. Zwei Jahre später musste der damalige Präsident Richard Nixon wegen seiner Involvierung in den Einbruch und die Abhöraffäre zurücktreten.
Die gelbe Tür ist zweifellos eines der Glanzstücke des „Newseum“ in Washington. Kaum ein Artefakt veränderte den modernen Journalismus nachhaltiger als diese simple Tür. Ein paar Schaukästen weiter kann man eine der Konsequenzen sehen: Einen Notizblock des „Washington Post“-Journalisten Bob Woodward, der gemeinsam mit seinem Kollegen Carl Bernstein mit hartnäckigen Recherchen den Fall Nixons mitverursachte und damit eine neue Art Journalismus schuf.
Symbolträchtige 450 Millionen Dollar
Für professionelle Besucher bleibt die Tür eines der wenigen Highlights des neuen Museums für Medien und Journalismus auf der Pennsylvania Avenue, symbolträchtig platziert zwischen Kapitol und Weißem Haus. Das 450 Millionen Dollar teure „Newseum“ ist weniger eine Hommage an den Journalismus, sondern mehr ein elektronischer Erlebnispark, mit dem man die beeindruckende Museen-Meile auf der „Mall“ in Washington erweitert hat.
Ein ganzes der sieben Stockwerke ist ausschließlich dem Spiel gewidmet. An verschiedenen Touchscreen-Monitoren kann man sich als Pressefotograf oder Redakteur versuchen; man muss dabei Deadlines einhalten, kann Fotos schießen und auswählen sowie Texte schreiben. Vor etlichen TV-Kameras darf jeder einmal live aus dem Weißen Haus, dem Kapitol oder dem Pentagon berichten. Den Auftritt kann man sich später von der Webseite des Museums herunterladen.
Zusätzlich bietet man 15 (Kino-)Säle, in denen Dokumentationen in der Gesamtlänge von 23 Stunden gezeigt werden. Auf verschiedenen kleineren Monitoren kann man Fernsehberichte großer Ereignisse abrufen – von der Explosion des Space Shuttle Challenger bis zum Attentat auf John F. Kennedy. „Wir sind das interaktivste Museum der Welt“, erklärte Direktor Joe Urschel stolz.
Bei so viel Unterhaltung kommen die Hintergründe großer Ereignisse zu kurz, etwa der Fall der Berliner Mauer. Zwar hat man ein gut zehn Meter langes Originalteil der Mauer aufgestellt, inklusive des Wachturms, und rühmt sich, die umfangreichste Sammlung von Erinnerungsstücken der ehemaligen Grenze außerhalb Deutschlands zu haben.
Doch die Geschichte rundherum wird nur mit wenigen Schautafeln abgehandelt. Keine Kopien der „Flash“-Meldungen, als die Mauer fiel; keine Titelseiten, die über den historischen Tag 1989 berichten; keine Schilderungen über die sehr schwierige Arbeit der Medien im einst größten Gefängnis der Welt.
Etwas umfangreicher ist immerhin die „9/11-Gallery“, die den Anschlägen vom 11.September 2001 gewidmet ist. Man zeigt die grotesk verbogene Sendeantenne vom Nordturm des World Trade Centers; einen Stein aus dem Pentagon und einen Teil des Triebwerks jenes entführten Flugzeugs, das über Pennsylvania abstürzte. Dazu gibt es eine Sammlung von Titelseiten aus aller Welt, in denen damals über das Ereignis berichtet wurde – darunter befindet sich auch die der „Presse“.
Eine weitere Galerie präsentiert alle Fotos, die jemals einen Pulitzer-Preis gewonnen haben – inklusive Interviews mit den Fotografen. Und einen Stock höher widmen sich die Kuratoren der direkten Bedrohung von Fotografen und Tageszeitungen: Videos und Internet-Blogs. Mit einem Nokia N70-Handy machte beispielsweise ein Student jene unscharfen Aufnahmen der Schießerei an der Virginia-Tech-Universität, die jeder mit dem Ereignis verbindet wie man einst das schreiende, nackte Mädchen mit dem Vietnam-Krieg verbunden hat.
20 Dollar Eintritt – auch das ist neu
Billig ist der Eintritt in das Newseum nicht: 20 Dollar bezahlt ein Erwachsener, Kinder bis zwölf Jahre 13 Dollar. Für die 20 Millionen Besucher, die jährlich nach Washington kommen, ist auch das ein neues Erlebnis: Die vielen Museen der Smithsonian-Stiftung – vom Air-and-Space- bis zum Naturhistorischen Museum – sind alle kostenlos.
Ein nicht zu unterschätzender Beitrag für das neue Museum kommt übrigens aus Österreich: Für das Essen im Restaurant „The Source“ ist der gebürtige Kärntner Starkoch Wolfgang Puck verantwortlich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2008)