Weiße Sphinx mit schwarzer Geschichte

In New York weiß man, wie man Kunst im öffentlichen Raum macht – klug und spektakulär.

Der Eindruck muss enorm sein: In einer riesigen ehemaligen Zuckerraffinerie am East River in Brooklyn, New York – bald soll sie abgerissen werden – ragt 23 Meter hoch eine schneeweiße Sphinx auf. Überzogen mit einer Schicht reinstem Zucker. Sehr schön. Aber irgendetwas irritiert einen daran kulturell nachhaltig: Statt gelassenem Löwenkörper, statt klassisch-ägyptischer Schönheit mit elegantem Kopftuch, hat die Dame hier eine ganz andere Anatomie: überzogen wulstige Lippen, ein durchgebogenes Kreuz, ein vorne verknotetes Kopftuch, das eher ans praktische Accessoire einer Reinigungskraft gemahnt.

Es sind die Stereotype, die in der historischen US-amerikanischen Rassismus-Folklore den Afroamerikanerinnen zugeschrieben wurden. Ja, so kennt man sie auch in Europa wieder, die Sklavinnen, die vor gar nicht so langer Zeit noch auf Zuckerplantagen schuften und in Zuckerfabriken wie hier ihr Leben dafür geben mussten, unter großem Druck aus der dunkelbraunen Melasse den weißen Zucker herauszukristallisieren.

Die Assoziationen zur Geschichte der Sklaverei sind an diesem Ort, in dieser ersten Arbeit Kara Walkers für den öffentlichen Raum so dicht wie verstörend wie subtil gesät. Man muss sagen, das „Subtlety“ genannte Monument der Ausbeutung ist das bisherige Hauptwerk der 1969 geborenen afroamerikanischen Künstlerin, die übrigens in Wien 1998 die erste war, die den „Eisernen Vorhang“ der Staatsoper überblenden durfte – mit einer ihrer typischen Scherenschnittarbeiten zum Thema Schwarz/Weiß. Doch dieser schneeweiße Alptraum an diesem düsteren Unort wird ihr ganzes Werk dominieren. Diese Installation ist eine Attraktion. Und sie ist klug. Und sie ist privat finanziert.

Während in Wien um viel Geld gläserne Veranstaltungsräume auf das eine Museumsdach gehievt werden (Leopold). Oder rosa Werbe-Wohnwägen für herzige Kuchen auf das andere (Mumok). Manchmal frage ich mich – haben wir in Wien die passenden Räume nicht? Keine leeren Fabriken, nichts Abseitiges? (Nein.) Keine politischen, historischen Themen? (Nein!) Fehlen uns die Künstlerinnen und Künstler, die sich trauen, derart explizit zu werden? (Anscheinend.) Fehlen uns Sponsoren dafür? (Ja.) Dafür stehen aber viel mehr Steuergelder für Kunst im öffentlichen Raum zur Verfügung. Doch die bleibt dann meist verschwurbelt, abstrakt, verkopft. Szenenapplaus dafür. Aber ehrlich: Who cares?

E-Mails:almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2014)

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