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Der „Ostblock“ beginnt zu bröckeln

(c) Die Presse - Archiv
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Mai 1989. Ungarn reißt den Stacheldraht an Österreichs Grenze nieder – ohne viel Aufsehen. In Polen und in der DDR formiert sich die Zivilgesellschaft gegen die kommunistische Herrschaft.

So überraschend der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 auch war – wer im Mai vor 25 Jahren feine Antennen besaß, der konnte nicht überhören, was sich hinter dem Stacheldraht abspielte, der den „Ostblock“ (noch) fest umschloss.

Es waren Blitzlichter, die in Europas Staatskanzleien ebenso emsig analysiert wurden wie im State Department: In der „Deutschen Demokratischen Republik“, in den „Volksrepubliken“ Polen und Ungarn kommt jetzt langsam die außerparlamentarische Opposition in Schwung – eine parlamentarische gibt es ja noch nicht. Gut informiert ist in Bonn der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl. Aber er weiß nicht, ob er nächstes Jahr noch Kanzler sein wird: Seine Umfragewerte sind eher schlecht.

 

Gorbatschow und Kohl

Im Moskauer Kreml beobachtet der kommunistische Reformer Michail Gorbatschow die Entwicklung ebenfalls mit gemischten Gefühlen. Hat er mit „Perestroika“ und „Glasnost“ womöglich die Büchse der Pandora geöffnet? Können die feinen Haarrisse im Ostblock nicht bald zerstörerisch wirken? Und wird womöglich sein eigenes Reich, die Sowjetunion der vielen Völkerschaften, mit in den Abgrund gerissen? Die wirtschaftliche Lage in Moskau ist ebenso prekär wie jene der DDR, obwohl diese immer noch die Musterschülerin im europäischen Vorfeld der Supermacht zu sein scheint.

In Wahrheit bildet dieses Jahr 1989 nur noch den Schlusspunkt unter einer Entwicklung, die den kommunistischen Machthabern außer Kontrolle geraten ist. Auch Österreichs Gewerkschafter haben daran einen kleinen Anteil. Die FCG ist nämlich äußerst aktiv in der Untergrundarbeit, vor allem der Bundessekretär Günther Engelmayer. Während sich der offizielle ÖGB an die kommunistische Nomenklatur hält, hat Erhard Busek von Wien aus längst die Fäden zu den Ost-Dissidenten gesponnen. Die Fraktion Christlicher Gewerkschafter leistet logistische und materielle Hilfe für die polnische Solidarność des Lech Walesa. Der polnische Papst sieht dies gern.

Für 2. Mai hat das ungarische Innenministerium ein paar österreichische Medien zum Stacheldrahtverhau an der Grenze zum Burgenland gebeten. Ungarische Grenztruppen beginnen die elektrischen Signaldrähte an der Grenze zum Burgenland abzubauen. Sie gehen dabei rigoros vor: Mit Baggern werden gleich auch die Betonpfosten ausgerissen.

 

„Die Presse“ ist dabei

Die aufwendigen Sperranlagen seien veraltet, eine Erneuerung um eine Million Dollar lehnt Premierminister Miklós Németh ab. Peter Martos ist für „Die Presse“ dort. Aber in der internationalen Presse ist diese Weltsensation vorläufig nur eine Randnotiz. Im Abstand von 25 Jahren sind manche Kurzmeldungen freilich besser zu verstehen. Da meldet etwa die sowjetische Zeitung „Prawda“ ausführlich die Vorgänge an der ungarisch-burgenländischen Grenze: Man habe geglaubt, dass die Grenzpfosten aus Eisen und Stahlbeton „zur ewigen Wache“ geschaffen worden seien, „und doch sind sie durch die uns allen bekannten Abkommen von Helsinki erschüttert worden“.

Proteste gegen das ungarische Vorgehen hören sich anders an.

Am 6. Mai meldet der Berlin-Korrespondent der „Presse“, dass im hermetisch abgeriegelten Ostteil der Stadt die Unruhe wachse: Bei den bevorstehenden Kommunalwahlen am 7. Mai dürfen wieder nur ausgesuchte Kandidaten der KP-Einheitspartei SED bzw. deren Vorfeldorganisationen antreten. Noch nimmt die Empörung nicht die konkrete Form einer Bürgerbewegung an, aber jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit.

In Ungarn tauscht die KP in panischer Eile ihre führenden „Betonköpfe“ aus und beginnt einen vorsichtigen Dialog mit ihren Bürgern. Der „Bund der Freien Demokraten“ umschließt auch viele Oppositionelle, die bis dato polizeilicher Willkür ausgeliefert waren. Jetzt soll also rasch ein „Runder Tisch“ nach dem polnischen Vorbild den Erosionsprozess aufhalten: nackte Verzweiflung.

In Ostberlin ist am 8. Mai die Blamage der greisen Führungsriege perfekt. Fassungslos müssen die KP-Führer einbekennen, dass 1,15 (!) Prozent der DDR-Bürger gegen die Einheitsliste gestimmt haben. Doch damit nicht genug: Kirchliche Friedens- und Umweltgruppen protestieren gegen das „Wahlergebnis“: Es seien noch viel mehr Nein-Stimmen gewesen. Im Bezirk Friedrichshain soll es 6,9 Prozent Dissidenten gegeben haben, wird behauptet, in Weißensee 7,7, am Prenzlauer Berg sogar zehn Prozent. Eine Katastrophe.

 

Die Leipziger Demos

Der Lauf der Geschichte sollte die Wahrheit ans Licht bringen. Die SED reagiert unsicher: Die Bespitzelungen nehmen zu, gleichzeitig versucht das Honecker-Regime, durch vermehrte Ausreisebewilligungen und Ausbürgerungen den Druck herauszunehmen. Doch in Leipzig finden ab sofort Abenddemonstrationen statt. Keiner weiß noch, was daraus werden wird. Polizei und Sicherheitskräfte nehmen immer wieder Anhaltungen und Verhaftungen vor.

„Ihr Völker der Welt! Schaut auf diese Stadt“, hatte einst Berlins Bürgermeister Ernst Reuter vor dem Schöneberger Rathaus gerufen. Das war 1948, also lange vor dem Bau der Mauer, kurz vor den Gründungen von BRD und DDR, inmitten von Berlin-Blockade und US-Luftbrücke. „Schaut auf diese Stadt!“ Genau das tun ab Mai 1989 die Medien in aller Welt.

Die Opposition formiert sich. In Anspielung auf eine gängige Leerformel der SED-Führung trägt ein Transparent den ironischen Slogan „Von der Sowjetunion lernen heißt Wählen lernen.“ Hans Ulrich Kersten, der zweite „Presse“-Korrespondent in der geteilten Stadt Berlin, berichtet von massiver Polizeipräsenz, unterstützt von den berüchtigten „Betriebskampfgruppen“ zur Einschüchterung.

 

Papst Wojtyła als Politiker

Auch in Polen wächst die Unruhe. Seit der Wahl des Krakauer Kardinals Karol Wojtyła zum römischen Papst 1978 ist dieser nicht nur Seelsorger, sondern auch weltlicher Politiker. Die polnische Kirche spielt seit damals eine Rolle, die zum Treibsatz für die sang- und klanglose Selbstauflösung des „Ostblocks“ werden wird.

Freilich: Mit Frömmigkeit allein lässt sich kein Umsturz machen. Dazu braucht man Geld für die Solidarność. Geschätzte fünfzig Millionen Dollar aus diversen westlichen Quellen sollen es gewesen sein. Der fromme Elektriker Lech Wałęsa aus Danzig ist dem Vatikan und dem freien Westen als Symbolfigur gerade recht.

In der Berliner SED laufen indes die Planungen für ein ganz besonderes Fest: Staatschef Erich Honecker und Stasi-Chef Erich Mielke wollen am 7. Oktober den 40. Geburtstag der DDR pompös zelebrieren. Schon zugesagt hat als Ehrengast der Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow.

Das Volk hingegen hat ganz andere Planungen. Der Sommerurlaub steht vor der Tür. Viele wollen diesmal ins kommunistische Bruderland Ungarn, in die „fidelste Baracke des Ostblocks“. Dass sich dort im August bei einem „Paneuropa-Picknick“ die erste Bresche im „Eisernen Vorhang“ auftun sollte – mit Walburga von Habsburg in der Hauptrolle – das alles gehört zu dem Sommermärchen dieses ganz besonderen Jahres 1989.

HEUER VOR 25 JAHREN

Der Stacheldraht der Staatsgrenze zwischen Ungarn und Österreich war zwar seit dem 2. Mai 1989 beseitigt. Aber die Berichte in den österreichischen Zeitungen fanden wenig Beachtung. Daher organisierte Außenminister Mocks Büro für den 27. Juni einen Fototermin mit Ungarns Amtskollegen Gyula Horn. Und der Pressefotograf Bernhard J. Holzner kam zu jenem berühmten (gestellten) Foto, das dann um die Welt gehen sollte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2014)