„Expedition Europa“: von neuen Wahlen und alten Mythen.
Wen's interessiert, der kann soeben den ersten Gehversuch europäischer Demokratie beobachten. Erstmals wurden gesamteuropäische Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten aufgestellt. Ich suchte nach den Wurzeln der Kandidaten. Ich gestehe gerne, dass mich jene Orte der Kindheit wenig interessiert hätten, wenn mir nicht eine merkwürdige Information zugegangen wäre: Die Männer aus dem Geburtsort des sozialdemokratischen Kandidaten waren früher als Hexenmeister, ja als Werwölfe verschrien.
Schulz und Juncker haben viel gemein. Ihre Geburtsorte liegen nur 160 Kilometer auseinander, irgendwo noch in Pendelnähe zu unserer Hauptstadt Brüssel. Beide Orte sind katholisch, hocken inmitten von Bergbaurevieren, beide Kandidaten streichen gerne ihre Herkunft „von unten“ heraus.
Der Christdemokrat Jean-Claude Juncker wuchs im Süden Luxemburgs auf, in Beles. Von der „Cité“, einer Arbeitersiedlung aus einstöckigen Mehrfamilienhäusern, blickten die Junckers auf das inzwischen geschlossene Stahlwerk. Zunächst sehe ich nur Afrikaner. Portugiesischsprachige Kapverder strömen zu einem Bankett. Sie kennen „Schünckér“ nur aus dem Fernsehen. Dafür kennt und schätzt ihn die ältere Luxemburgerin nebenan: „Er ist typisch Minette-Region – er sagt, was er sich denkt.“ Ich frage sie nach einer Beleser Entsprechung zur Hexerei in der Heimat des Gegenkandidaten. Sie nennt mir das „Burschbrennen“, das Abfackeln eines Kreuzes zur Fasnacht.
Ich halte noch in der portugiesischen Bar „Chez Alexandra“. Ich will nur rasch die in einem Keramikgestell flambierte Wurst verzehren, da nageln mir die Luxemburger Stammgäste ein Gespräch über Tafelspitz und Gott ans Knie.
Herrscher, die sich mischen müssen
Mein Gottesbeweis fällt matt aus, ich frage sie etwas anderes: Warum reüssieren in Ländern mit zehn Prozent Ausländeranteil Rechtspopulisten, während das zur Hälfte von Zuwanderern bewohnte Luxemburg keine solche Partei kennt? Ein pensionierter Banker mit Buschbart antwortet: „Das macht die Bildung hier. Selbst der Großherzog hat eine kubanische Frau. Das Herrschergeschlecht muss sich mischen – weil sie Bluter sind.“
Ich fahre in den Geburtsort des sozialdemokratischen Kandidaten. Auch Hehlrath, kurz vor Aachen, hat ein portugiesisches Lokal. Dienstags ist im „OPortugues“ nur die nichtportugiesische Bar offen, und ich komme zur Knobelrunde zurecht. Ich versuche es auf die direkte Art: „Darf ich Sie etwas fragen, sind Sie Werwölfe?“ Die Männer blicken kaum vom Knobelbecher auf. Der Älteste nuschelt etwas über Hehlraths Gründer. „War er ein Zaubermeister?“ – „Ein Ehrenmann war das.“ Alle würfeln und rauchen sie immerfort, und wenn einmal jemand Worte ausbläst, dann kommen sie mir so spanisch wie luxemburgisch vor.
Die jungen Männer, die nebenan ein Tanzfest aufbauen, sind gesprächiger. Einige wissen, was in der Wikipedia steht: Die Hehlrather hätten Nebenbuhler aus dem Nachbardorf wie Wölfe angefallen. Die Männer sehen das angrenzende Kinzweiler hinter der „mittelalterlichen Geschichte“, „die sind komisch“. Gut, aber warum heißt der dienstags geschlossene Dorfwirt dann „Hexenhaus“? – „Weil wir zu Hause Hexen haben.“ Sie lachen.
Der erste Versuch einer gesamteuropäischen Wahlkampagne lehrt uns bereits etwas über Chancen und Limits einer europäischen Demokratie. Sprache ist so ein Limit. So wie in der Schweiz Politiker aus dem zweisprachigen Kanton Fribourg überproportionale Bedeutung haben,könnten die mehrsprachigen Luxemburger eine ähnliche Rolle in der EU spielen. Juncker versucht es, er beackert auch die fernen Inseln der Union. Schulz hingegen tourt fast nur durch Deutschland. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2014)