Jauchzender Pop, Effekt-Techno, viel Blut und Schokolade.
Von den drei Schlagworten, die heuer das Thema des Donaufestivals definieren sollen, „angst obsession beauty“, ist die Angst ja das gewichtigste.
Blut und Schokolade, auf der Haut verschmiert: Bei einem (auch) in der großen Tradition des Aktionismus stehenden Festival wie dem „Donaufestival“ gewöhnt man sich an den Anblick. Und ist verstört, wenn die Gewöhnung nicht mehr hilft. Weil das Menschenwesen, aus dem das Blut tropft, so ängstlich blickt, als spüre es schon alle weitere Wunden, die es sich noch (auf Bühnen) zufügen wird. So war es bei Ron Athey und Dominic Johnson: ein Auftritt, der Angst verstrahlte.
Von den drei Schlagworten, die heuer das Thema des Donaufestivals definieren sollen, „angst obsession beauty“, ist die Angst ja das gewichtigste; schön und obsessiv ist Kunstsozusagen by nature. Angst zitterte in der Stimme des tief wehleidigen Sängers Scott Matthew, der u.a. eine gar erschröckliche Version von „Love Will Tear Us Apart“ gab; eine leise Aura von Angst lag über dem vielfältig wiederbelebten Autofriedhof von Toxic Dreams. Doch die wirklich magischen Momente am zweiten Festivaltag erlebte man mit Künstlern, die gegen Angst und Verzagtheit revoltieren, bei Gustav (siehe rechts) und bei den Hidden Cameras, dieser wunderbar überschwänglichen, himmelhoch jauchzenden Mega-Popband aus Kanada.
Die beste Brettljause der Welt!
Diese Fröhlichkeit hart am Rand zur Überdosis; die ganz unplakativ sympathische Nackttanz-Performance von Ann Liv Young; die mit Blüten übersäte Brettljause, die Wirtsleute aus dem Dunkelsteiner Wald im Pavillon im Stadtpark reichten; die sichtbaren Wangenküsse, die Performance-Künstlerin Miki Malör im Auto ihren Gästen applizierte; vielleicht sogar die Levitation und der geradezu zärtliche Watschen-Punk, die Bruce La Bruce in seinem Theaterstück „Cheap Blacky“ zeigte – all das mag dazu beigetragen haben, dass man sich am Freitag beim Donaufestival fühlte wie auf einem Abenteuerspielplatz im besten Sinn: auf einem Ort, an dem Angst überwunden wird.
Tags darauf lag es wohl am Musikprogramm, dass in der Kremser Messehalle eher Lähmung als Euphorie herrschte: Der routinierte Effekt-Techno von Clerk klang nach letztem Aufgebot in der Großraum-Disco, das Ambient-Gewaber von Tim Hecker war nur laut und fad. Zwei gute Argumente für die Ansicht, dass elektronische Musik bis auf weiteres ein ausgereiztes Genre ist.
Indessen ging im Stadtpark ein faszinierendes, leider zu wenig beachtetes Projekt zu Ende: Die Band „Amber and Gold“ hatte 24 Stunden in einem Plastik-Iglu verbracht und (angeblich fast durchgehend) über ein einziges Thema improvisiert. Wenn das die Angst nicht vertreibt, was dann?
ZUR PERSON. Gustav
„Verlass die Stadt“ ist nach „Rettet die Wale“ (2004) das zweite Album der gebürtigen Grazerin Eva Jantschitsch unter ihrem Künstlernamen Gustav. Wieder hat sie fast alle Instrumente selbst gespielt. Auf einem Song („Alles renkt sich wieder ein“) spielt die Trachtenkapelle Dürnstein.
Im Wiener Rhiz tritt Gustav am 3.Mai auf, im Rahmen der Festlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen des Lokals, mit großem Andrang ist zu rechnen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2008)