Freiheit mit Spalier

„Wir haben unser Ziel erreicht, das vollkommene Gleichgewicht zwischen dem Klassischen und dem Romantischen, zwischen der Erwartung und der Überraschung.“ Vita Sackville-West, ihr Mann, Harold Nicolson, und die Gärten von Sissinghurst Castle.

Ich liebe Großzügigkeit, wo immer ich ihr begegne, ob in Gärten oder sonst wo“, notierte Vita Sackville-West 1936 in ihr Gartenbuch. Kaum irgendwo besitzen Naturästhetik und gärtnerisches Bewusstsein derart hohe gesellschaftliche Bedeutung wie auf den Britischen Inseln. Im 19. Jahrhundert kulminierte hier die Gartenkultur als Folge von Sammelreisen und Pflanzenhandel im britischen Kolonialreich mit seinen ausgedehnten Handelsbeziehungen. Die Upper Middle Class, die neue, durch die Industrialisierung reich gewordene soziale Schicht, übernahm vom Adel die englische Tradition des Lebens auf dem Land. Sie schuf eine Kulturströmung, die auf traditionelle englische Bau- und Gartenstile früherer Jahrhunderte zurückgriff. Country Life wurde zu einer Lebensform. Das frühe 20. Jahrhundert brachte hier den neuen Berufsstand des Landschaftsarchitekten hervor, damit wurde der theoretische Streit um Dominanz von Gärtner oder Architekt bei der Gartengestaltung beigelegt.

Den eigenwilligsten und wohl schönsten Garten Englands aus jener Zeit schufen zwei Gärtner aus Leidenschaft. Ihr Garten, Sissinghurst, erzählt zugleich die Geschichte einer besonderen Verbindung.

Vita Sackville-West wurde 1892 als einziges Kind von Lionel Sackville-West und Lady Victoria geboren. Die Sackville-West entstammten dem englischen Hochadel, den Herzögen von Dorset. Vita wuchs auf dem größten Landsitz Englands, in Schloss Knole in Kent auf. Bereits sehr früh begann sie sich für Literatur zu interessieren und auch selbst zu schreiben. „Schwülstiges Zeug“ und „schwer wie Blei“ meinte sie später. Auch manche Zeitgenossen attestierten ihr eine Blechfeder.

Ihrer erotischen Neigungen war sich Vita sehr bald bewusst. Dass ihre sexuellen Wünsche den Frauen galten, wusste sie bereits zur Zeit ihrer Verlobung. „Vom Morast, in dem ich lebe“, schrieb sie und liebte „doppelgleisig“, ihre Jugendfreundin Rosamund und ihren attraktiven, sehr viel intelligenteren Verlobten Harold.

Das erste Jahr ihrer Ehe verbrachten Vita und Harold in Konstantinopel, wo Harold im diplomatischen Dienst tätig war. Nach der Rückkehr nach England zog das junge Paar nach Long Barn, einem Anwesen in der Grafschaft Kent. Hier begann sich Vita ernsthaft für Gartenanlagen und Gartenarbeit zu interessieren. Gemeinsam mit dem befreundeten Architekten Edwin Lutyens entstand ihr erster Garten.

Der englische Garten des beginnenden 20. Jahrhunderts ist untrennbar mit den Namen Lutyens und Jekyll verknüpft. Das kongeniale Paar entwarf zusammen mehr als hundert Gartenanlagen. Sir Edwin Lutyens entwarf das Gebäude und die räumliche Ordnung des Gartens, Gertrude Jekyll plante die Bepflanzung und war für das Gesamtbild verantwortlich. Beide standen der englischen „Arts and Crafts“-Bewegung nahe. Die Grundprinzipien der gestalterischen Richtung waren entsprechend: Verwendung von lokalen Baumaterialien und traditionelle Verarbeitungstechniken. Im Garten wurde Wert auf Übereinstimmung von Farben, Formen und Mustern bei den festen Teilen sowie Übereinstimmung mit Landschaft und Gebäuden gelegt. „A Lutyens House with a Jekyll Garden“ war um 1900 der Inbegriff eines Lebensstils.


Geheimnis des „Doppelwesens“

In Long Barn waren bereits Grundzüge der Konzeption von Sissinghurst erkennbar: getrennte Gartenräume und das Wechselspiel von architektonischer Ordnung und Bepflanzungsfülle. Häufiger Gast auf Long Barn war die junge Violet Keppel. „Violet hatte das Geheimnis meines Doppelwesens entdeckt“, schreibt Vita in ihren Aufzeichnungen. Zusammen reisten sie nach Paris. Vita verkleidete sich als junger Mann, färbte sich Gesicht und Hände braun, und die beiden zogen durch die nächtliche Stadt. Vita nannte sich Julian. Zurück in England schmiedeten sie schließlich den Plan zu einer abenteuerlichen Flucht. Gemeinsam wollten sie ihrem bisherigen Leben den Rücken kehren.

Der Skandal war handfest. Beide Frauen waren Mitglieder der englischen Hocharistokratie, Vita zudem verheiratet und Mutter zweier Söhne. In Amiens gaben die beiden Frauen schließlich auf.

Vita kehrte nach England, in dieses „scheußliche graue Land“, zurück. Harold hatte gewonnen. Nun nahm aber auch ihre Beziehung eine Wende. Harold hatte seine homoerotischen Abenteuer immer mit äußerster Diskretion behandelt. Ab jetzt räumten sich beide vollständige Freiheit ein. Harold pflegte Vitas Affären „deine Durcheinander“, sie die seinen „deinen Spaß“ zu nennen. Häufig war man jetzt am Wochenende zu viert in Long Barns. Für ihre Ehe entwickelten sie eine „Formel“, eine „feste, elastische Formel“ meinte Harold, „die es uns beiden so leicht macht, die Freuden der Liebe und des Lebens zu verdoppeln und ihre Kümmernisse zu halbieren“. Sie waren sich einig, dass die Ehe für Menschen von starkem Charakter und unabhängigem Geist nur dann erträglich war, wenn man sie als eine lebenslängliche Verbindung zwischen intimen Freunden betrachtet.

Jetzt suchten die beiden nach einem neuen Haus, in dem sie wohnen und einen Garten anlegen konnten. 1929 wurden sie fündig, nahe Cranbrook in Kent. Es waren die arg verfallenen Überreste eines elisabethanischen Herrenhauses. Das Schloss war nicht viel mehr als eine Ruine. Zurückverfolgen ließ sich die Anlage von Sissinghurst Castle bis in die Zeit Heinrichs VIII. Vita kümmerte sich um den Kauf und begann mit der Instandsetzung der wenigen erhaltenen Gebäude. Die verschiedenen Cottages dienten als Schlafzimmer, in einem weiteren Gebäude richteten sie ein 17 Meter langes Wohnzimmer ein. Vitas eigenes Wohnzimmer befand sich im schlanken, mehrstöckigen elisabethanischen Turm.

Mit dem Garten begannen Vita und Harold gemeinsam. Strukturen und räumliche Ordnung plante Harold. „Das eigentliche Verdienst hat er, der die Linie so gut und sicher zog, dass man sie auch im Winter noch erkennen kann, wenn alle meine Blumen verschwunden sind und die Struktur sichtbar wird“, schreibt Vita.

Die gestalterischen Grundprinzipien des Gartens bauten auf architektonisch festen Grenzen und einer ausgeklügelten räumlichen Ordnung auf. Die „Räume“ oder Kammern sind umschlossen und durch Achsen und Wege miteinander verbunden. Die Gärten der Gertrude Jekyll fungierten offensichtlich als Vorbild. Als erste Strukturvorgaben dienten vorhandene Mauerreste des ehemaligen Manor House. So entstanden die kleinenDurchgangsöffnungen und Verbindungen,die an die Vorliebe Harolds für orientalische Gartenhöfe und italienische Giardini Segreti erinnern.

Vita hatte sich im ersten Jahr in Sissinghurst eine Gartenkleidung zugelegt. Eine Kniebundhose aus Kammgarn, hohe Schnürstiefel mit Segeltuchschaft, mit seitlich eingearbeiteter Tasche für die Gartenschere, eine grobe Jacke und dazu Perlenkette und Ohrringe. Mit der Zigarette in der Hand, gefolgt von ihren Hunden, war sie von früh bis spät im Freien anzutreffen.

Ein gern gesehen Gast in Sissinghurst, zumindest von Vita gern gesehen, war die Schriftstellerin Virginia Woolf. Sie hatten sich bereits 1922 in London kennengelernt. Von Vitas Schriftstellerei hielt Virginia nicht allzu viel und machte daraus auch kein Hehl. Es war die andere Seite, das „Durcheinander“, das Virginia Woolf an Vita fesselte. Die anfängliche Leidenschaft mündete schließlich in eine ruhige Freundschaft, sehr zur Erleichterung der Ehemänner. Für beide Frauen war es eine bedeutsame Beziehung, die erst mit Virginias Freitod im Jahr 1941 endete. In „Orlando“ setzte Virginia der Freundin ein literarisches Denkmal.

Harold hatte seine Stellung im diplomatischen Dienst bereits vor dem Erwerb von Sissinghurst Castle aufgegeben und eine journalistische Laufbahn eingeschlagen. Er verbrachte die Wochentage in London in einer kleinen Wohnung. Freitagabend kehrte er nach Sissinghurst zurück und inspizierte, noch im Stadtanzug, den Garten. Während seiner Abwesenheit hatte Vita gepflanzt und ihre Vorhaben in einem großen Notizbuch niedergeschrieben. Nun besprachen sie es gemeinsam.

1931 hatten sie bereits große Arbeit geleistet. Sie hatten einen See angelegt, Steinwege gezogen, Achsen gelegt und den Rosengarten, den jetzigen White Garden, abgesteckt. Beide wünschten sich einen Garten mit jahreszeitlichen Zügen; einen Frühlingsgarten von März bis Mitte Mai, einen Frühsommergarten von Mai bis Juli, einen Spätsommergarten von Juli bis August, einen Herbstgarten von September bis Oktober.

Vitas Bepflanzung war außergewöhnlich. Sie unterschied sich von der gezielten, feinen Platzierung der Jekyllschen Gärten. Vita komponierte leidenschaftlich und üppig. Sie scheute nicht vor gewagten Zusammenstellungen zurück. So erreichte sie in manchen Kammern eine atemberaubende Fülle, die reizvollst mit der linearen Strenge der geometrischen Anlage kontrastierte. So drückte sie es aus: „Ein Durcheinander von Rosen und Geißblatt, Feigen und Wein; es war ein romantischer Ort, und er musste, innerhalb der Nüchternheit von Harold Nicolsons strenger Linienführung, auch romantisch behandelt werden.“


Lebenswerk Spalierallee

Ab 1933 sprach Vita Sackville-West wöchentlich in der BBC über Gartenarbeit, anschließend druckte der „Listener“ die Beiträge. 1936 plante Harold den schnurgeraden Lindengang, eine Spalierallee mit 30 Linden undlangen Beeten an den Wegseiten, die ausschließlich mit Frühlingsblumen bepflanzt wurden. Eine weibliche Statue begrenzte das Ende des Ganges. Dieser Teil des Gartens war mit eigenen Worten sein Lebenswerk. Zu Recht, es ist der schönste Frühlingsgarten Englands.

1937 schreibt Harold Nicolson: „Wir haben unser Ziel erreicht, das vollkommene Gleichgewicht zwischen dem Klassischen und dem Romantischen, zwischen der Erwartung und der Überraschung.“ Jede Gartenkammer war einer Farbe oder Farbkombination gewidmet. Gelb und Orange im Cottage Garden, im Rose Garden Rosa und Blau und im Höhepunkt von Sissinghurst, dem magischen White Garden, silbrig-weiße Töne.

Nach sechs Jahren war der Garten bereits berühmt für seine Schönheit. Noch weitere 26 Jahre arbeiteten Vita und Harold daran. Vita veröffentlichte neben Romanen und Reisebeschreibungen sieben Gartenbücher.

Sissinghurst entstand in einer Zeit des gesellschaftlichen und kulturellen Umbruchs. Harold und Vita erlebten noch das Schwinden der großen Zeit Englands. Ihre Moralauffassung hob sie zwar ab, von ihrer Klasse lösten sich beide letztlich aber nie. Mit Sissinghurst schufen sie ein Porträt ihrer ungewöhnlichen Lebensform; jene zweier unterschiedlicher Charaktere, die sich im Laufe ihrer Ehe fanden und einen bezaubernden Ort des Rückzugs vor einer veränderten Welt schufen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2014)