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Martin Suter: „Ich mag schwache Leute“

(c) Die PResse (Michaela Bruckberger)
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Interview. Der Schweizer Autor über seine Zeit als Kreativer in Wien, seine Bekanntschaft mit österreichischer Prominenz und flegelhafte Neureiche.

 

Die Presse: Sie haben eine Ähnlichkeit mit dem frühen Mickey Rourke.
Martin Suter: Das haben mir schon viele gesagt. Früher wurde ich auch live verwechselt. Jetzt nicht mehr so.

Rourke war der Star der späten Achtziger, schreiben Sie nicht auch über die Themen der 80er? Über Yuppies etwa. Die große Zeit der Werbung haben Sie auch miterlebt.
Suter: In Wien zum Beispiel.

Wann?
Suter: 1972 war ich Creative Director der GGK Wien.

Unter Hans Schmid.
Suter: Genau, Hans Schmid treffe ich jetzt wieder.

In seinem neuen Lokal Pfarrwirt?
Suter: Genau dort. Ist das gut?

Ist es. Für Wien. Wieso als Creative Director nach Wien?
Suter: Die GGK Basel, eine Werbeagentur, hat eine Agentur in Wien gekauft. Und da haben die gesagt, jetzt müssen wir die kreativ ein bisschen auf Vordermann bringen, und ich war so ein Kreativ-Wunderkind, damals mit 24. Da haben die mich da hingeschickt, als CD und Mitglied der Geschäftsleitung, um die Agentur zu stylen. Ich war natürlich überfordert, aber es war ein interessantes, gutes Jahr.

Aber viel zu früh für die Wiener Szene-Zeit mit Helmut Lang und Falco. Da war noch gar nichts in Wien.
Suter: Nein, da war nichts.

Wo haben denn Werber – nicht, dass ich Ihnen etwas unterstelle – Partys gemacht, Drogen genommen und getrunken?
Suter: Man ging ins Hawelka, das war das Einzige, was nach zehn Uhr noch geöffnet hatte. Außer dem Moulin Rouge. Wir waren jung und mussten noch nicht ins Moulin Rouge.

Weshalb sind Sie in die Schweiz zurückgegangen?
Suter: Ich war nicht ganz glücklich. Irgendwann habe ich gemerkt, ich arbeite immer nur. Und so viel verdiente ich auch nicht. Irgendwann ging ich zurück und auf eine große Afrika-Reise.

Sie schreiben über Themen, die Männern zugeordnet werden: die Drogen gegen die Midlife-Crisis nehmen, einer Frau eine andere Rolle vorspielen und das lange durchhalten, später als Älterer eine jüngere Frau aushalten und das eigentlich okay findet. Das sind doch Männerromane.
Suter: Vielleicht war mein erster Männer-Roman „Die dunkle Seite des Mondes“.


Sie sind 1972 Kreativdirektor geworden, da dauerte die 68er-Party noch an. Jetzt leben Sie in Ibiza, wo für die 68er das gelobte Ferienland war. Sind Sie im 68er-Paralleluniversum gewesen oder zu beschäftigt?
Suter: Ich war nie ein klassischer Achtundsechziger, ich wurde eigentlich erst später ein Achtundsechziger. 1968 hatte ich ganz andere Probleme mit meiner Lebensgestaltung, Rekrutenschule, Berufswahl, Studium, nicht studieren, in eine Werbeagentur als Texter gehen; ich war nicht politisch engagiert 1968. Erst ein paar Jahre später. Aber ich habe immer in einem Kreis von Freunden gelebt, die halt so leben. Ibiza kenne ich seit 1975, meine Frau auch, wir haben uns sogar so kennen gelernt über einen Freund, mit dem ich diese Afrika-Reise machte. Vielleicht spiegelt sich da der Lebensstil dieses Freundeskreises, der dort war und auch der hier in Wien.

Ein Freundeskreis in Wien?
Suter: Ja, einen kleinen. Das waren halt so Künstlerkreise, wie Coop Himmelblau.

Haben Sie noch Kontakt mit Wolfgang Prix?
Suter: Nein, ich habe ihn nur einmal gesehen in Guatemala, zufällig.


Wusste man 1972 im Hawelka, aus wem etwas wird oder nicht? Dass der eine bekannter Architekt wird. Ich könnte das mit meinem Freundeskreis nicht.
Suter: Das konnte man damals auch nicht.

Bleiben wir beim Thema Freunde: In Ihrem neuen Buch „Der letzte Weynfeldt“ lässt eben der sich von seinen Freunden ausnützen. Das ist das doch ein Zeichen von Schwäche.
Suter: Das kommt jetzt auf den Betrachter an. Ich mag zum Beispiel schwache Leute. Ich finde Stärke nicht unbedingt gut. Sich so zu verhalten wie Weynfeldt ist auch eine Form von Herablassung.


Was in dem Buch mitschwingt, ist eine leichte Verachtung gegenüber Neureichen, es ist ja eine dichte Hommage an altes Geld. Altes Geld gibt es in der Schweiz, in Österreich kaum. Sie haben auch nicht sehr viel davon. Wieso diese Sympathie?
Suter: Vielleicht ist es der Neid. Es ist nicht eine Sympathie für altes Geld, es ist eine Sympathie für Leute mit gewissen Regeln, Formen, das gefällt mir schon. Das ist vielleicht beim Altreichen besser aufgehoben als beim Neureichen oder eher anzutreffen. Nicht, dass ich sehr steif und stilbewusst bin, aber die Flegelhaftigkeit, die manchmal um sich greift, die nervt mich schon ein bisschen. Aber es ist auch nicht ein Roman gegen die Flegelhaftigkeit. Jetzt fällt mir Wolfgang Ambros ein, den gab es damals in Wien.
Den kannten Sie auch?
Suter: Den habe ich nicht persönlich gekannt. Aber da passierte doch einiges, in der Musik und in der Poesie.

Sie haben von Neid gesprochen. Als Tageszeitungs-Journalist muss ich das empfinden, wenn ein Ex-Werber mit höchstbezahlten Kolumnen in Zeitungen bekannt und dann Schriftsteller wird.
Suter: Ja, ich finde es auch toll. Manchmal spürt man den Neid auch in gewissen Rezensionen. Aber es ist nicht schlimm.

Wir brauchen noch eine Literaturfrage: Dürrenmatt oder Frisch?
Suter: Mein Schlüsselerlebnis in einem Interview ist in Wien gewesen, da hat mich ein junger Journalist von Ö3 gefragt, wer meine literarischen Vorbilder seien. Da hab ich gesagt, Dürrenmatt, E.T.A. Hoffmann, ein paar amerikanische Autoren. Später saß ich im Taxi und das Radio lief, dann hörte ich fragen: „Wo würden Sie sich literarisch so einfügen?“ Dann hörte man mich sagen: „Dürrenmatt, Hoffmann“...


Gut, dann schreibe ich auch Dürrenmatt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2008)