Diese Türken

Skifahren ist zu kalt für uns, auch wenn wir aus Vorarlberg kommen und die Schweiz sowie ihre Skianzüge im Käse-Look lieben.

Ich hab ja im Winter immer fürchterliche Angst, dass ich nicht integriert genug bin, weil ich Skifahren so schlimm finde. Skifahren! Es ist nass, es ist kalt, es ist anstrengend, es ist gefährlich, du kannst dabei weder reden noch essen – ich habe dieses Konzept nie verstanden. Als Vorarlberger Schulkind bist du dann besonders arm, weil: immer Ski fahren. So bin ich in der Skiwoche gemeinsam mit zwei anderen türkischen Migrantenkindern in der Bemitleidenswert-Gruppe gelandet: Da standen wir auf dem Damülser Berg, ungelenk, ahnungslos, wirr und haben bereits nach zwei kümmerlichen Versuchen gehechelt wie ein blöd gewordener Hund. Also haben wir den Aufstand geprobt, indem wir dem Skilehrer eine haarsträubende Geschichte aufgetischt haben: Die türkischen Menschen, haben wir gesagt, sind einfach nicht so gebaut, dass sie da auf diesen Skiern quer durch die Eislandschaft fahren könnten. Daraufhin hat der gutmütige Mann mit uns die ganze restliche Woche „Mensch ärgere Dich nicht“ gespielt und Louis-de-Funès-Filme geschaut. Das war die beste Schulwoche überhaupt.

Aber warum ich im Mai aufs Skifahren komme: Der Besuch aus der Schweiz sagt, Österreich wird bei den Eidgenossen eher stiefmütterlich behandelt – bis auf das Skifahren, da sind wir als ernst zu nehmender Gegner immer ein großes Thema (Legendär: Die Schweiz hat ja ihre Skifahrer im Käseoutfit die Berge runtergeschickt). Ich glaube, umgekehrt verhält es sich genauso – außer bei uns in Vorarlberg, denn da ist die Schweiz allgegenwärtig. Die berühmt gewordene Volksabstimmung im Jahr 1919 wird heute zwar pragmatisch gesehen (damals stimmten rund 80 Prozent der Vorarlberger Wähler dafür, dass Verhandlungen zu einem Beitritt in die Schweiz aufgenommen werden sollen), aber eine Affinität ist immer geblieben, und das hat nicht nur mit der Dialektverwandschaft zu tun. Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges haben viele Schweizer Familien – auf eigene Faust – Lebensmittel und Medikamente eingepackt und diese über den Alten Rhein ins Ländle geschickt. Das kollektive Gedächtnis hat das nicht vergessen. Nicht vergessen sollte man auch, mit welchen Worten der Anführer der Anschlussbewegung, Ferdinand Riedmann, gegen Wien agitierte: Vorarlberg wolle kein Teil des „Wiener Judenstaats“ werden.


WM. Die geschwisterliche Beziehung zwischen Vorarlberg und der Schweiz ist jedenfalls auch an der türkischen Community ablesbar: Man kennt und besucht einander. Wir waren oft in der Schweiz, auf türkischen Hochzeiten, Spaziergängen am Zürichsee, und für uns Kinder gab es immer Rivella und Fondue. Deswegen habe ich jetzt auch keinen WM-Stress: Da weder die österreichische noch die türkische Nationalmannschaft die WM-Quali geschafft hat, bin ich ganz klar für den Käseanzug.

duygu.oezkan@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2014)

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