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Österreich hat (bald) ein Terrorproblem

Free Syrian Army fighters run before firing a locally made launcher in Mork town
REUTERS
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Im europäischen Vergleich kommen überproportional viele Syrien-Jihadisten aus Österreich. Die Androhung von Strafen allein wird sie nicht von ihrem abenteuerlichen Extremismus abhalten.

Mehr als 100 Hobby-Jihadisten aus Österreich sind Schätzungen der Polizei zufolge in den vergangenen zwei Jahren in den syrischen Bürgerkrieg gezogen. Das ist eine im europäischen Vergleich überproportional hohe Anzahl: Aus dem zehnmal so bevölkerungsreichen Deutschland haben sich angeblich rund 300 fanatische Freiwillige dem Kampf gegen Diktator Assad angeschlossen, aus Frankreich, das achtmal so viele Einwohner wie Österreich hat, 500.

Seit zwei bosnischstämmige Mädchen aus Wien dem vermeintlichen Ruf Allahs nach Syrien gefolgt sind, ist das Phänomen ins breitere Bewusstsein gerückt. Und das hat nun auch drei ÖVP-Regierungsmitglieder auf den Plan gerufen. Gemeinsam stellten Johanna Mikl-Leitner, Wolfgang Brandstetter und Sebastian Kurz, die Minister für Inneres, Justiz und Äußeres, ein Maßnahmenpaket vor: Wer im Ausland an der Seite von Extremisten kämpft, dem soll der Asylstatus aberkannt oder die Staatsbürgerschaft entzogen werden. Zudem dürfen Minderjährige künftig nur noch mit Zustimmung ihrer Eltern die EU verlassen. Und dann will die Troika noch eine Kummernummer einrichten, an die sich alle wenden können, die in ihrem Umfeld islamistische Radikalisierungstendenzen wahrnehmen.

Über eine solche Hotline wird seit Monaten geredet. Es könnte/sollte/müsste sie schon geben. Aber bisher wurde die Zeit mit Debatten darüber verplempert, ob am anderen Ende der Leitung ein Polizist oder ein Sozialarbeiter abheben soll. Zweifellos eine delikate Frage, die sich jedoch ohne Hinzuziehung von Nobelpreisträgern schnell lösen ließe. Manche mögen einwenden, dass ein paar Dutzend Verrückte, die den Drang verspüren, auf syrischen Schlachtfeldern ihr Leben aufs Spiel zu setzen, den ganzen Aufwand gar nicht wert seien. Wer so denkt, unterschätzt die Problematik, die seit dem Jihad in Afghanistan und dessen Nachwirkungen bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 ff. auf der Hand liegt. Den Kern des Terrornetzwerks al-Qaida bildeten damals Ex-Mudjaheddin. Wenn die Gotteskrieger nicht direkt vom Kampfgebiet ins Paradies aufsteigen, kehren sie irgendwann einmal zurück: brutalisiert und manchmal zum Äußersten bereit. In Cannes nahm die Polizei neulich einen 23-jährigen Syrien-Jihadisten fest, der 900 Kilo Sprengstoff für ein Attentat gehortet hatte.

Man sollte sich stets davor hüten, eine Gruppe unter Pauschalverdacht zu stellen. Denn es sind immer nur Einzelne, die den falschen Weg einschlagen. Doch in Österreich haben die Behörden ein besonderes Auge auf die tschetschenische Gemeinde. Für Tschetschenen hat der Krieg um Damaskus einen besonderen Reiz: Sie setzen dort indirekt auch ihren Kampf gegen den russischen Präsidenten Putin, eine der Stützen des syrischen Regimes, fort.

Che lebt. Ein Blick auf Facebook zeigt, wie aktiv etliche tschetschenische Jugendliche in Österreich dem Heiligen Krieg huldigen. Viele von ihnen verwenden User-Namen mit dem Kürzel Che, ein Hinweis auf ihre tschetschenische Identität, zugleich auch eine Anspielung auf Che Guevara - alte Revolutionsmythen, salafastisch aufgeladen. Der Wunsch nach Freiheit, nach Bonny-und-Clyde-Abenteuern in Burka und Turban mischt sich auf groteske Weise mit der Sehnsucht nach einem strikten Weltbild mit strengen Regeln. Da mögen viel Pose, Sozialromantik, Lust an der Provokation und pubertäre Verzweiflung dabei sein. Doch ein paar driften dann wirklich ab.

Strafen allein werden nicht helfen. Wirken kann letztlich nur Aufklärung: Geläuterte Rückkehrer aus Syrien - auch solche gibt es - müssten erzählen, was Jihad tatsächlich bedeutet: Hinrichtungen, Folter, elendes Krepieren, Jihadisten-Bräute als Ersatzprostituierte. Auch das wird nicht alle beeindrucken. Diese hoffnungslosen Fälle und deren Mentoren sollten mit aller Härte verfolgt werden. Davor freilich müsste sich die Polizei Zugang zur Szene verschaffen.

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2014)