Wenn ein Tiefschlag zum Glücksfall wird

EFSA Parma
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In Wien wurde Bernhard Url vom Gesundheitsministerium jahrelang angefeindet. Nun wird er Geschäftsführender Direktor der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Ein Porträt.

Der Kapfenberger Bernhard Url wird mit 1. Juni 2014 der neue Geschäftsführer der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in Parma. Dass ausgerechnet ein Österreicher die nächsten fünf Jahre die EFSA leiten wird, hätte vor einem Jahr noch keiner gedacht. In den ersten zehn Jahren ihres Bestehens stand zuerst der Engländer Geoffrey Podger, seit 2006 mit Catherine Geslain-Lanéelle eine Französin an der Spitze. Und fest in französischer Hand hätte die Agentur auch noch bis 2016 bleiben sollen. So lange wäre der Vertrag von Geslain-Lanéelle gelaufen, doch sie entschied sich, schon 2013 zurück nach Frankreich zu gehen.

Für Url änderte sich mit ihrem Schritt „viel zu früh“ alles. Denn er war es, den die Französin vorgesehen hatte, ihre Aufgaben zu übernehmen. Zuerst interimistisch und – wie nach dem siebenstufigen Auswahlverfahren der vergangenen Monate jetzt feststeht – langfristig bis 2019. Viele Kenner des europäischen Parketts wetteten darauf, dass nach England und Frankreich nun eigentlich ein Deutscher zum Zug kommen müsse. Doch das EFSA Management Board entschied sich für den Steirer. Werner Wutscher, ehemals Generalsekretär im Landwirtschaftsministerium und danach Vorstand bei Rewe, sagt zu seiner Bestellung: „Für Österreich ist das einerseits ein Riesenerfolg, auf EU-Ebene haben wir nur sehr wenige, die es so weit bringen. Andererseits ist es symptomatisch für unser Land: Die wirklich guten Leute haben bei uns keinen Platz!“

Als Url im Juni 2011 seine Zelte in Österreich abbrach, um einen der fünf Direktorenposten bei der EFSA zu übernehmen, freute er sich tatsächlich darauf, „endlich einmal im Ausland zu arbeiten“. Zuvor war er zehn Jahre lang Geschäftsführer bei der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) gewesen. Nachdem BSE auch den Österreichern den Appetit verdorben hatte, entschloss sich die schwarz-blaue Regierung „aktionistisch und ohne jede Vorbereitung“ – so Url – eine Lebensmittelagentur zu gründen. Der Veterinärmediziner und Lebensmittelgutachter, der damals das AMA-Labor leitete, war für den damaligen Landwirtschaftsminister, Wilhelm Molterer, der richtige Mann, um das Projekt auf die Beine zu stellen. Aufgefallen war Url auch dem Gesundheitsministerium, und zwar negativ. Mit einem – wie er selbst sagt – „kritischen Papier“ mit dem Titel „Neue Perspektiven der Lebensmittelsicherheit in Österreich“ machte es sich bei den dortigen Beamten vor allem eines: Feinde mit Ausdauer. Denn sie sahen darin einen Frontalangriff auf ihre Kompetenzen. Kritik sei gut, lässt man ihn wissen, dürfe aber nicht von außen kommen. Eine Spielregel, die man besser beachten soll, wie er erfahren muss.

Seine Aufgabe, gemeinsam mit der zweiten Geschäftsführerin Christine Weber, 18 verschiedene eigenständige Bundesanstalten, 14 davon zählten bis dahin zum Gesundheits- und nur vier davon zum Landwirtschaftsministerium, in der neu gegründeten GmbH zu einen, lässt sich schwierig an. „Das war ein hoch riskantes Himmelfahrtskommando, die härteste Zeit meines Berufslebens. Es gab nichts, keine gemeinsame Personalverwaltung, keine Buchhaltung, kein Controlling, kein einheitliches EDV-System. Aber Widerstand von vielen Seiten.“ Doch Url habe „untypisch österreichisch agiert“, sagt Wutscher. „Bei all den vielen Schwierigkeiten blieb er beharrlich und gelassen. Er ist wie ein Zug auf Schienen gefahren und hat sich nicht abhalten lassen, eines nach dem anderen umzusetzen.“


Sparmaßnahmen? Doch das sind nicht unbedingt Eigenschaften, die bei politischem Kalkül eine Rolle spielen. Als es im Jahr 2011 darum geht, seine Position wieder auszuschreiben, legt sich das Gesundheitsministerium quer. Die Behörde dazu zu bringen, an einem gemeinsamen Strang zu ziehen, war Url all die Jahre nicht gelungen. Mit der Begründung „Wir müssen sparen“ will man künftig statt zwei nur mehr einen Geschäftsführer bei der Ages haben. Dass man sich damit gleichzeitig des Lieblingsfeindes entledigt, der es mit der Unabhängigkeit der Agentur gar zu ernst nimmt, ist wohl ein willkommener Nebeneffekt.

So kam es, dass Url Anfang 2011 ohne Job dasteht und sich neu orientieren muss. Eine „besondere Erfahrung“, die er nicht missen will: „Zuerst war ich verärgert, dass es weder die Eigentümer noch deren Vertreter der Mühe wert gefunden haben, einmal offen mit mir zu reden. Doch aus heutiger Sicht stellt sich alles anders da: Ein Glücksfall, dass alles so gekommen ist!“ Statt immer noch in Wien gegen Windmühlen zu kämpfen und sich zwischen zwei Ministerien zu zerreiben, könne er heute bei der EFSA eine ganz andere Atmosphäre erleben. Besonders schätzt er die Offenheit der Menschen, mit denen er arbeitet. „Frappant ist für mich der Unterschied, wie an Probleme herangegangen wird. Während in Wien die Standardreaktion auf jede neue Idee ,Brauchen wir nicht, haben wir schon‘ war, ist hier die erste Antwort: „Lass es uns versuchen.“

Dass es auch in dieser Organisation, die für ihre gewaltige Bürokratie bekannt ist, ordentlich menschelt, leugnet der 53-Jährige nicht. Dennoch sei alles anders, Sachlichkeit habe einen anderen Stellenwert. „Die Vielfalt, die Buntheit machen den Unterschied aus. Allein hier in Parma kommen die Mitarbeiter aus 25 verschiedenen Staaten. Sie eint eines: Sie haben alle etwas zurückgelassen, um hier zu arbeiten, auch weil sie an die ,Idee Europa‘ glauben. Das ist hier auch nicht schwer. Wir (er)leben sie jeden Tag.“

Zur Person

1990 promoviert der Kapfenberger Bernhard Url an der Wiener Universität für Veterinärmedizin, an der er auch als Assistent am Institut für Milchhygiene und Milchtechnologie tätig ist.

Von 1993 bis 2002 leitet er das
AMA-Qualitätslabor.

Von 2002 bis Ende 2011 ist er Geschäftsführer der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit.

Seit Juni 2012
ist Url für die EFSA tätig, ab Juni 2014 wird er die Agentur als Executive Director leiten.

Was tut die EFSA?

Aufgabe der 2002 in Parma (Italien) etablierten Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ist es, sämtliche Risken in Zusammenhang mit der Lebensmittelkette zu bewerten und zu veröffentlichen. Dabei werden im Auftrag der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments und der EU-Mitgliedstaaten Gutachten und Bewertungen erstellt, die sich mit der Lebensmittelsicherheit einschließlich Tiergesundheit, Tierschutz und Pflanzengesundheit beschäftigen. Diese Gutachten sollen die wissenschaftliche Grundlage für Fragen der Gesetzesregelung der Europäischen Gemeinschaft bilden. Die EFSA musste sich vor allem im Zug der Debatte über gentechnisch manipulierte Lebensmittel immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, sie stünde den Interessen der Industrie näher als denen der Verbraucher. „Die EFSA ist noch nicht, wo sie sein sollte. Wir leiden unter einem Vertrauensmanko“, sagt Url. Daher gebe es nur einen Weg: „Transparenz! Das, was wir tun, wie wir zu unseren Ergebnissen kommen, muss nachvollziehbar und reproduzierbar sein. Das ist eine hohe Anforderung.“