Chinas Volkswirtschaft ist nicht die größte der Welt - noch nicht. Der ökonomische Erfolg eröffnet einen Weg, um Krieg in Ostasien zu verhindern.
Xu Xiaonian musste schmunzeln: „Ach, natürlich können wir die USA jederzeit wirtschaftlich überholen – jederzeit, sobald unser staatliches Statistikamt Lust dazu hat.“ Xu ist einer der besten Ökonomen Chinas. Das atemberaubende Wirtschaftswachstum seiner Heimat macht ihm mehr und mehr Sorgen. Denn seit ungefähr 2003 schwillt der Staatsanteil an Chinas Volkswirtschaft enorm an, nachdem er in den zwei Jahrzehnten seit Beginn der Öffnungspolitik unter Deng Xiaoping rasant gefallen war. Spätestens das vier Billionen Dollar schwere Konjunkturpaket Ende 2008, hielt Xu vergangene Woche in Washington bei einem Vortrag an der Brookings Institution fest, hätte jedem Beobachter Chinas klarmachen müssen, dass die Führung in Peking nicht mehr darauf vertraut, dass privatwirtschaftliche Initiative allein Wachstumsraten in zweistelligen Prozentzahlen garantieren kann.
Solch ein Turbowachstum braucht die kommunistische Partei aber, um ihre ohnehin bröckelnde Legitimität dem Volk gegenüber nicht zu verlieren. Und so werden weiterhin eifrig Geisterstädte gebaut, Autobahnen, auf denen keiner fährt, und Schnellzugsverbindungen ins Nirgendwo: Hauptsache, es schlägt sich in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nieder.
In der Schlagzeilenkultur des Westens allerdings hat die Nachricht, Chinas Wirtschaftsleistung werde noch heuer zur größten der Welt werden, fiebrige Visionen vom erneuten Untergang des Abendlandes angefacht. Der Haken daran: Das chinesische Bruttoinlandsprodukt wird der gegenständlichen Erhebung zufolge nur kaufkraftbereinigt zum weltgrößten. Das ist sinnvoll, wenn man messen will, welchen Lebensstandard sich die Menschen mit dem Geld leisten können, das sie erarbeiten. In China ist das Leben viel billiger als in reicheren Ländern.
Wenn man die Wirtschaftsmacht von Staaten vergleichen möchte, führt diese Rechnung ins Nirgendwo. Dann muss man die Früchte der Produktion in internationalen Wechselkursen darstellen. Dann ist die US-Wirtschaftsleistung weiterhin die größte der Welt – und dann hat der durchschnittliche Chinese noch immer nur ein Sechstel dessen, was sein statistischer Widerpart in Amerika besitzt.
Doch eines Tages wird China auch nach dieser Berechnungsweise die Nummer eins sein. Das wird eine Rückkehr ins 19. Jahrhundert sein, ehe Chinas Staat und Wirtschaft unter dem perfiden Einfluss der vom britischen Reich angezettelten Opiumkriege einknickten. Und es ist logisch: China ist mit Abstand das größte Land der Welt. Mehr Menschen können mehr produzieren.
Vor dieser Rückkehr Chinas dahin, wo es bis auf das angloamerikanische Jahrhundert war, muss man keine Angst haben. Im Gegenteil: Es ist den Chinesen zu wünschen, dass sie frei von existenziellen Sorgen leben und ihre Träume verwirklichen können. Darüber hinaus könnte Chinas ökonomischer Gipfelsturm paradoxerweise einen Weg eröffnen, um den größten Brandherd unserer Zeit zu löschen: die Streitereien um Seegrenzen im Südchinesischen Meer. Größe und Macht bringen Verantwortung mit sich – sowohl für den Weltfrieden als auch für die Bewahrung der Bedingungen der eigenen Vormachtstellung. Denn wie sollten im Kriegsfall all die schicken Smartphones auf die Weltmärkte kommen, die von einer zusehends rastlosen Arbeiterschaft zu Hungerlöhnen hergestellt werden?
Der Westen und seine Partner in Ostasien wären gut beraten, China eine regionale Sicherheitsstruktur nach dem Vorbild der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa anzubieten. Deren Vorgängerin, die KSZE, war im Europa des Kalten Krieges ein entscheidendes Instrument zur Vermeidung militärischer Ausbrüche.
Chinas Staatsführung ist eine Diktatur. In ihren Kerkern sitzen noch immer unzählige Dissidenten, allen voran Liu Xiaobo, der Friedensnobelpreisträger von 2010. Doch die Erhaltung des Friedens gebietet es, so einen Vertrag in Angriff zu nehmen. Vielleicht wäre das ein versöhnlicher Abschluss der enttäuschenden Präsidentschaft von Barack Obama – und seine Chance, den grundlos erhaltenen Friedensnobelpreis im Nachhinein zu rechtfertigen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2014)