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Holy Ghost Writer

Drei wichtige Abschnitte seines Lebens verbrachte der Theologe und Jesuit Karl Rahner in Innsbruck. Diese „Innsbrucker Jahre“ stehen im Mittelpunkt von Martin Kolozs' Rahner-Biografie.

Anfang Februar dieses Jahres eilte ich zwischen dem Ende einer Tagung und der Abfahrt meines Zugs in die Jesuitenkirche in Innsbruck. Ich schritt die Stufen zur Krypta hinunter, deren Nischenwände bis heute als Begräbnisstätte für die Mitglieder des Ordens dienen. Hier ist Karl Rahner bestattet, einer der bedeutendsten katholischen Theologen des 20.Jahrhunderts. Rahner wurde am 4.März1904 geboren und starb am 30.März 1984.

Während seines Lebens verbrachte Rahner drei Perioden in der Hauptstadt Tirols: von 1936 bis 1939, von 1948 bis 1964 und von 1981 bis 1984. Diese „Innsbrucker Jahre“ darzustellen, verspricht der Buchtitel des Werks des österreichischen Philosophenund Journalisten Martin Kolozs. Kolozs stellt diese Jahre auch dar, aber er tut viel mehr: Er berichtet ebenso über Rahners Kindheit und Jugend in Freiburg im Breisgau, über Rahners Studium an den Ordenshochschulen in Feldkirch-Tisis, Pullach und im niederländischen Valkenburg, über Rahners philosophisches Doktoratsstudium in Freiburg, wo er die Vorlesungen Martin Heideggers besuchteund ihm sein Doktorvater, Martin Honecker, seine Dissertationsschrift zur Überarbeitung zurückgab, weil er sie für zu sehr von Heidegger inspiriert hielt.

Ausführlich wird auch Rahners Tätigkeit als Peritus (Konzilsberater) und „holy ghost writer“ der Bischöfe auf dem Zweiten Vatikanum dargestellt und gewürdigt. Noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war Rahner von Innsbruck nach München gewechselt, um dort Romano Guardini auf dessen Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung und Philosophiegeschichte nachzufolgen. Daneben enthält Kolozs' Buch noch ein Kapitel über die Aktualität Rahners, zwei Interviews mit den ausgewiesenen Rahner-Experten Günther Wassilosky (Katholische Privatuniversität Linz) und Otto Muck (emeritierter Professor für Philosophie an der Theologischen Fakultät in Innsbruck, ein Mitbruder Rahners) sowie eine vom Innsbrucker Dogmatiker Roman Siebenrock verfasste Liste von kommentierten Lesevorschlägen, die Einsteigern den Zugang zur Lektüre Rahners erleichtern sollen.

Das alles auf 126 Seiten: ein knappes Buch, das dennoch zahlreiche überlange Originalzitate enthält, und ein dichtes Buch, vor allem, wenn man sich die Mühe macht, die vielen ausführlichen Fußnoten genau zu lesen, ein Buch überdies, dessen Titel irreführend ist. Mein alternativer Titelvorschlag: „Karl Rahner. Biografische Notizen, theologische Hinführung, kirchenreformerische Aktualität“. Besser? Vielleicht nicht zugkräftiger, auf alle Fälle dem Inhalt angemessener. Was erfahren wir über die Lebensabschnitte Rahners in Innsbruck? Durchaus wichtige und interessante biografische Details, etwa über das Verhältnis Rahners zu seinem um vier Jahre älteren Bruder, Hugo, der ebenfalls Jesuit war und in Innsbruck lehrte. Wir werden über Rahners Publikationen informiert, die „frommen Sachen“ (O-Ton Rahner) wie „Worte ins Schweigen“ und „Von der Not und dem Segen des Gebetes“, über seine rasch anwachsenden „Schriften zur Theologie“ und seine Herausgeberschaft des „Lexikons für Theologie und Kirche“, bis hin zur Briefsammlung „Mein Problem“, in der Rahner als verständnisvoller Seelsorger auf authentische schriftliche Anfragen von Jugendlichen antwortet.

Wir erfahren, dass Rahners theologische Lehre und Forschung vom Menschen und die von seiner heutigen existenziellen Situation ausgehende Theologie vom Vatikan zwarniemals grundlegend infrage gestellt wurden,er aber „seit Anfang der 1950er-Jahre immer wieder mit Repressionen zu kämpfen“ hatte. Rahner war ein unermüdlicher Geistesarbeiter, ein überaus fleißiger Autor und Vortragender. Seine Arbeit überforderte ihn bisweilen sowohl psychisch („Ich sitz da und bin verzweifelt. Ich komme einfach vor Arbeit nicht mehr durch“) als auch physisch: „Um Rahners Gesundheit stand es seit dem Ende der Fünfzigerjahre nicht zum Besten, sodass längere Krankenhausaufenthalte unvermeidlich wurden.“ Seinen 80.Geburtstag feierte Rahner nach anstrengenden Aufenthalten in Italien, Ungarn, Deutschland und England am 5.März1984 – also einen Tag danach – in Innsbruck. Kurz darauf musste Rahner in ein Sanatorium der Kreuzschwestern gebracht werden, anschließend in die Medizinische Universitätsklinik nach Innsbruck, wo er wenige Tage später verstarb.

Was erfahren wir nicht in diesem Buch? Wir erfahren wenig über sein Privatleben. Das hat zweifellos mit Rahners Scheu vor jener Selbstdarstellung, Selbstprofilierung und Selbstinszenierung zu tun, die auch heute in akademischen Kreisen zu einer angemessenen Karriereplanung gehören. Wir erfahren nicht, dass Rahner ein eifriger Briefschreiber war. Als ich anlässlich der Abfassung dieser Rezension einen Blick in einen meiner Interviewbände „Karl Rahner im Gespräch“ warf, fiel ein Ausschnitt aus dem „Spiegel“ heraus, den ich vor vielen Jahren dort hineingelegt hatte. Darin wird über den Briefwechsel zwischen Rahner und der Schriftstellerin Luise Rinser berichtet. Rahner und Rinser hatten sich im Februar 1962 im Hotel Grauer Bär in Innsbruck das erste Mal getroffen. Die Zahl der „Briefe der Freundschaft“, die sie einander in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten schrieben, war hoch. Laut „Spiegel“-Bericht sandte Rahner mehr als 1800 Botschaften an Rinser, mitunter drei am Tag. Hätte man diese Tatsache im vorliegenden Buch nicht sachlich und fern aller Sensationsgier ansprechen können?

Zu Rahners bleibender Bedeutung stellt Martin Kolozs fest: „Karl Rahners Theologie ist aktueller denn je und kann, ja sollte der katholischen Kirche ihre Zukunft weisen.“ Wenn man zu Rahners Theologie auch von ihm inspirierte theologische Neuansätze wiedie gesellschaftskritische politische Theologie eines Johann Baptist Metz zählt, hat Kolozs zweifellos recht. Deshalb lohnt es sich, sein Buch zu lesen, und das trotz des Verschweigens Rinsers und anderer kleiner Mängel. ■

Martin Kolosz

Karl Rahner – Innsbrucker Jahre

Biografie mit zahlreichen Abbildungen. 126S., brosch., €21,90 (Universitätsverlag Wagner, Innsbruck)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2014)