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Wo man geht, muss es nicht immer schön sein

Fuesse auf einer Rolltreppe abwaetrs fahrend
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Eine andere Art von Gehrouten: Ziel ist nicht die traumhafte Natur- oder Stadtlandschaft, sondern der Raum außerhalb der touristischen Aufmerksamkeit. Zwei Beispiele.

Abwanderung, keine wirtschaftlichen Perspektiven, kaum Touristen: Und doch hatten sich wider alle Vernunft ein paar Bewohner zusammengetan, um Dordolla, ein kleines Dorf im abgeschiedenen Val Aupa bei Moggio Udinese (Friaul) nicht sterben zu lassen, sondern gastronomisch und künstlerisch zu beleben. Überzeugen konnten sich davon etliche auch aus Österreich angereiste Besucher am ersten Mai beim Projekt „ewige Baustelle“ – Musik, Installationen, Kinouraufführung. Ein längerer Rundgang führte durch Ort und Umgebung, manche waren nicht zum ersten Mal hier.

Regelmäßig haben Wandertouren Gerhard Pilgram und die anderen Autoren der bemerkenswerten Unikum-Wanderreisebücher in diese abgelegene Gegend geführt und sie in so künstlerische Aktionen wie die „Baustelle“ involviert. Denn ihr Gehen und Schreiben war immer auch mit einem gesellschaftskritischen und künstlerischen Anspruch verbunden. Vor über zehn Jahren haben Pilgram und seine Kollegen in Kärnten, Slowenien und im Friaul Routen beschritten und beschrieben, die außerhalb der Wahrnehmung des gipfelorientierten Wanderers oder des traditionellen Naturfreundes liegen. Orte wie Dordolla sind entlegen und unspektakulär. Gerade aber die Räume, in denen die Zivilisation, die Erosion und Krisen ihre Spuren hinterlassen haben, scheinen auch anziehend zu wirken: Nicht selten führen die Wanderungen über alte Geleise, durch von der Natur überwucherte Industrieruinen oder unter Autobahnbrücken hindurch. Die Ästhetik ist für manchen vielleicht eine spezielle, aber über die ungeschönten Texte erschließt sich ein neuer Blick dafür. Die Liste ihrer Buchtitel ist stark angewachsen, regelmäßig machen sich Wanderer oder besser gesagt die Zufußreisenden auf den Weg, um gerade diese Orte zu besuchen.

Muss denn ein Ort schön sein, an den man wandert? Was heißt eigentlich schön? Und erschließt sich oft nicht mehr Interessantes gerade über jene Räume, in denen der Mensch den Liebreiz der Natur oder das intakte Stadtbild ein wenig gestört hat? Tourenbücher, die Neugierige auf solche Wege locken, mehren sich. Vor allem für den Stadtwanderer ist die Materie ergiebig, wenn er die Pfade des touristisch Vermarkteten verlässt beziehungsweise sich ein Spaziergang zu einer Halbtagestour oder länger auswächst.

Eine Community geht weiter. Als Jine Kapp und Doris Rittberger vor einigen Jahren beschlossen, ihrer Freude am Gehen und Stadt-Durchstreifen eine Buch- und Web-Form zu geben, wussten sie noch nicht, dass sie schnell viele Anhänger finden sollten. Mittlerweile hat sich in Wien eine ganze Community um das Wild Urb gebildet, die auch ihre eigenen Routen durch Wien postet. Ausgangsbuch war „Wien geht“, in dem die beiden längere Märsche über den Laaerberg, die Steinhofgründe oder zu Industrieruinen beschreiben. Mittlerweile sind „Wien geht Gassi“ oder ein Buch für Kinder („Mission Wien“) erschienen. Im Mai werden nun „Wien geht 2“ und „Wien geht weit“ veröffentlicht.

Links

Unikum. Die Wanderbücher und Kunstaktionen von Unikum bringen Interessierte in den Alpe-Adria-Raum. www.unikum.ac.at

Wild Urb. Doris Rittberger und Jine Knapp haben neue Wege durch Wien gefunden. www.wildurb.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2014)