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Dollars statt Brot

Die globale Spekulation mit dem Hunger

02.01.2017 um 20:22
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Hauptbild • (c) EPA (Dennis M. Sabangan)
Wer hierzulande in den Supermarkt geht, wird alles finden, was für die tägliche Ernährung notwendig ist.  Viele Österreicher müssen derzeit allerdings zusehen, wie die Preise für Lebensmittel, Treibstoff und Energie ständig steigen. Aufgrund der Inflation bleibt am Monatsende immer weniger vom Lohn übrig.  Von diesen Zuständen ...
Wer hierzulande in den Supermarkt geht, wird alles finden, was für die tägliche Ernährung notwendig ist. Viele Österreicher müssen derzeit allerdings zusehen, wie die Preise für Lebensmittel, Treibstoff und Energie ständig steigen. Aufgrund der Inflation bleibt am Monatsende immer weniger vom Lohn übrig. Von diesen Zuständen ...
(c) AP (Frank Augstein)
... können Millionen Menschen anderswo nur träumen. In den vergangenen Monaten sind die Preise für Nahrung so stark gestiegen, dass sich Bewohner ärmerer Staaten keine Lebensmittel mehr kaufen können.  Die Rede ist nicht von Wurst oder Käse.
... können Millionen Menschen anderswo nur träumen. In den vergangenen Monaten sind die Preise für Nahrung so stark gestiegen, dass sich Bewohner ärmerer Staaten keine Lebensmittel mehr kaufen können. Die Rede ist nicht von Wurst oder Käse.
(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
Sondern von Reis, Mais, Bohnen, Soja oder Weizen - dem "täglich Brot" breiter Bevölkerungsschichten.Die rasant steigenden Lebensmittelpreise entwickeln sich immer mehr zu einer tickenden Zeitbombe. Der Hunger hat politische, strukturelle und natürliche Ursachen.  Doch eine Ursache des jüngsten weltweiten Elends ist völlig neu: Der renditehungrige Handel mit Rohstoffen, der die Preise und damit auch die Gewinne explodierenden lässt.
Sondern von Reis, Mais, Bohnen, Soja oder Weizen - dem "täglich Brot" breiter Bevölkerungsschichten.Die rasant steigenden Lebensmittelpreise entwickeln sich immer mehr zu einer tickenden Zeitbombe. Der Hunger hat politische, strukturelle und natürliche Ursachen. Doch eine Ursache des jüngsten weltweiten Elends ist völlig neu: Der renditehungrige Handel mit Rohstoffen, der die Preise und damit auch die Gewinne explodierenden lässt.
(c) AP (Roberto Candia)
Nach Einschätzung der Weltbank drohen in 33 Staaten weltweit soziale Spannungen und politische Unruhen. Der Auslöser dafür sind unerschwingliche Preise für Lebensmittel - etwa 100 Millionen sind akut vom Hunger bedroht. Damit kehrt ein Thema auf die Agenda zurück, das in der öffentlichen Wahrnehmung während der letzten Jahre oft in den Hintergrund gerückt ist...
Nach Einschätzung der Weltbank drohen in 33 Staaten weltweit soziale Spannungen und politische Unruhen. Der Auslöser dafür sind unerschwingliche Preise für Lebensmittel - etwa 100 Millionen sind akut vom Hunger bedroht. Damit kehrt ein Thema auf die Agenda zurück, das in der öffentlichen Wahrnehmung während der letzten Jahre oft in den Hintergrund gerückt ist...
(c) 4_AP (Pavel Rahman)
... das Gespenst globaler Hungerkatastrophen. Experten der UNO bezeichnen Somalia, den Sudan, die Demokratische Republik Kongo, Afghanistan, Simbabwe oder die Philippinen als Krisenherde.  In Haiti haben tagelange Hungerrevolten bereits zum Sturz der Regierung geführt. In Honduras muss sich die Regierung mithilfe von Soldaten gegen Massenproteste wehren. Und in Ägypten, einem beliebten Urlaubsland vieler Europäer, ist Brot Mangelware geworden.
... das Gespenst globaler Hungerkatastrophen. Experten der UNO bezeichnen Somalia, den Sudan, die Demokratische Republik Kongo, Afghanistan, Simbabwe oder die Philippinen als Krisenherde. In Haiti haben tagelange Hungerrevolten bereits zum Sturz der Regierung geführt. In Honduras muss sich die Regierung mithilfe von Soldaten gegen Massenproteste wehren. Und in Ägypten, einem beliebten Urlaubsland vieler Europäer, ist Brot Mangelware geworden.
(c) AP (Alfred de Montesquiou)
In vielen Regionen sind die Preise für Grundnahrungsmittel in den vergangenen Monaten um 50 bis 80 Prozent gestiegen. Während Österreicher im Schnitt 10 bis 15 Prozent ihres Einkommens für Ernährung ausgeben, müssen Bewohner ärmerer Regionen bis zu 80 Prozent ihres Budgets dafür aufbringen. Entsprechend bedrohen die aktuellen Preissteigerungen ihre gesamte Existenz.
In vielen Regionen sind die Preise für Grundnahrungsmittel in den vergangenen Monaten um 50 bis 80 Prozent gestiegen. Während Österreicher im Schnitt 10 bis 15 Prozent ihres Einkommens für Ernährung ausgeben, müssen Bewohner ärmerer Regionen bis zu 80 Prozent ihres Budgets dafür aufbringen. Entsprechend bedrohen die aktuellen Preissteigerungen ihre gesamte Existenz.
(c) AP (Aaron Favila)
Die meisten Ursachen für Hunger sind in den letzten Jahrzehnten gleich geblieben: - Rasantes Bevölkerungswachstum und wachsender Wohlstand erzeugen eine höhere Nachfrage. - Spätfolgen des Kolonialismus, politische Korruption und die Zollpolitik westlicher Länder verhindern wirtschaftliches Wachstum. - Die globale Erderwärmung sorgt für Klimakatastrophen.  Allerdings ist eine Gruppe von Akteuren in diesem Szenatio völlig neu.
Die meisten Ursachen für Hunger sind in den letzten Jahrzehnten gleich geblieben: - Rasantes Bevölkerungswachstum und wachsender Wohlstand erzeugen eine höhere Nachfrage. - Spätfolgen des Kolonialismus, politische Korruption und die Zollpolitik westlicher Länder verhindern wirtschaftliches Wachstum. - Die globale Erderwärmung sorgt für Klimakatastrophen. Allerdings ist eine Gruppe von Akteuren in diesem Szenatio völlig neu.
(c) AP (George Osodi)
Die Spekulanten.  Anleger an den internationalen Börsen haben in den vergangenen Jahren den Rohstoffmarkt für sich entdeckt. Anstatt mit Aktien zu handeln und auf die künftige Entwicklung von Unternehmen zu spekulieren, setzen Kapitalgeber immer stärker auf Edelmetalle, auf Rohöl - und eben auch auf Agrarprodukte wie Weizen oder Soja.
Die Spekulanten. Anleger an den internationalen Börsen haben in den vergangenen Jahren den Rohstoffmarkt für sich entdeckt. Anstatt mit Aktien zu handeln und auf die künftige Entwicklung von Unternehmen zu spekulieren, setzen Kapitalgeber immer stärker auf Edelmetalle, auf Rohöl - und eben auch auf Agrarprodukte wie Weizen oder Soja.
(c) EPA PETER FOLEY
Das Geschäft mit Agrarerzeugnissen verspricht heute satte Gewinne - Wer beispielsweise Ende 2006 in Weizen investiert hat, konnte seinen Einsatz bis heute glatt verdoppeln.  Die historischen Wurzeln liegen in den US-Termingeschäften: Über die Börse konnten Bauern ihren Weizen verkaufen, bevor er überhaupt geerntet war - und das dringend benötigte Geld sofort neu investieren.
Das Geschäft mit Agrarerzeugnissen verspricht heute satte Gewinne - Wer beispielsweise Ende 2006 in Weizen investiert hat, konnte seinen Einsatz bis heute glatt verdoppeln. Die historischen Wurzeln liegen in den US-Termingeschäften: Über die Börse konnten Bauern ihren Weizen verkaufen, bevor er überhaupt geerntet war - und das dringend benötigte Geld sofort neu investieren.
(c) AP roberto Pfeil
Daraus ist zunächst ein Betätigungsfeld für die Spekulationen von Eingeweihten entstanden. Mittlerweile ist es ein riesiger Markt ...
Daraus ist zunächst ein Betätigungsfeld für die Spekulationen von Eingeweihten entstanden. Mittlerweile ist es ein riesiger Markt ...
10_AP Photo Mark Lennihan
... auf dem auch jeder europäische Privatanleger Anteile kaufen und verkaufen kann.  Allerdings tummeln sich im Handel mit Weizen und anderen Nahrungsmitteln ...
... auf dem auch jeder europäische Privatanleger Anteile kaufen und verkaufen kann. Allerdings tummeln sich im Handel mit Weizen und anderen Nahrungsmitteln ...
(c) EPA FRANK MAY
... nicht nur wohlhabende Privatanleger. Auch internationale Hedge-Fonds mischen kräftig mit.  Hier kommt wieder einmal die globale Krise der Finanzmärkte ins Spiel.
... nicht nur wohlhabende Privatanleger. Auch internationale Hedge-Fonds mischen kräftig mit. Hier kommt wieder einmal die globale Krise der Finanzmärkte ins Spiel.
(c) AP Mark Lennihan
Weil die Finanzmärkte der Welt derzeit in Turbulenzen sind und unter den Akteuren größtes Misstrauen herrscht, suchen die milliardenschweren Großinvestoren nach Alternativen.  Dafür eignet sich kaum ein Bereich besser als...
Weil die Finanzmärkte der Welt derzeit in Turbulenzen sind und unter den Akteuren größtes Misstrauen herrscht, suchen die milliardenschweren Großinvestoren nach Alternativen. Dafür eignet sich kaum ein Bereich besser als...
(c) Bilderbox
... das Geschäft mit Weizen, Zucker oder Mais. Die Nachfrage von Ländern wie China oder Indien wächst beständig. Die Produktion von Bio-Treibstoffen zieht weitere Anbauflächen ab. Und jeder Engpass beschert den Anlegern weitere fantastische Renditesteigerungen.
... das Geschäft mit Weizen, Zucker oder Mais. Die Nachfrage von Ländern wie China oder Indien wächst beständig. Die Produktion von Bio-Treibstoffen zieht weitere Anbauflächen ab. Und jeder Engpass beschert den Anlegern weitere fantastische Renditesteigerungen.
(c) Bilderbox
Betrachtet man die Auswirkungen der ständig steigenden Preise, liegt der kausale Zusammenhang nahe: Spekulation für die einen, Verhungern für die anderen.  Die Instrumente der Beteiligung sind abstrakt und heißen zum Beispiel "Goldman-Sachs-Agricultural-Subindex". Käufer und Verkäufer solcher Papiere sehen wohl kaum aus wie ruchlose Händler...
Betrachtet man die Auswirkungen der ständig steigenden Preise, liegt der kausale Zusammenhang nahe: Spekulation für die einen, Verhungern für die anderen. Die Instrumente der Beteiligung sind abstrakt und heißen zum Beispiel "Goldman-Sachs-Agricultural-Subindex". Käufer und Verkäufer solcher Papiere sehen wohl kaum aus wie ruchlose Händler...
(c) EPA (KENA BETANCUR)
... sondern eher wie normale Angestelle. Ob sie von den Ursachen und Wirkungen nichts wissen oder diese einfach ignorieren, muss offen bleiben.
... sondern eher wie normale Angestelle. Ob sie von den Ursachen und Wirkungen nichts wissen oder diese einfach ignorieren, muss offen bleiben.
(c) AP (David Karp)
Doch Kritik formiert sich nicht nur in der Öffentlichkeit - angesichts des Handels, der diesmal nicht Schicksale von Firmenmitarbeitern, sondern das Leben von Millionen Menschen betrifft.  So forderte der französische Außenminister Bernard Kouchner vor dem Europarat eine "weltweite Regelung", um die Spekulation mit Lebensmittel-Rohstoffen wie Weizen und Reis zu unterbinden.
Doch Kritik formiert sich nicht nur in der Öffentlichkeit - angesichts des Handels, der diesmal nicht Schicksale von Firmenmitarbeitern, sondern das Leben von Millionen Menschen betrifft. So forderte der französische Außenminister Bernard Kouchner vor dem Europarat eine "weltweite Regelung", um die Spekulation mit Lebensmittel-Rohstoffen wie Weizen und Reis zu unterbinden.
(c) AP (Diane Bondareff)
Im vergangenen Jahrhundert prägte André Kostolany, seines Zeichens Finanzexperte, Journalist und selbst begnadeter Spekulant, den Satz:  "Die Triebfeder hinter der Spekulation ist die Gier der Menschen, schnell und ohne Arbeit viel Geld zu machen."
Im vergangenen Jahrhundert prägte André Kostolany, seines Zeichens Finanzexperte, Journalist und selbst begnadeter Spekulant, den Satz: "Die Triebfeder hinter der Spekulation ist die Gier der Menschen, schnell und ohne Arbeit viel Geld zu machen."
(c) AP Mark Lennihan
Dass die "Gier der Menschen, viel Geld zu machen", bald abnimmt, ist nicht sehr wahrscheinlich. Dass renditehungrige Anleger vom Geschäft mit dem knapper werdenden Weizen oder Reis ablassen, auch nicht.
Dass die "Gier der Menschen, viel Geld zu machen", bald abnimmt, ist nicht sehr wahrscheinlich. Dass renditehungrige Anleger vom Geschäft mit dem knapper werdenden Weizen oder Reis ablassen, auch nicht.
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
Anfang April hatte die US-Bank Goldman Sachs ihren Kunden empfohlen, in Sojabohnen und Mais zu investieren. Die Begründung des Finanzkonzerns: In den nächsten Monaten lockten hier sehr gute Gewinne.(mar)
Anfang April hatte die US-Bank Goldman Sachs ihren Kunden empfohlen, in Sojabohnen und Mais zu investieren. Die Begründung des Finanzkonzerns: In den nächsten Monaten lockten hier sehr gute Gewinne.(mar)
(c) AP (Ed Wray)

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