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Künstler sitzen zu Gericht

„The Right One: Pearls of Revolution“
(c) Sanja Ivekovic
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„Zehntausende Täuschungen und Hunderttausend Tricks“ will anklagen – und zeigt, dass die Stärke bildnerischer Mittel nicht in der Analyse liegt.

Mengen von Büchern liegen auf einem Stückchen Auslegeteppich. „Marx“ und „Lenin“ kann man auf den Buchtiteln entziffern. Eine Aufforderung zur Lektüre? Ein durchkomponiertes Raumbild? Ein Statement zur weltpolitischen Lage? Nein, nichts davon. Die Bücherinstallation zeige die Beschäftigung mit dem Kommunismus im arabischen Raum, lautet die Erklärung. Es ist eines von acht Werken, die um das Thema Revolution kreisen. Kann man heute noch die Gleichung Kommunismus = Revolution behaupten, mit all dem Wissen um die Schattenseiten jener historischen Epoche? Stehen Revolutionen heute überhaupt noch als Strategie des Umbruchs zur Debatte, nach den Entwicklungen des Arabischen Frühlings, die nicht zum Neuanfang, sondern zum Ruf nach Stabilität und damit zurück zu alten Strukturen führen?

 

Ein Netzwerk für arabische Künstler

„Meeting Point 7“ ist eine politisch höchst ambitionierte Veranstaltung. Sie thematisiert „Formen des Neokolonialismus, der Konterrevolution“ und verschiedene „Strategien, die gegen Unterdrückung eingesetzt werden“ (Katalogtext). Das ist viel, noch dazu in einer ziemlich verwirrenden Konstruktion: Gegründet 2004 als Performance-Festival, findet „Meeting Point“ in mehreren Städten statt. Die Schau diente ursprünglich dazu, das Künstlernetzwerk der arabischen Welt zu stärken. Seit der fünften Ausgabe gibt es sie alle zwei Jahre, zuletzt hat sie der ehemalige Documenta-Leiter Okwui Enwezor gestaltet. Heuer ist das Kuratorenkollektiv WHW (What, How & for Whom) verantwortlich – eine klare Entscheidung für eine radikale Ausstellung: Zur elften Istanbul Biennale 2009 setzte sich WHW in der Klassenkampf-Rhetorik der marxistischen Schule mit Krieg, Unterdrückung und dem Wunsch nach Veränderung auseinander. In Holland fragten sie 2011: „How much Fascism?“

 

Neudeutung historischer Ereignisse

All das spielt auch in „Zehntausend Täuschungen und Hunderttausend Tricks“ hinein, wie sie ihre Ausstellung nennen. „Was ist die Verantwortung von kultureller Produktion heute? Wie kann man antikapitalistische Tendenzen zeigen?“, fragen sie. Und vor allem: „Was können wir beitragen, um Alternativen zu eröffnen?“ Statt einer eindeutigen Antwort schlagen sie eine Methode vor: Solidarität und Dialog. Darum auch haben sie ihren „Meeting Point 7“ zugleich global und betont lokal angelegt: An jeder der sieben Stationen – unter anderem Beirut, Kairo, Moskau – integrieren sie lokale Künstler und kooperieren mit lokalen Kuratoren, in Wien mit Luisa Ziaja vom Belvedere. So stammen von den 44 Künstlern, die auf der oberen Etage des 21er-Hauses gezeigt werden, zwölf Beiträge aus den Haussammlungen bzw. sind adaptiert, wie Eva Egermanns „Nach der Freiheit“-Projekt mit Interviews antifaschistischer Widerstandsaktivistinnen oder Ramesch Dahas Recherche zum Bau der Transiranischen Eisenbahn. Auffallend oft werden historische Ereignisse in andere Zusammenhänge gestellt: Tom Nicholson zeigt Poster mit Denkmälern, auf denen „Palästina“ geschrieben steht. Sie wurden in Melbourne zum Gedenken an jene Truppen errichtet, die im Ersten Weltkrieg aufseiten der Briten in Palästina kämpften. Jetzt erscheinen sie als Mahnmal von Enteignungsprozessen (Tom Nicholson).

Anderes ist bitter-humorvoll wie die Cartoons rund um Kolonialismus und Rassismus (Anton Kannemeyer) oder radikal wie die Porträtfotos einer Frau mit Perlenkette. „The Right One: Pearls of Revolution“ lautet der Titel: Die Frau hält das bürgerliche Schmuckstück in ihrer Faust, erhoben zur Grußgeste jugoslawischer Partisanen (Sanja Ivekovic).

Am Ende des Rundgangs ist man völlig erschlagen von all den Anklagen, die hier ausgebreitet werden. Sind solche kuratorisch postulierten, politischen Ambitionen nicht zu hoch gesteckt, liegt doch die Qualität bildnerischer Mittel gerade in einer Verdichtung statt in Analysen und Weltgerichten? So wenig wie Bücher auf einem Teppich eine Aussage ergeben, so wenig wie hingestreute Namen wie Marx und Lenin als Zaubermittel fungieren, so wenig kann ein derartig breit angelegter Thementeppich als „Dialog“ wahrgenommen werden – und wo ist darin eigentlich unser Platz?

„Meeting Points 7: Zehntausend Täuschungen und hunderttausend Tricks“, 21er-Haus, in Kooperation mit den Wiener Festwochen, bis 31. August 2014.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2014)