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Kritik: Theater: Generation Goretex und die Leichtigkeit des Seins

Grandios: „Die Beine meiner Großmutter“ im Vestibül.

„Manchmal war ich so betrunken, dass ich es auch nur mehr mit dem Treppenlift nach oben schaffte. Nie war ich so zerrüttet wie nach ein paar Tagen bei meinen Großeltern“, berichtet Joachim Meyerhoff in Teil drei seines Soloabends „Alle Toten fliegen hoch – Die Beine meiner Großmutter“. Wie schon in den ersten beiden Teilen (Amerika, Zuhause in der Psychiatrie) bringt er auch hier einen Ausschnitt seines eigenen Lebens auf die Bühne. Dass dies kein einfaches Unterfangen ist, davon zeugen die meisten (geschriebenen) Autobiografien. Zu eitel oder zu oberflächlich, zu intim oder zu allgemein, zu detailverliebt oder zu beschönigend, urteilen Leser und Kritiker des Öfteren. Meyerhoff gelingt die Gratwanderung: Seine Erzählung ist stolz, aber nie eitel, berührend, aber nie kitschig, melancholisch, aber nie larmoyant, lustig, aber nie zotig.

Der Schauspieler hat ein feines Gespür für die richtige Balance zwischen trockenem Humor und persönlicher Betroffenheit. Und: Trotz aller Nähe zu seinen Großeltern, zu seiner Großmutter hält er beim Erzählen einen Respektabstand ein, er schildert, wertet aber nicht. „Alkohol spielte eine große Rolle im Leben meiner Großeltern“, heißt es da oder: „Als sie älter wurden, musste alles leicht sein. Die Kleidung, das Essen, die Bettdecken. Goretex war das Material der Stunde – Hüte, Blousons und Schuhe wurden in einem Münchner Spezialgeschäft für Extrembergsteiger angeschafft. Immer wieder pries mein Großvater das Material als atmungsaktiv an – gerade er, mit seiner halben Lunge, war nun ganz und gar atmungsaktiv eingehüllt.“


Verkeilte Rollatoren

Bunt aneinandergereihte Episoden wie diese fügen sich nach und nach zu einem Bild des Ehepaares, das eine symbiotische und zugleich konfliktreiche Beziehung führte. „Manchmal verkeilten sie sich mit ihren Rollatoren am Gang. Dann beschimpften sie sich“, erzählt Meyerhoff. Aber auch: „Jeden Abend hörten sie Musik, zündeten eine Kerze an, legten sich auf eine große Kaschmirdecke auf den Boden und gaben sich die Hand. Da lagen sie dann, wie Tote aufgebahrt. Das taten sie auch, wenn sie Gäste hatten. Sagten: ,Lasst euch nicht stören, aber wir hören jetzt unsere Musik.‘“

Termine: 4.Mai, 18.30Uhr, Karten: 514- 44-4140, www.burgtheater.at. tom

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2008)