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Pop

»Meine Oma fand das ›Maschin'‹-Video sexy«

Das Popjuwel »Maschin'« von Bilderbuch erreichte auf YouTube über eine halbe Million Klicks. Bei der Amadeus-Verleihung bekommt die Gruppe den FM4-Award. Ein Gespräch mit Sänger Maurice Ernst.

Bilderbuch haben ihr eigenes Label Maschin-Records gegründet, wozu?

Maurice Ernst: Wir sind nicht so naiv zu glauben, dass wir damit die Welt niederreißen. Uns geht es schlicht darum, uns total auf unsere Arbeit zu konzentrieren. Der finanzielle Rahmen wird im Musikgeschäft immer enger, also sagten wir uns, warum es nicht selbst probieren? Ein großes Label kann dir heute kaum noch etwas bieten.

 

Stimmt es, dass Bilderbuch entstanden sind, weil man in der Schule Märchen vertonen sollte?

Ja, das ist richtig. Eine Schulband waren wir trotzdem nie. Dazu waren wir zu rebellisch. Zwei von uns gingen in dieselbe Klasse in Stift Schlierbach, die anderen beiden Gründungsmitglieder in dieselbe Klasse im Klostergymnasium Kremsmünster. Netterweise stellte man uns trotz unseres Renegatentums einen Proberaum zur Verfügung.

 

Wie entstehen die Songs?

Diesbezüglich gibt es eine gewisse Evolution. Derzeit arbeiten wir – nicht nur textlich – sehr parolenhaft. Wir wälzen zunächst Grundideen, was Sound und Text anlangt, danach wird gearbeitet. Jeder trägt in seinem stillen Kämmerlein etwas dazu bei. Die Soundfiles werden rundum geschickt. Jeder hat seine Stärken. Wir pflegen eine Punk-Attitüde, eine sehr moderne.

 

Wo leben die Mitglieder heute?

Drei in Wien, einer in Linz. Unsere Band gewinnt dadurch an Drive.

 

Wie entstand der auf YouTube über eine halbe Million Mal aufgerufene Song „Maschin'“?

Wir hatten ein sehr gutes Gefühl, als wir diese EP mit den Liedern „Plansch“, „Feinste Seide“ und „Maschin'“ aufnahmen. Jeder von uns wusste, dass wir damit wohl ein neues, kreatives Level erreicht hatten. Das erste Album war eine Art unbedarftes Stelldichein, beim zweiten Album haben wir viel nachgedacht. Bei der EP agierten wir spontaner. Wir wussten sofort, dass uns da etwas besonders gelungen war. Ganz unbewusst geschah der Übergang von Indie zu Pop.

 

Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseur Antonin B. Pevny, der die sehenswerten, attraktiv reduzierten Videos für Bilderbuch gemacht hat?

Bei unserer ersten Zusammenarbeit, dem Song „Karibische Träume“, die im Salzkammergut stattfand, herrschte noch ein bisschen ein hierarchisches Gefälle zwischen Regisseur und Band, nach dem Motto: Der etablierte Regisseur lässt einer unbekannten Band ein Video zukommen. Später haben wir uns auf Augenhöhe getroffen. Jetzt gibt es richtige Synergieeffekte.

 

Was ist das für ein Auto in „Maschin'“?

Ein Lamborghini. Mittlerweile bin ich fast schon Experte in gelben Sportautos. Wir haben uns das Auto privat ausgeliehen.

 

Hat es mit der Farbe Gelb eine besondere Bewandtnis?

Sie ist höchstens Symbol für unser neues, plakatives Arbeiten. Wir plädieren für klare Bildsprache, starke Farben.

 

Welche Bedeutung haben Videos noch, so viele Jahre nach dem Höhenflug des Musikfernsehens?

Videos werden nicht mehr so geschätzt wie früher, sind aber immer noch sehr wichtig. Es gibt einen wahnsinnigen Überfluss an Bildwelten. Der lässt nur selten etwas zu, das geschichtsträchtig wird, wie früher vielleicht ein Peter-Gabriel-Video. Für Bilderbuch sind Videos wesentlich. Sie helfen, die großen Gesten unserer Musik stark zu erweitern.

 

Was waren die frühen, musikalischen Vorbilder von Bilderbuch?

Die sind nicht so wichtig. Wesentlich ist für uns, dass wir es zulassen können, uns in alle Richtungen zu verändern. Das kann eine Band wie Kreisky nicht. Aber um Einflüsse zu nennen, kann ich schon sagen, dass es die Strokes und die Arctic Monkeys waren, die uns in den Proberaum zwangen.

 

Wie kam es zu dem souligeren Sound von Bilderbuch?

Als Jugend der 2000er-Jahre waren wir zunächst geprägt von der kühlen Attitüde. Dann kamen wir auf den Soul, aber auch auf einen Falco. Es ging auf keinen Fall ums Kopieren, eher darum, etwas von seiner Haltung zu lernen. Auch wir wollen jetzt ein bisserl auf den Tisch klopfen und etwas anderes machen.

 

Bilderbuch treten heuer noch auf vielen deutschen Festivals auf. Gibt es dort ein besonderes Verständnis für Ihren Sound?

Als Österreicher darf man in Deutschland auch gerne ein bisserl anders sein. Die mögen das dort, wenn man sich abhebt.

 

Gab es sängerisch jemals ein Vorbild?

Man würde es nicht glauben, aber der erste Sänger, der mich in meiner Kindheit faszinierte, war Al Jarreau. Natürlich liebe ich auch den Soulsänger Bobby Womack. Sein letztes Album mit Damon Albarn ist ein Hochgenuss. Mir gefallen autodidaktische Sänger mit einem ausgeprägten Stil. Perfektion ist unwichtig, Charisma alles. Außerdem hat Soul nichts mit Hautfarbe zu tun.

 

Warum verwenden Sie zuweilen den elektronischen Stimmeffekt Autotune?

Um meine Stimme zu einem Instrument zu machen, das ich nach Belieben verzerren kann. Singt man mit Soul, dann überlebt der auch so etwas wie Autotune.

 

Was macht Sie stolz?

Unsere musikalische Entwicklung, und dass es meine Oma sexy fand, wie ich im „Maschin'“-Video so mit dem Autositz hin- und hergefahren bin.

Steckbrief

2005
Gründung von Bilderbuch in Kremsmünster.

2009
Debütalbum „Nelken und Schillinge“. Single „Calypso“ schafft Platz vier in heimischen Indie-Charts.

2011
„Die Pest im Piemont“. Die Band tourt erstmals jenseits der Grenzen.

2013
EP „Feinste Seide“ mit Singles „Plantsch“ und „Maschin'“.

2014
Triumphales Konzert im Wiener Brut. Vier Nominierungen für den Amadeus. Den FM4-Award haben sie schon gewonnen.
Antonin B. Pevny

Bilderbuch treten als einer der Höhepunkte beim Donauinselfest 2014 auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2014)