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Woge gegen Westen?

Die osmanische Belagerung Wiensvon 1683 prägte lange das Bild der Türken in Mitteleuropa. Zwei Studien zeigen, wie Kernelemente der Propaganda gegen die Osmanen in Parolen moderner Fremdenfeindlichkeit umgemünzt wurden.

Als JosephII. 1790 gegen das Osmanische Reich Krieg führte,legte der Wiener Illustrator Hieronymus Löschenkohl Kupferstiche mit „Türkenbildern“ auf: Die Türken tragen gewaltige Turbane wie Bovistknollen und Artischockenkuppeln, darunter prangen warzige Nasen und knorrige Leiber; sie sind als grausame, tückische und fanatische Brut karikiert.

Dieses Türkenbild hat, wie zwei vorzügliche von Johannes Feichtinger und Johann Heiss herausgegebene Bände zeigen, seine Ursprünge in der osmanischen Belagerung Wiens von 1683. Die beiden Bücher untersuchen die wechselnden Konjunkturen und Funktionen dieses Feindbilds und stellen seine Bedeutung bis in unsere Zeit dar.

Die von Heiss und Feichtinger vorgelegten Studien weisen nach, wie seit dem späten 17.Jahrhundert Kernelemente der Propaganda gegen die osmanische Bedrohung des christlichen Europa in Parolen moderner Fremdenfeindlichkeit umgemünzt wurden. In Österreich hat sich das säbelrasselnde Ressentiment gegen den türkischen „Erbfeind“ seit dem 19.Jahrhundert verdichtet. Während der Revolution von 1848 klagten die großösterreichischen Konservativen, der polnische General Józef Bem eile, statt wie Jan III. Sobieski im Jahr 1683 Wien vom Drangsal der Belagerung zu befreien, den aufständischen Ungarn zu Hilfe: Er unterstütze also die neuen Türken, deren Woge nach Westen brandete. Seit den 1870er-Jahren haben Liberale und Katholiken einander als „Türken“ angegriffen. Später hat die hausbackene klerikalfaschistische Ideologie der 1930er-Jahre Österreich als Bollwerk der Christenheit gepriesen. Aus diesen trüben Quellen speist sich die Abendlandfolklore der FPÖ.

Die beiden Bände, Resultat eines groß angelegten Forschungsprojekts an der Akademie der Wissenschaften (www.tuerkengedaechtis.oeaw.ac.at), berücksichtigen eine breite Auswahl an Quellen: Sie arbeiten motivgeschichtlich, das zeigt etwa der Variantenvergleich der auf der Mondsichel thronenden Muttergottes, ursprünglich ein Element aus dem Isiskult, das antiosmanisch umgedeutet wurde, des Calcatio-Motivs an der Capistrankanzel am Stephansdom mit dem zum Fußschemel des Predigers erniedrigten Osmanen und der Kielmansegg'schen Hodegetria-Ikone in der Michaelerkirche. Schulbücher, Theaterstücke und Monumente des Belagerungsgedächtnisses, etwa der Türkenritthof in Hernals, werden feinsinnig gedeutet. Besonders wertvoll sind die Bände, weil sie weit über Österreich hinausgreifen und das Türkengedächtnis in allen ehemals habsburgischen Ländern untersuchen.

Im multireligiösen Ungarn etwa entfaltete die Erinnerung an die Türken eine andere Dynamik als in den böhmisch-österreichischen Ländern. Die Rückeroberung Ungarns durch die Habsburger, die 1687 Ofen einnahmen, hinterließ eine gemischte Bilanz: Das Osmanische Reich wurde zur Zufluchtsstätte für antihabsburgische Aufständische wie Fürst Ferenc II. Rákoczi. Zudem war das unter osmanischer Herrschaft stehende Südostungarn durch größere konfessionelle Toleranz gekennzeichnet als der von der habsburgischen Gegenreformation betroffene Nordwesten, die Freizügigkeit der Bauern war unter den Osmanen größer.

Im 19.Jahrhundert wurden die Osmanen zusehends zum edlen und ebenbürtigen Feind, wobei das offizielle Ungarn immer noch die Opferrolle einnahm, wenn es die Phantomschmerzen nach dem Vertrag von Trianon, der 1920 zu beträchtlichen territorialen Einbußen geführt hatte, nahelegten. 1932 enthüllte das westungarische Köszeg/ Güns, das 400Jahre zuvor den Osmanen getrotzt hatte, zum Belagerungsjubiläum ein neues Denkmal: Auf dem Monument erinnert das „durch den so geschützten Westen mit Trianon beschenkte Köszeg“ Europa an die Heldentat von 1532.

Zwei Hauptbefunde ziehen sich durch die beiden Bände. Das Türkenfeindbild eignet sich hervorragend für politische Stellvertreterkriege, der Türke war Lückenbüßer und elastischer Begriff, ein vielseitig verwendbares Stereotyp, das Kontrahenten oft wechselseitig einsetzten. Durch dieses Konglomerat von Türkenstereotypen führt aber eine konzeptuelle Schneise: Das Osmanenbild des 17. und 18.Jahrhunderts wurde im 20.Jahrhundert in das Türkenklischee der Zuwanderungsgesellschaft umgeprägt. Der Türkenmythos changiert zwischen Triumph und Niederlage: Er eignet sich dafür, vergangenen Ruhm heraufzubeschwören und erlaubt es zugleich, sich selbst larmoyant als Opfer zu präsentieren. Es ist auch bemerkenswert, wie heiß umstritten das Prestige des Bollwerkstatus war. Die Bände dokumentieren regionale Konflikte darüber, wer dem Barbarentum zugehörte, und wer als letzter Außenposten und Retter des europäischen Abendlandes gelten durfte. Solche Binnenorientalismen zeigen sich vor allem in den Debatten zwischen Ruthenen und Polen im habsburgischen Galizien.

Wie überfällig diese nüchternen und akribischen Bände sind, beweist ein Blick auf die Werbeplakate in den Wahlkämpfen. Rechts außen finden wir die übliche flaue Schmarotzerrhetorik und stets dieselben Sujets. Die „Türkenbelagerung“ ist hier ein beliebtes Motiv. Aber auch links der Mitte irritieren sonderbare Auffassungen: Man muss nur an die Kundgebungen der Erdoğan-Unterstützer im Frühling 2013 erinnern, und an die von einigen Grünen erhobene Forderung, die demokratischen Anschauungen von Anwärtern auf die österreichische Staatsbürgerschaft unter den Demonstranten genau zu prüfen. Diese Art von Gesinnungstümelei verhöhnt den liberalen Rechtsstaat. Zugleich fallen die Probleme auf, die sich in Österreich aus dem Spezialstatus der Muslime als seit 1912 anerkannter Religionsgemeinschaft ergeben. So ist in dieser Zeitung die Initiative liberaler Muslime gegen einen diffusen „Mehrheitsislam“ aufgetreten (2.August 2013), hat sich als einzige demokratietaugliche Religionsvertretung der Regierung angedient und die Islamische Glaubensgemeinschaft als Hort der Reaktion angegriffen.

Bedenkenswert sind die Beiträge der beiden Bücher aber auch, wenn man die Versuche betrachtet, Europa eine gemeinsame Identität zu verleihen. Die Bände warnen den Leser davor, den Scheckbuchdiplomaten und Gesundbetern der Europatauglichkeit auf den Leim zu gehen, die gern von gemeinsamen Werten, geteilter Geschichte und christlichem Erbe reden. Statt solcher Rezepte benötigt Europa eine tief greifende Demokratisierung der Union, die von der Gesamtheit der Bürger als vollwertigen und rechtsfähigen Normadressaten ausgeht, ohne Ansehen der Herkunft, Muttersprache oder Religion. ■

Johannes Feichtinger, Johann Heiss (Hrsg.)

Geschichtspolitik und „Türkenbelagerung“

360 S., brosch., €19,90 (Mandelbaum Verlag, Wien)

Johannes Feichtinger, Johann Heiss (Hrsg.)

Der erinnerte Feind

Kritische Studien zur „Türkenbelagerung“. 356 S., brosch., €19,90 (Mandelbaum Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2014)