Lehrervertreter schlagen Alarm, schon Volksschüler sind gewalttätig. Lebensgefahr – zwei Burschen prügeln in Wien Lokalpolitiker fast zu Tode.
WIEN. In Wien scheint derzeit kein Tag ohne Gewalt durch Jugendliche zu vergehen: Am Sonntag verprügelten mehrere Jugendliche auf dem Stephansplatz einen 24-Jährigen. Am Montag trat in Wien-Favoriten ein 18-Jähriger auf seinen Widersacher ein und verletzte ihn. Einen Tag später entrissen zwei Jugendliche im 22. Bezirk Gleichaltrigen die Handys. Als einer die beiden Angreifer zur Rede stellen wollte, wurde er niedergeschlagen.
Mittwochabend wurde schließlich in Wien-Währing der 64-jährige Bezirkspolitiker Gottfried Natschläger bei einer Attacke durch jugendliche Täter lebensgefährlich verletzt. Auch am Tag nach der Tat schwebte der VP-Mandatar mit schwersten Kopfverletzungen weiter in Lebensgefahr. Wie in einem Großteil der Freitagausgabe berichtet, hatten die beiden Burschen in einer Straßenbahn randaliert, worauf sie vom Fahrer aus der Garnitur gewiesen wurden. Wenige Meter vor dem Bezirksamt Währing kam ihnen der Politiker entgegen, auf den sie laut Polizei völlig grundlos einprügelten und ihn mit dem Kopf gegen eine Auslage schleuderten.
Nach der Attacke ließen sie den lebensgefährlich verletzten Mann auf dem Gehsteig liegen und flüchteten. Die Ermittler werteten Bilder von Videokameras aus, die Geschäftsleute entlang der Währinger Straße angebracht haben. Noch Freitagabend konnten die beiden Verdächtigen dann nach fieberhaften Ermittlungen der Polizei festgenommen werden.
Eltern schlagen Lehrer
Die Wiener Polizei vermeint, das Problem Jugendkriminalität gut im Griff zu haben. Stolz wird berichtet, dass sich ein eigenes Referat im Landeskriminalamt diesem Phänomen annimmt. Auch zwischen Schulen und Polizei gebe es eine gute Zusammenarbeit. Allerdings: Lehrer beklagen immer öfter die Zunahme von Gewalt durch Jugendliche. „Es wird stetig mehr – und das auf allen Ebenen“, berichtet Walter Riegler, Bundesvorsitzender von 75.000 Pflichtschullehrern (Volks-, Haupt- und Polytechnischen Schulen).
•Schüler gegen Schüler. „Es gibt Formen, die früher einfach undenkbar waren“, meint Riegler. Wenn ein Kind am Boden liegt, werde heute oft noch eingetreten: „Das wird dann noch per Handy fotografiert und ins Internet gestellt.“ Das Problem betrifft alle Schultypen. „In der AHS ist es nicht schwer, jemanden der auffällig wird, aus der Schule zu bitten.“ In Hauptschulen oder im Polytechnikum funktioniere das nicht: „Es gibt ja die Schulpflicht.“
Im Wiener Stadtschulrat registriert man keinen Anstieg der Gewalt – obwohl genaue Zahlen fehlen: „Es gibt nach unseren Erfahrungen keine quantitative Steigerung, aber eine Steigerung in der Qualität.“ Konter von Riegler: „Wenn man sagt, das ist nicht so schlimm – damit ist niemandem geholfen. Es gibt diese Steigerung. Das weiß jeder, der in einer Klasse unterrichtet.“ Viele Fälle würden nicht gemeldet. „Die Kollegen denken sich: Die sind schulpflichtig. Da kann man nichts machen.“ Wien sei laut Riegler kein besonderer Brennpunkt, das Problem gebe es auch in Bundesländern.
•Schüler gegen Lehrer. „Es kommt bereits in der Volksschule vor, dass Kinder nach Lehrern treten“, erzählt Riegler. Schüler, die aus Wut mit Zirkel oder andere Gegenstände nach Lehrern werfen.
•Eltern gegen Lehrer. Neu ist das Phänomen, dass auch Eltern zuschlagen. Zuerst wird an der Tür des Lehrerzimmers geklopft, dann der zuständige Pädagoge verlangt, dann gibt es Schläge. Die Gründe sind unterschiedlich; beispielsweise eine vermeintlich ungerechte Benotung des Kindes.
In den Schulen werde alles unternommen, um Gewalt zu vermeiden, betont der Wiener Stadtschulrat: „Es gibt flächendeckend Präventionsprojekte – bis in den Kindergarten.“ Seit dem Mord an einem Schüler – ebenfalls in Währing – wurde der Kampf gegen Gewalt verstärkt: Jeder Direktor hat einen Ansprechpartner bei der Polizei. „Wenn jemand schon durch sein familiäres Umfeld zur Gewalt neigt, wird man sie in der Schule nicht immer verhindern können.“
Einige Schulen setzen auf eine besondere Waffe: Thomas Schäfer-Elmayer. Der Benimm-Experte besucht Klassen und versucht den Kindern gutes Benehmen und damit Respekt vor anderen näher zu bringen. Schäfer-Elmayer: „Gewalt und gutes Benehmen vertragen sich nicht.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2008)