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Japanische Wachstumspolitik: Die drei Pfeile sind verschossen

BRITAIN JAPAN DIPLOMACY
APA/EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA
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"Abenomics": Premier Shinzo Abe wollte mit "drei Pfeilen" die japanische Wirtschaft beleben. Doch noch ist keine Wende in Sicht.

Drei Pfeile wollte Premierminister Shinzo Abe abfeuern, um die japanische Wirtschaft zu beleben. Nun scheint der dritte Pfeil der als "Abenomics" betitelten Wachstumspolitik verschossen zu sein, ohne einen nachhaltigen Wendepunkt der japanischen Wachstumsschwäche herbeiführen zu können.

Der US-Präsident Barack Obama ist von seiner Asienreise zurückgekommen. Als erstes machte er in Japan Station. Da gerade auch Japan jetzt seine Mehrwertsteuererhöhungen in Kraft gesetzt hat, droht wohl eine zuvor bereits allgemein befürchtete Konsumflaute. Man kann bekanntlich auch in Japan den Yen nicht zweimal ausgeben. Nachdem die japanische Zentralbank mittels einem mit der US-Wirtschaft vergleichbaren Quantitative Easing (QE) immer weiter ausgeweitet hat, und als eine Folge dessen der Yen-Wechselkurs gegenüber den Währungen wie US-Dollar und Euro seit Mitte 2012 abstürzte, gab es ein kurzfristiges konjunkturelles Strohfeuer, das jetzt aber wieder zu erlöschen droht. Gegenüber dem Euro betrug die Abwertung des Yen derzeit rund 44 Prozent Prozent. Damit dürfte das Hasardspiel der Abenomics tendenziell gescheitert sein.

Es ist bereits verwunderlich, dass es nicht seitens der Japaner zu massiven Kapitalabflüssen in den zurückliegenden Monaten gekommen ist. Wer sein Geld rechtzeitig aus Japan nach den USA oder Europa transferierte, konnte jedenfalls entsprechend der Wechselkursentwicklung satte Gewinne einstreichen. Es spricht nicht für den ökonomischen Sachverstand der japanischen Bevölkerung, wenn es zu einer solchen massiven Kapitalflucht aus Japan nicht gekommen ist.
Offenbar bedarf es eben doch tiefgreifendere strukturpolitischer Reformen der japanischen Wirtschaft, um sie aus ihrer Lethargie herauszureißen. Allein mittels geldpolitischer Lockerung und beggar-thy-neighbor-Politik ist Japan nicht zu sanieren.

Handelsbilanzdefizit wächst

Grenzen der Politik der kompetitiven Abwertung des Yen zeigen sich bereits in der Handelsbilanz. Nicht zuletzt wegen der Katastrophe in Fukushima mussten die Atomreaktoren für Jahre vom Netz genommen werden. Das führte zu entsprechend höheren Importen von Energieträgern wie Öl und Gas. Die im Export erzielten Zuwächse durch die Yen-Abwertung wurden durch die steigenden Kosten der Energieimporte aufgrund des gefallenen Yen-Kurses überkompensiert. Jetzt sollen die altern Kernkraftwerke wieder möglichst komplett ans Netz gehen. Ob dieses neue Hasardspiel von Shinzo Abe bei der Kernenergie jetzt die Wende für die Abenomics bringen kann, bleibt abzuwarten. Schließlich trüben sich ja bereits jetzt weltweit die Exporte ein. Ob unter diesen Rahmenbedingungen Japan noch aggressiver als bisher Auslandsmärkte seitens seiner Industrie erobern kann, erscheint dann doch zweifelhaft. Schon seit einiger Zeit verlieren die westlichen Industrieländer Marktanteile am globalen Welthandel. Deutschland dürfte voraussichtlich den Zenit bei der Expansion seines Exportüberschusses überschritten haben. Sollte es im Zuge der Ukrainekrise zu Handelssanktionen gegenüber Russland kommen, dürfte es weitere drastische Einschnitte insbesondere auch für die deutsche Wirtschaft geben. Unter solchen Rahmenbedingungen dürfte es zu deutlich mehr Widerstand gegenüber der japanischen Wechselkurspolitik kommen. Bereits jetzt beklagt man sich in der Eurozone über den hohen Wechselkurs des Euro.

Strukturelle Probleme bleiben ungelöst

Japan krankt seit Jahrzehnten an der korporatistischen Struktur seiner Wirtschaft , d.h. wenige japanische Großkonzerne bestimmen maßgeblich die Wirtschaftspolitik. Statt Wettbewerb bestimmt so deren ökonomische und politische Macht das Marktgeschehen. Seit den Zeiten der „Structural Impediments Initiative" zu Beginn der 1990er Jahre hat sich am Ende wenig getan. Das politische System leidet ebenfalls unter Verfilzungen einer seit Jahrzehnten an der Macht befindlichen Staatspartei.

Ein Staat der seine Bürger an ein zu geringes Steuersystem seit Jahrzehnten gewöhnt hat, und im Gegenzug bei diesen Forderungen in Form von Staatsschuldverschreibungen auflaufen ließ , die nicht mehr auf lange Sicht bedienbar sind, schafft nur eine Vermögensillusion bei den eigenen Bürgern. Das Thema intergenerative Gerechtigkeit wird seit langem verdrängt. Aber auf ewig lässt sich dieses Thema nicht mehr unter die Decke kehren. Japan ist eine der am schnellsten alternden Gesellschaften. Langlebigkeit der japanischen Rentner und Pensionäre und niedrige Geburtenquoten bei einem unzureichend ausgestatteten Alterssicherungssystem kommen mit dem Eintritt der Babyboomer-Generation unaufhaltsam näher. Ob die jungen global mobilen japanischen Eliten die Bürde der Finanzierung der Alterslasten übernehmen werden oder doch stattdessen aus Japan migrieren werden, ist eine bisher unbeantwortete Frage. Derzeit zeichnet sich jedenfalls kein Konsumrausch in Japan ab. Zwar ist die Inflationsrate zuletzt auf beachtliche rund 1,5 Prozent emporgeschnellt, aber was Mario Draghi von der EZB neidvoll erblassen ließe, hat bisher die gewünschte Preis-Lohn-Spirale nicht in Gang kommen lassen. Bei sinkenden durchschnittlichen Realeinkommen der Japaner dürfte es mit einem Konsumboom nicht weit her sein. Hinzu kommt, dass die oftmals private Altersversorgung der Japaner durch die Niedrigzinspolitik deren Ertragswert seit langem hat schrumpfen lassen, d.h. alternde Rentner müssen jetzt schon massiv ihren Konsum einschränken, wenn sie am Ende nicht mittellos vor ihrem Ableben dastehen wollen. Zusätzliche Konsumsteuer wie eben die Mehrwertsteuer verschärfen diesen Trend noch.

Zwar ist die japanische Einkommensungleichheit mit einem CIA Gini-Koeffizienten von 37 Prozent noch vergleichsweise moderat, in Deutschland liegt sie jedoch deutlich niedriger (27 Prozent), aber dies ist nur einem noch funktionierenden Transfersystem des Staates geschuldet. Vor Steuern und Transfer liegt der Gini-Koeffizient Japans bereits über 46 Prozent (2000-2005). Auch in Deutschland ist es nur das noch funktionierende Steuer- und Transfersystem, dass eine größere Einkommensungleichheit verhindert. Vor Steuern und Transferzahlungen liegt die Einkommensungleichheit in Deutschland im gleichen Zeitraum bei sogar noch höheren 50%. Mithin würde der Abbau des japanischen Sozialstaats ebenso wie in Deutschland rasch zu schweren sozialen Verwerfungen führen. Da aber die fiskalische Krise Japans ungelöst bleibt, hofft jede ältere Generation, die Lasten auf die nachfolgenden verlagern zu können. Wie lange dies noch gut geht, bleibt abzuwarten. Ein bisschen Makrosteuerung ist jedenfalls nicht die Lösung.

Japan ist nicht mehr globaler Innovationsführer

Japan muss auch um seine Rolle als einer der führenden Innovationsstandorte kämpfen. Insbesondere im Bereich der Konsumelektronik haben Südkorea und China im Verbund mit Taiwan Japan massiv Marktanteile abgenommen. Im Automobilbau muss sich die japanische Wirtschaft gegen die deutschen und die neuerstarkten US-Hersteller behaupten. Die frühe Einführung der Hybridtechnologie durch Toyota hat sich bisher nicht als deutlicher Wettbewerbsvorteil erweisen können. Elektrofahrzeuge fristen derzeit noch ein Nischendasein. Hinzu kommen die weltweit führenden Technologiekonzerne Apple und Google, die mit ihren Produkten den japanischen Herstellern von Konsumelektronik zu schaffen machen. Blockbusterprodukte in diesem Markt kommen derzeit nicht mehr aus Japan.

Ob Japan bei den neuen Technologien rund um die Industrie 4.0 sich seinen Anteil abschneiden kann, ist derzeit auch völlig unklar. Japan liegt jedenfalls derzeit noch auf dem 9. Rang im Globalen Competitiveness Index des World Economic Forums. Deutschland und die USA liegen dagegen auf Rang 3 und 4. Es bräuchte schon deutlich einiger spezifisch japanischer disruptiver Innovationen, die Japan wieder global als Innovationsstandort besser positionieren könnte. Der globale Wettbewerb in diesem Bereich ist jedenfalls in den zurückliegenden Jahren, insbesondere auch durch die neuen Schwellenländer, deutlich härter geworden.

Der dritte Pfeil der Abenomics ist jetzt verschossen worden, ohne einen nachhaltigen Wendepunkt der japanischen Wachstumsschwäche herbeiführen zu können.

Der Autor

Georg Erber arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Netzwerkökonomie und Marktregulierung von Netzwerkindustrien, insbesondere im Bereich der Telekommunikation; Wettbewerbspolitik im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien; Wirtschaftswachstum, Produktivität, Industriepolitik, Technologiepolitik und Innovationspolitik.

Kooperation

Dieser Artikel wurde für "Ökonomenstimme", die Internetplattform für Ökonomen im deutschsprachigen Raum, erstellt. Die Presse ist exklusiver Medienpartner der Ökonomenstimme.