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Wie "OK" den Norden Europas erobert

(c) APA/EPA/JOCHEN LUEBKE (JOCHEN LUEBKE)
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Eine große Ausstellung, erst in Rotterdam, nun in der VW-Stadt Wolfsburg, wühlt in der expressiven Welt des "Rebellen und Humanisten" - und eröffnet neue Perspektiven auf das Werk des österreichischen Malers.

Sehen Sie, was ich da hängen habe!“ Damals, vor einem Jahr, war Bernd Neumann noch deutscher Kulturstaatssekretär. Der Politiker wollte seinen Stolz gar nicht verbergen, als er dem Korrespondenten aus Österreich in seinem Büro den geliehenen Schatz aus dem Bundesfundus zeigte. „Erkennen Sie das? Sie sehen ja die Signatur: OK! Oskar Kokoschka!“ – und er betonte, mit erregter Stimme, so prononciert falsch auf dem zweiten „o“, dass der Landsmann des Malers unwillkürlich zusammenzuckte. Aber so ist das hier im Norden Deutschlands: Schon bei der Aussprache des Expressionisten, mit Klimt und Schiele einer der drei Säulenheiligen der Wiener Klassischen Moderne, beginnen die Missverständnisse.

Eine Etage über Neumanns früherem Büro im Kanzleramt sitzt immer noch Angela Merkel, unter einem berühmten Adenauer-Porträt, gemalt vom Meister aus Pöchlarn. So haben ihn deutsche Bildungsbürger nach den dunklen Jahren, in denen die Nazis ihn als „Kunstfeind Nummer eins“ diffamiert hatten, kennen gelernt: als einen von Eitelkeit nicht freien Porträtisten der Mächtigen, die er malte, um seinen Ruhm zu mehren und seine Preise zu treiben. Dass diese Phase seines Lebenswerks seine künstlerisch schwächere war, hat eine angemessene Rezeption beim Nachbarn wohl eher behindert.

 

Bocksprünge der Menschenseele

Nun startet eine große Kokoschka-Ausstellung in der VW-Stadt Wolfsburg, zum Zwanzig-Jahr-Jubiläum des dortigen Kunstmuseums. Diese erste monografische Schau in Deutschland seit Jahrzehnten zeigt Werke aus allen Schaffensperioden, konzentriert sich aber auf Menschenbilder. Aus gutem Grund: Sie machen fast die Hälfte des Œuvres aus; in den frühen und späten Porträts offenbart sich Kokoschkas Einfluss auf die Kunstgeschichte. „Die Bocksprünge der Menschenseele, die Tragik, das Sublime, aber auch das Triviale und Lächerliche der Menschenkreatur zogen mich an“, erklärte er.

So sezierte er mit dem Pinsel die Psyche seiner Modelle, die er „Opfer“ nannte, obwohl ihnen sein ganzes Mitgefühl galt. Die 50 Gemälde und 138 Papierarbeiten aus Museen und Privatsammlungen in aller Welt sind bestürzende Visionen eines zweiten Blicks, der verzerren muss, um eine tiefere Wahrheit geradezurücken. Es öffnen sich Innenwelten, die bedroht wirken von den Mächten des Unrechts, der Vergänglichkeit, der Entwürdigung – und gerade so die wahre Würde des Menschen ins Bild zwingen.

Die Kuratorin Beatrice von Bormann hat die Schau „Oskar Kokoschka, Humanist und Rebell“ zuvor in ähnlicher Form in Rotterdam gezeigt. Sie bespielt den weiten Kubus des Museums (das natürlich, wie alles in Wolfsburg, von Volkswagen gesponsert wurde) mit Hauptwerken wie der „Macht der Musik“ oder dem Porträt von Karl Kraus, aber auch mit Raritäten: Ein allegorisches Bild heißt „Private Property“ und war als ebensolches bisher nie öffentlich gezeigt worden. Die Ausstellung folgt dem Zeitenlauf, von den Wiener Anfängen über die Dresdner Jahre und das englische Exil bis zum Spätwerk.

Doch unbekümmert mischen sich Themenblöcke hinein: Kinder, Musik, Alma Mahler, politische Allegorien und Tiere – auch sie Porträts, ja Selbstporträts: „Ein wilder, isolierter Kerl“, notierte Kokoschka über den Mandrill im Londoner Zoo, „fast wie ein Spiegelbild von mir.“ So stilisierte sich der Künstler zum solitären Rebellen – und flunkerte dabei zuweilen. Nach der Premiere seines Stücks „Mörder, Hoffnung der Frauen“ brüstete er sich mit einem Theaterskandal, obwohl er vom aufgeschlossenen Wiener Publikum stehende Ovationen erhalten hatte.

Viele Arbeiten zeigen, wie stark sich der künstlerische Einzelgänger beeinflussen ließ: von van Gogh, Gauguin, Nolde und Soutine. Dennoch betont von Bormann echt „Rebellisches“, das sich mit seinem Humanismus verzahnt. Weil Kokoschka der Mensch wichtiger war als das Ornament, revoltierte er gegen den Jugendstil. Weil er das Menschliche nur im Figürlichen bewahrt sah, verweigerte er sich abstrakten Strömungen.

 

Vorbild für die Neuen Wilden

So geriet der politisch Aufmüpfige mit dem Siegeszug des Abstrakten Expressionismus nach dem Krieg ins großbürgerliche Abseits. Aber in seinen letzten Jahren wurde er wieder Vorbild, für die Neoexpressionisten und Neuen Wilden, von Lüpertz bis Anzinger. Die grellen Farben, der rasante Duktus haben nichts Abgeklärtes, künden von neuem Aufbruch. Manches späte Großformat müsste man nur auf den Kopf stellen, und es sähe ganz nach Baselitz aus. So fördert die Schau die These, dass der Expressionismus die wirkmächtigste Strömung der Moderne geblieben, seine Zeit noch nicht vorüber ist.

Berührend das letzte Selbstbildnis: „Time, gentlemen please“, rufen die Wirte in den britischen Pubs, um die letzte Runde einzuläuten. Unter diesem ironischen Titel zeigt sich Kokoschka, wie er nackt, aber mit stolz erhobenem Haupt auf eine Pforte zugeht, die ein Dämon für ihn offen hält. Der letzte Weg führt ins Dunkel. Aber wie Kokoschka ihn beschritten hat, zeugt vom Menschenmöglichen. Ein starker Trost.

AUF EINEN BLICK

„Oskar Kokoschka, Humanist und Rebell“ ist eine große Ausstellung zum Zwanzig-Jahr-Jubiläum des Kunstmuseums Wolfsburg in Niedersachsen. Sie läuft bis 17. August. Gezeigt werden 55 Gemälde und 138 Papierarbeiten aus allen Schaffensperioden des österreichischen Expressionisten.

Der Maler wurde 1886 in Pöchlarn geboren und gelangte in Wien zu frühem Ruhm. Nach den Jahren in Dresden trieben ihn die Nazis ins Exil, erst nach Prag, dann nach England. Seine letzten Jahrzehnte lebte Kokoschka am Genfer See, wo er 1980 starb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2014)