Madonnas neues Album „Hard Candy“ erscheint am Freitag. Die Single „4 Minutes“ inszeniert neue Variationen ihrer lebenslangen Fitnessobsession.
Madonna hat mir eine Spritze in den Hintern gegeben“, gestand Kollege Justin Timberlake. Und schwärmte: „Das war einer der tollsten Tage meines Lebens. Das wird Madonna immer für uns sein: Der Stich in den Hintern, wenn wir ihn brauchen.“
Die Spritze enthielt Cobalamin, Vitamin B12, das in der herkömmlichen Medizin zur Behandlung von Trigeminus-Neuralgie und bösartiger Blutarmut injiziert wird; fanatische Bodybuilder spritzen es sich, um ihren Muskelaufbau zu beschleunigen. Madonna verpasse auch ihren Tänzern eigenhändig Vitaminspritzen, schrieb „Vanity Fair“.
Leibesübungen, 1984 und heute
Das ewig junge „Material Girl“ als Sportärztin der Müden und Matten: eine neue Facette der Obsession, die Madonna Louise Ciccone seit Beginn ihrer Karriere verfolgt. In den Achtzigerjahren, als die Leibesübungen im engeren Sinn in die Popkultur einzogen, waren Madonna-Songs höchst gefragt in den Fitnessstudios. Und die Sängerin hat ganz und gar nie verschwiegen, wie sie ihr eigenes Fleisch übt: Kein Stiegenhaus, ließ sie einmal verlautbaren, sei davor sicher, dass sie es sperren lässt, um ungestört treppauf-treppab zu laufen.
Ziel: der „hardbody“, wie es die Hauptfigur in Bret Easton Ellis' schaurigem Achtzigerjahre-Roman „American Psycho“ nennt. „Hard Candy“ heißt Madonnas neues Album, das Cover zeigt sie in einer skurrilen Kombination aus Leib-, Reiz- und Sportwäsche, die anmutet wie eine im Wortsinn verschwitzte Quickie-im-Turnsaal-Fantasie aus dem genannten Jahrzehnt. Dolce & Gabbana bekennen sich zu dieser Kreation: mutig.
Der Blick in die Mundhöhle
Im Video zur Single „4 Minutes“ sieht man Madonna abwechselnd im fleischfarbenen Trikot und in Leder & Schnürstiefel hüpfen: Gemeinsam mit (dem etwas geschmackssicherer gewandeten) Justin Timberlake flieht sie, während die digitale Uhr abläuft, vor kristallinen Strukturen – Leben ohne Kohlenstoff, vor dem organischen Verfall gefeit, wie unfair! Das Alien verfolgt sie bis ins Allerheiligste – in den Supermarkt, ins Badezimmer, ins Bett – und scheint auch zu bewirken, dass die menschliche Anatomie einsichtig wird: Bei einer Kussszene sieht man tief in den Schlund der beiden, und später scheint sich Timberlakes Flanke dem chirurgischen Blick zu öffnen...
„4 Minutes to Save the World“ ist der vollständige Titel – schon wieder eine Erinnerung an die Achtziger, diesfalls an die „Save the World“-Rhetorik der Pop-Oberliga, am prominentesten: Michael Jackson. Justin Timberlake klingt im Refrain auch noch mehr als sonst wie eine MJ-Parodie.
So wenig sensationell der Song ist, seine Wirkung hat er getan: Madonna hat damit zum 13.Mal den ersten Platz der britischen Charts erreicht; sie ist und bleibt die Interpretin mit den meisten Single-Hits. Von den weiteren Songs des Albums „Hard Candy“ können sich Kunden des Mobilfunkanbieters Vodafone täglich einen auf ihr Handy laden. Komplett veröffentlicht wird das von Pharell Williams, Timbaland und Nate Danja Hills produzierte Album am Freitag: Dann wird man hören, ob Madonna ihre Disco-Beschwörungen so glaubhaft, präzise und intensiv reproduziert wie auf dem letzten Album „Confessions On A Dance Floor“. Einstweilen verspricht sie, in einer milderen Variante ihrer paramedizinischen Ambitionen: „Ich werde euch in den Hintern treten, aber ihr werdet euch gut dabei fühlen!“
ZUR PERSON: Madonna
Geboren am 16.August1958 in Bay City, Michigan. Streng katholisch erzogen. Laut eigener Aussage auch „strenge Mutter“ ihrer Kinder Lourdes Maria und Rocco John.
Erste Single: „Everyday“ (1982). Weitere Hits (Auswahl): „Like A Virgin“ (1984), „Material Girl“ (1985), „Papa Don't Preach“ (1987), „Express Yourself“ (1989), „Vogue“ (1990), „Secret“ (1994), „Ray Of Light“ (1998), „Music“ (2000), „Hung Up“ (2005).
Bücher: „Sex“ (1992), „The English Roses“ und weitere Kinderbücher ab 2003.
Das neue Album „Hard Candy“ erscheint am Freitag – noch bei der Firma Warner, bei der Madonna seit 1984 unter Vertrag ist. Dann wechselt sie zu „Live Nation“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2008)