"Once": Füße vom Mischpult! Begeisterung!

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John Carneys "Once", eine kleine irische Musiker-Liebesgeschichte, brachte es überraschend bis zum großen (Oscar-)Erfolg. Besetzt ist sie mit echten Singer-Songwritern.

John Carneys Once ist ein bescheidener kleiner Film mit einer bescheidenen kleinen Geschichte: Ein Straßenmusikant in Dublin (Glen Hansard, Sänger der irischen Rocker „The Frames“, deren Mitglied Carney einst war) lernt eine tschechische Blumenverkäuferin (Markéta Irglová) kennen. Auch sie macht Musik: Gemeinsam erkämpfen sie Probeaufnahmen. Zur beruflichen Union kommt persönliche Annäherung. Kann es eine Liebe geben, zwischen diesen zwei namenlosen Menschen? (Der Film nennt sie schlicht „the guy“ and „the girl“.)

Spätestens zur entsprechenden Nennung von Kerl und Girl im Abspann mag man sich an eine der berühmtesten Anekdoten Billy Wilders erinnern: Sie handelte von seiner panischen Angst, einen tollen Filmanfang geträumt, aber am Morgen wieder vergessen zu haben. Also legte sich der findige Autor-Regisseur Notizbuch und Bleistift neben das Bett und nahm sich vor, sofort aufzuwachen, sollte ihm die gloriose Idee kommen.

Eines Nachts war es so weit: Dem Träumer offenbarte sich ein unvergleichlicher Filmbeginn, so grandios, dass er prompt aufwachte und die Szene notierte. In beruhigtem Glück sank er wieder in die Kissen, schlief prächtig. Als er am nächsten Morgen gierig das Notizbuch aufschlug, stand da nur eine knappe Zeile: „Boy meets girl.“

Junge trifft Mädchen: Die vermeintlichen Geheimnisse des Kinos entpuppen sich oft als die banalsten Klischees. Wilder will von seiner anekdotischen Erkenntnis immerhin zu Originellem inspiriert worden sein: Sein Kodrehbuch für Lubitschs Blaubarts achte Frau beginnt im Kaufhaus, als die Hauptfiguren versuchen, jeweils nur einen Teil einer Schlafanzugsgarnitur zu erwerben: „Pyjamajacke trifft Pyjamahose“ sozusagen.

Ansonsten wirkt Wilders Geschichte heute eher wie eine Warnung vor Fließbandproduktionen, die Banalitäten frech als Universalweisheiten verkaufen, etwa indem sie zur Untermauerung ihre Protagonisten namenlos lassen. Boy und girl sind da, wie Kafkas K, zu bloßen Floskeln geworden.


Gefühlskino im Irland-Hoch

Im Fall von Once ist es (ein wenig) komplizierter: Auch Carneys Film will seiner tragikomischen Liebesgeschichte nach typischem Kleinkunstfilmmuster die ganze Rührung romantischer Kinoideale geben – und einen Hauch Realismus dazu, dafür bürgt die Echtheit der Musiker und Songs (von Hansards und Irglovás gemeinsamem Album „The Swell Season“), dafür bürgt auch die schauderliche („reale“) Qualität der Digitalvideobilder. Die Schlusseinstellung ist dennoch entzückend, weil im bittersüßen Ende der Widerspruch zwischen Liebesfilmglück und Wirklichkeitspech akzeptiert wird.

Leider darf man nicht näher darüber nachdenken, wie über vieles im Film: Denn die finale Entscheidung des Mädels lässt sich nur dubios durch ihr Anderssein erklären. Der denkbare Film, in dem die Heldin einsieht, dass der Held aus denselben Gründen, die ihn zum guten Musiker machen, kein guter Lebenspartner für sie ist, bleibt hier frommer Wunsch: Onceist nur liebliches Gefühlskino, scheint ganz dem EU-geförderten Irland-Hoch entsprungen.

Trotz Melancholie (besonders in der Musik) regiert nämlich Begeisterungszwang: Wenn der Held zu laut im Bus musiziert und sich bei der alten Dame vor ihm entschuldigt, lächelt sie gütig. Wenn ein zynischer Produzent die Musiker abschätzig behandelt, begeistert ihn prompt die Musik – er gibt die Füße vom Mischpult! In Wirklichkeit liegt der ganze Charme von Oncedarin begründet, ob man sich für seine Musik begeistern kann; da ist man in Gesellschaft von Bob Dylan, der Hansard und Irglová als Vorband holte, und den Academy-Wählern, die dem Song „Falling Slowly“ den Oscar zusprachen: Dann ist der Film eine Art Musical-Wunder des Mondänen. Für alle anderen ist es guy meets girl, mit hingebungsvollem Geklampfe auf 85 Minuten gestreckt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2008)