Die Leserin war empört! Müssen denn immer nur die Schwachstellen breitgetreten werden? Fragt sie. Warum keiner über die 97% der Lehrer redet, die gute bis sehr gute Arbeit leisten? Fragt sie. Immer höre man nur von jenen Lehrern, bei denen man angeblich nichts gelernt hat, was, meint die Schreiberin weiter, ohnehin meist nur eine Ausrede sei!
Nun ja: Ich bezweifle stark, dass das mit den 97 Prozent so stimmt. Tatsächlich kenne ich keine einzige Berufsgruppe, die von sich ehrlich behaupten könnte, 97 Prozent ihrer Mitglieder würden „gute bis sehr gute“ Arbeit leisten – ob es sich jetzt um Zahnärzte handelt oder um Verkäufer oder um Installateure. Wobei man natürlich differenzieren muss: Würden 97Prozent der Zahnärzte gute Arbeit leisten, dann hätte ich noch einen Weisheitszahn. Gäbe es 97Prozent gute Verkäufer, dann hingen nur ein paar Leiberln mehr in meinem Kleiderschrank. Wie das wohl mit den Lehrern ist??
Aber eines gebe ich gerne zu: Man redet zu wenig über die Guten. Und um wettzumachen, dass ich in den letzten Kolumnen erstens über meinen Volksschullehrer und zweitens über meinen Lateinprofessor gelästert habe, hier nun meine positiven Erfahrungen (in der Hoffnung, dass jetzt nicht alle aufhören zu lesen, weil bekanntlich nur bad news auch good news sind): Da war meine Deutschprofessorin, die mit uns nicht nur Goethe gelesen hat, sondern auch Wolfgruber: Was einigen die unerwartete Erkenntnis bescherte, dass Literatur nicht völlig „für'd Fisch“ sei. Mein Französisch-Professor, der mit uns bereitwillig über alles diskutierte, was so durch unsere pubertierenden Köpfe spukte: Das muss manchmal durchaus banal gewesen sein, für uns war es wichtig – und immerhin lernten wir Französisch. Oder unsere Geschichtsprofessorin mit ihren Exkursionen: Sie besuchte mit uns eine Gerichtsverhandlung, wo der Verteidiger so unfähig war, dass der Staatsanwalt seine Rolle übernahm und für milde Strafe plädierte.
Voilà – die Guten. Jetzt frage ich mich nur, ob man ihnen wirklich einen großen Gefallen tut, wenn man über ihre miserablen Kollegen nicht spricht.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2008)