Krieg und Gegenwelten: Klimt bis Egger-Lienz

(c) Leopold Museum (Alexandra Mitsche)
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Das Leopold Museum will keine Kriegsbilder ausstellen, sondern mit "Trotzdem Kunst!" Propaganda für den Künstler als Pazifisten machen. Eine Antikriegs-Ausstellung soll es sein. Ganz gelingt das natürlich nicht.

Ausstellungen von Dokumenten, Fotos, Bildern, begleitet von Symposien und feierlichen Reden. 100 Jahre Erster Weltkrieg – das wird in Wien erschreckend gemessen begangen. Nun gut. Ist so. Das Pflichtprogramm wird immerhin großteils auf hohem Niveau abgespult. Eine Sammelaktion privater Erinnerungsgegenstände für die Ausstellung „Jubel & Elend“ auf der Schallaburg wird aber wohl das Originellste gewesen sein. Nix Performance. Nix Kontroverses. Und die ewigen Forderungen nach einem „Haus der Geschichte“ werden auch heuer, auch von dieser Politik, nicht einmal ignoriert.

Was natürlich alles nicht heißt, dass es keine schönen Ausstellungen zu sehen gibt – die ästhetisch sehr gelungene Aufarbeitung des Totentanz-Themas von Albin Egger-Lienz in der Orangerie des Belvedere zum Beispiel. Oder die ästhetisch sehr gelungene Aufarbeitung des Totentanz-Themas von Albin Egger-Lienz im Leopold Museum. Nein, das wäre jetzt allzu polemisch. Das Leopold Museum legt in seiner Jubiläums-Ausstellung zwar auch einen Schwerpunkt auf den Tiroler Maler, der unser Bild vom Ersten Weltkrieg künstlerisch prägte. Aber man legte den Zugang bei Weitem breiter an, mit Dutzenden Leihgebern, dem Original von Franz Josephs Kriegserklärung, ja, man geht sogar bis ins Zeitgenössische: Das Kuratoren-Trio (Elisabeth Leopold, Ivan Ristić, Stefan Kutzenberger) lud einige Österreicher und einige „einstige Feinde“, so Ristić, ein, sich eigens für die Ausstellung Gedanken zu machen, darunter Raša Todosijević (Serbien), Franz Kapfer (Österreich), Dmitry Gutoc (Russland).

Ein Teppich aus Miniatursoldaten

Marko Lulić (Wien) montierte das historische Olympia-Plakat von „Sarajevo 1984“ an der Museums-Fassade und möchte damit gleich an mehrere Kriege erinnern. Veronika Dreier (Graz) lässt tausende Miniatursoldaten am Boden wie einen Teppich erscheinen. Paola De Pietri (Italien) fotografierte sehr elegant Kriegsschauplätze der Isonzo-Front. Und Raluca Popa aus Rumänien zeichnete auf eine Wand ein tieftrauriges Comicbild über das einsame Individuum, das vom „Zauberberg“ hinuntersteigt und sich in der Ebene des Kriegs und des Greuels verlieren muss.

Eine gute, wichtige Idee, um nicht allzu sehr in historischem Sentiment und Antikriegs-Nostalgie zu versinken. Nur kommt die Kriegsbegeisterung mancher Künstler dabei zu kurz, Egon Schiele deutet es in einer seiner Postkarten an – die Futuristen, meint er, wären an allem Schuld. Die österreichische Propagandakunst wurde gezielt vom Kriegspressequartier gesteuert, das die „Kunstgruppe“ befehligte. Hier sammelten sich Künstler aus den unterschiedlichsten Motiven, vorrangig natürlich opportunistischen, um nicht an die Front zu kommen. Es gab aber auch welche, wie Alfons Walde, die genau dorthin wollten, um für „Gott, Kaiser und Vaterland“ zu kämpfen. Den Tod wolle er als Kriegsmaler nicht in der Kunst verherrlichen, meinte er, porträtierte lieber fesche Kaiserschützen am Monte Piano. Nach dem Krieg immerhin Soldatengräber und schmiedeeiserne Grabkreuze.

Großes künstlerisches Talent war in dieser „Kunstgruppe“ jedenfalls weniger gefragt als propagandistisch einsetzbare Konvention, immerhin mussten während des Kriegs über 40 Ausstellungen im In- und Ausland mit dokumentarischen und moralisch erbaulichen Bildern bestückt werden. Was hier werkende Maler wie Anton Kolig weniger erbaulich fanden. Ambivalent ist wohl das Wort, das die Einstellung der meisten Künstler zum Krieg umreißt, so war Egger-Lienz anfangs Patriot, bis er in immer noch eindrucksvollen Bildern mächtige Metaphern für das Metzeln am Schlachtfeld fand.

Schiele, der „Kanzleisoldat“

Er hat es einige Wochen zumindest selbst gesehen, an der Front waren u.a. auch Herbert Boeckl, Rudolf Wacker und Oskar Kokoschka, letzterer kam gebrochen zurück, sein berühmtes „Selbstbildnis, eine Hand ans Gesicht gelegt“ von 1918/19 sagt dazu alles. Schiele, der als „Kanzleisoldat“ diente, hinterließ feinnervige Porträts von Mitsoldaten wie Kriegsgefangenen gleichermaßen, seinen Postkarten an Mutter und Galeristen ist ein Schwerpunkt gewidmet. Jedoch, betont Elisabeth Leopold, wollte man mit „Trotzdem Kunst!“, so der Titel, bewusst keine Kriegsbilder versammeln, sondern eine „Antikriegsausstellung“ schaffen. Wovon die vielen Stillleben, Akte, Landschaften zeugen, die man als künstlerische „Gegenwelten“ ausschildert, etwa von Hans Böhler oder Kolo Moser.

Auch Klimt schien wenig interessiert an der Aufarbeitung des Kriegs, sein 1910 begonnenes, 1916 umgearbeitetes Gemälde „Tod und Leben“ ist dennoch als Ur-Wienerische Allegorie dieser Zeit zu betrachten. Das Bild war 1917 in einer Selbstdarstellung österreichischer Kunst der Superlative zu sehen, die Josef Hoffmann im Auftrag mehrerer Ministeren in der Stockholmer Kunsthalle organisierte. Es ist das größte Verdienst dieser Leopold-Ausstellung, diese historische Schau ausgegraben, teils sogar rekonstruiert zu haben – man zeigt einen ganzen Raum voller Werke, die in Stockholm dicht an dicht hingen, wie man sich anhand eines Katalogs überzeugen kann, per Bildschirm abrufbar.

Auch Schieles „Entschwebung“, heute in der Sammlung des Leopold Museums, war darunter, die beiden vergeistigten „Blinden“, die sich in erdigen Tönen verlieren, polarisierten. Ein Jahr später, 1918, ermöglichte das Ende einen neuen Anfang. Nicht unbedingt für die Kunst. In diesem Jahr starben auch Schiele, Klimt, Kolo Moser.


Bis 15.9. Tägl. außer Dienstag 10–18h, Do. bis 21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2014)

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