In der Wiener Staatsoper setzen Regisseur Sven-Eric Bechtolf und Dirigent Franz Welser-Möst mit einer weitgehend erstklassigen Sängerbesetzung ihren „Ring“-Zyklus fort – und zwar höchst komödiantisch.
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ – was das alte Märchen mit der Siegfried-Sage zu tun haben könnte, hat uns Richard Wagner in seiner Nibelungen-Dichtung wissen lassen. Die musikalische Parabel hat er gleich mitgeliefert. Kaum eine seiner Partituren hat so geradezu paralysierende Wirkung auf die Interpreten. Dirigenten zittern vor der Kleinteiligkeit der Strukturen wie vor der Blechpanzer-Ästhetik der Instrumentation, die nicht nur den Singstimmen, sondern der Musik so ganz im Allgemeinen mühelos den Garaus machen kann. Für Heldentenöre gilt der Jungsiegfried neben dem Tristan als extremste Herausforderung, für Soprane ist diese kürzeste gleichzeitig die heikelste der drei Brünnhilden-Partien.
In der Wiener Staatsoper ist von solchen Ausgangsschwierigkeiten diesmal wenig zu bemerken. Denn mit Stephen Gould steht ein heute kaum ersetzbarer, tatsächlich furchtloser Held für die Titelpartie zur Verfügung, der sich seine Kraftreserven klug einzuteilen weiß. Er bringt alle Verve für den ersten Aktschluss auf, aber auch die nötige Intensität, um im Finale neben einer ausgeruhten Brünnhilde vom Format einer Nina Stemme achtbar bestehen zu können.
Die Stemme singt ihre Erwachensszene mit sieghaft leuchtender Stimme – und kann hernach Facetten zwischen Urangst und Erlösungsjubel in staunenerregender Farbenvielfalt malen; ein singuläres Debüt, dem sich – im gehörigen Respektabstand – jenes der Erda von Anna Larsson zugesellt. Diese Urmutter erscheint – wie wenig später die Tochter – in Schleier gehüllt und ehrfurchtgebietend sogar dem mächtig tönenden Wanderer von Juha Uusitalo, sobald er zu imposanten Vokalattacken ausholt.
Orchestrale Gipfelsiege
Kein Wunder, dass das Orchester und Franz Welser-Möst in diesem dritten Aufzug ungehemmt Gipfel stürmen. Sind doch hier Sänger aufgeboten, die ihre Stimmen behutsam ins vielgestaltige musikalische Gewebe integrieren können, im Augenblick der intimen Seelenmalerei verhalten zurückgenommen, an den Höhepunkten aber das dichte, aufregend transparent pulsierende Figurenwerk der Motive mühelos überstrahlend.
Nur der Wanderer-Auftritt im ersten Aufzug erfährt in dieser Aufführung vergleichbare interpretatorische Verdichtung: Da spannt sich ein unausweichlicher dramaturgischer Bogen über die gesamte Szene, der die vielen sensationell herausmodellierten instrumentalen Details natürlich in den Erzählfluss einbindet. Rundum gelingen musikalische Miniaturen von exquisitem Zuschnitt, der Dialog des Wanderers etwa mit dem überraschend hell timbrierten, doch sehr feinnervig gestaltenden, also rechtschaffen hintergründig wirkenden Alberich, Tomasz Konieczny, oder die von Ileana Tonca jubilierend überzwitscherte Waldvogelszene.
Problematisch wird es hingegen, wo der Zwerg Mime im Zentrum des Geschehens steht, denn der Ehrgeiz, auch große Partien aus dem Haus zu besetzen, mag mit Ain Angers profundem Fafner befriedigt sein, scheint mit Herwig Pecoraros Mime aber doch übers Ziel zu schießen. Gewiss, der Haustenor serviert manch hohen Ton mit triumphierender Geste, doch mangelt es ihm an Tiefe wie an vokaler Präzision, die Partie singend zu gestalten. Den möglichen Ausweg, der Rolle zumindest durch aggressiv klare Textartikulation beizukommen, versperrt kaum differenziertes Genuschel.
Bleibt dem unglücklichen Erben von Gerhard Stolze und Heinz Zednik, tatsächlicher Weltklassegestalter dieser Rolle aus dem Wiener Ensemble, applaustreibend lediglich jene Slapstick-Komödiantik, auf die sich die Regie Sven-Eric Bechtolfs so gut versteht. Während Rolf Glittenbergs Bühne mit ihren Riesenwänden die Universalität des Dramas unfreiwillig auf Hinterhofdimensionen reduziert, darf die Personenführung im Vergleich mit der früheren Wiener Produktion als drastische Verbesserung, jedenfalls als Verlebendigung bezeichnet werden.
Ahnungen und Possenreißerei
Viel Gehopse und Geschubse betäuben zwar in der wohl durchdachten, oft tatsächlich kongruent mit der Musik verlaufenden Choreografie oft jegliche Ahnung, dass es hier um mehr als eitel Possenreißerei gehen könnte. Doch ist der Drachenkampf, der sich lediglich in der Pupille des Riesenauges widerspiegelt, mit Geschmack gelöst. Und das heikle Schlussduett ward selten so kurzweilig ausgespielt. Wie da, als gehörte das wienerische „Geh, komm!“ zu Richard Wagners sächsischem Wortschatz, Brünnhildes Ahnungen vom Walten eines höheren Schicksals von den unreflektiert hervorbrechenden erotischen Sehnsüchten Siegfrieds überwältigt werden, war selten so komödiantisch in Szene gesetzt, von allerdings überwältigend schönen philharmonischen Klängen in jene Ekstase katapultiert, wo, wie die beiden singen, die „leuchtende Liebe“ selbst den Tod zum Lachen reizt.
SIEGFRIED: Termine
Stephen Gould singt in der Neuproduktion von Sven-Eric Bechtolf (Regie), Rolf und Marianne Glittenberg (Bühne) und Franz Welser-Möst (Dirigent) die Titelpartie. Nina Stemme ist die Brünnhilde, Juha Uusitalo der Wanderer, Herwig Pecoraro der Mime.
Debütiert haben Tomasz Konieczny (Alberich) und Anna Larsson (Erda).
Aufführungen: 1., 4., 8., 11. & 14.Mai.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2008)