Einfamilienhäuser in unserem Washingtoner Viertel Mount Pleasant gingen im ersten Quartal dieses Jahres wieder einmal weg wie die warmen Semmeln!
Da schau her, schon wieder eine Postwurfsendung von Bill Panici, GRI, CRS. Mister Panici ist, wie uns Google verrät, ein geprüftes Mitglied des „Graduate, REALTOR® Institute“ und des „Council of Residential Specialists“, er ist als Immobilienmakler in den US-Bundesstaaten Maryland, Virginia sowie im District of Columbia zugelassen, und er hat eine gute Nachricht für uns (beziehungsweise für den von Mister Panici an unserer Wohnadresse vermuteten „Mount Pleasant Neighbor“, an den das Flugblatt adressiert ist): Einfamilienhäuser in unserem Washingtoner Viertel Mount Pleasant gingen im ersten Quartal dieses Jahres wieder einmal weg wie die warmen Semmeln! Die Verkaufspreise lagen im Durchschnitt um 105 Prozent über dem Listenpreis. Nur gemittelt 14 Tage waren sie auf dem Markt. Und was kostet eines der hübschen, bisweilen aber ein bisschen verratzten zweistöckigen Backsteinhäuschen typischerweise? 843.227 Dollar. Sogar die zwangsversteigerte Bruchbude ums Eck ging um 641.000 Dollar weg. „Das ist eine GROSSARTIGE ZEIT, UM ZU VERKAUFEN!“, jubelt mir Mister Panici in Großbuchstaben entgegen, und einen perversen Moment lang flirte ich mit dem Gedanken, einen schweren Betrug zu begehen und ihm das Haus, in dem wir um eine stolze vierstellige Miete eine Wohnung im bescheidenen zweistelligen Quadratmeterbereich bewohnen, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu verkaufen und mich nach Mexiko abzusetzen.
Das Phänomen der Gentrifizierung ist mir nicht unbekannt; in Wien habe ich eineinhalb Jahrzehnte auf der Wieden gewohnt, in Brüssel später knapp vier Jahre lang in Ixelles. Historische Stadtteile werden allerorten rasend attraktiv, wobei das meiner Vermutung nach weniger mit Richard Floridas Theorie von der Anziehungskraft der „kreativen Schicht“ zu tun hat als mit der fieberhaften Suche von Banken und Fonds nach rentablen Investitionsmöglichkeiten angesichts der realwirtschaftlichen Anämie. So eine Preisexplosion wie hier in Washington ist mir aber neu – und wenn ich daran denke, dass unsere Miete demnächst zur „Anpassung“ aussteht, macht mich Mister Panici ein bisschen panisch.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2014)