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Ukraine-Krise: Die Tragödie von Odessa

UKRAINE CRISIS
(c) APA/EPA/ALEXEY FURMAN
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Wendepunkt in Ukraine-Krise? In Odessa starben mehr als 30 prorussische Aktivisten in einem Gewerkschaftshaus, das ukrainische Nationalisten angezündet hatten. Moskau erhebt schwere Vorwürfe.

Der 2. Mai 2014 wird den Odessitern in trauriger Erinnerung bleiben. Als „Tragödie von Odessa" wird bereits bezeichnet, was sich hier zugetragen hat: Es war ein sonniger Tag, und viele Demonstranten kamen in kurzen Hosen und Röcken zu der Kundgebung. Ein Marsch für die „Einheit der Ukraine" sollte es werden - doch die Versammlung endete in Straßenschlachten, Feuer und Chaos. An dem Marsch beteiligten sich verschiedene Gruppen, darunter Aktivisten des Euromaidan, des rechten Sektors sowie proukrainische Fußballfans aus Odessa und Charkiw. Die Demonstranten wurden am späteren Nachmittag von etwa 200 prorussischen Aktivisten angegriffen. Schüsse hallten durch die Luft, Pflastersteine flogen, auf Fotos ist zu sehen, wie proukrainische Aktivisten Molotowcocktails vorbereiten. Die Demonstranten erklärten ihrerseits, auf sie sei mit scharfen Waffen geschossen worden. Bei den folgenden Auseinandersetzungen starben vier Menschen - doch es kam noch schlimmer.

Proukrainische Demonstranten gewannen die Oberhand und zündeten ein Zeltlager an, in dem prorussische Separatisten wochenlang für ihre Ziele geworben hatten. Diese flüchteten in das dahinterliegende Gewerkschaftsgebäude. Demonstranten bewarfen das Gebäude mit Molotowcocktails. Auf Videos ist zu sehen, wie das Feuer immer weiter um sich greift - zu diesem Zeitpunkt mussten sich Dutzende Menschen im Inneren befunden haben. Etwa 30 dürften an Rauchgasvergiftungen gestorben sein. Andere kamen bei dem Versuch, aus dem Fenster zu springen, ums Leben. Fotos zeigen schreckliche Szenen: Im Stiegenhaus, in Büros und auf einem Fensterbrett liegen verkohlte Leichen. Die ukrainischen Behörden zählten bis Samstag insgesamt 46 Tote und etwa 200 Verletzte. In der Stadt wurde eine dreitägige Trauer ausgerufen. Die Behörden nahmen 130 Personen fest.

Untätige Polizei. Die proukrainischen Aktivisten kritisierten, die Polizei habe die prorussischen Angreifer beschützt. Die Regierung in Kiew sprach von einer „Provokation Russlands". Russland indes machte die prowestliche Führung in Kiew sowie ukrainische Nationalisten für die Eskalation verantwortlich. Die Vorfälle seien ein weiterer Beleg für „Kiews kriminelles Vertrauen auf Gewalt und Einschüchterung". Das Außenamt in Moskau forderte von den Behörden des Nachbarlandes „unverzügliche Auskunft" darüber, ob unter den Opfern auch Russen seien. Die US-Regierung verurteilte die Gewalt in Odessa als „unannehmbar". Die EU forderte eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle. Die Tragödie könnte eine Wendepunkt in der Ukraine-Krise darstellen.

In der Ostukraine ging die Militäroperation weiter. In Slawjansk und Kramatorsk kam es zu schweren Kämpfen; mehrere Tote auf beiden Seiten wurden gemeldet. Die Armee eroberte ein Gebäude in Kramatorsk von den Separatisten zurück.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2014)