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Adorf als Jude auf Spurensuche Erinnerung an Zorn und Wut

Mario Adorf
(c) Clemens Fabry / Die Presse
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In „Der letzte Mentsch“ versucht Mario Adorf, sich seine jüdische Herkunft bestätigen zu lassen. Ein Gespräch über Wurzeln, Gräber und Witz.

Die Presse: Sie spielen einen alten Mann, der beweisen will, dass er Jude ist. Seine Familie wurde ausgelöscht, dass er im KZ war und Jiddisch kann, reicht als Beweis nicht aus. Werden die Herkunft, die Wurzeln am Ende des Lebens wieder wichtig?

Mario Adorf: Das mag so sein, dass man sich am Ende wieder zurückbesinnt. Nachdem Schwartz, oder Teitelbaum, wie er eigentlich heißt, 70 Jahre lang seine Identität verleugnet hat, merkt er beim Gang über einen jüdischen Friedhof, dass er dort begraben werden möchte. Als Jude, als das, was er wirklich ist. Das ist, glaube ich, eine Alterserscheinung.

Gab es bei Ihnen einen Punkt, an dem Sie gemerkt haben, es ist keiner mehr da, der Sie von früher kennt?

Ich will das nicht zu nah an mir ansiedeln. Ich selbst war in einer Schulklasse zum Beispiel, bei der von 25 noch 17 oder 18 leben, es ist also nicht so schlimm. Ich glaube, es kommt nicht auf die Quantität an, sondern auf die Qualität. Ob es einem gelungen ist, eine Freundschaft, eine Beziehung oder eine Ehe das ganze Leben, oder zumindest über eine lange Zeit hinweg, aufrechtzuerhalten. Das ist ganz wichtig: dass man lernt, eine Beziehung aufzubauen.

 

Warum sind die Juden mit der Anerkennung so streng? Ist das eine Reaktion auf Jahrhunderte Antisemitismus, dass sie sagen: Wir bestimmen selbst, wer ein Jude ist?

Ich sehe das als eine kleine Spitze des Regisseurs, der die Geschichte auch geschrieben hat, gegen die jüdische Bürokratie. Er ist selbst gläubiger Jude und hat da wohl Schwierigkeiten erfahren.


Im Film reisen Sie mit einem jüdischen Witzbuch. Haben Sie einen Lieblingswitz?

Viele. Die zwei Bände von dieser Autorin besitze ich selbst schon seit Jahrzehnten. Die jüdischen Witze sind die gehaltvollsten, erfahrungsreichsten, letztendlich witzigsten. Das war schon immer eine private Vorliebe. Sonst habe ich mich mit dem Judentum nicht besonders beschäftigt. Aber ich habe mit vielen „Remigranten“ gearbeitet, sehr viele waren meine Lehrer, meine Vorbilder. Sie haben mir auch erzählt von der Emigration, die die vielleicht zweitschmerzlichste Erfahrung ist, die man im Leben machen kann, nach Tod oder Lebensbedrohung. Das war schon eine große Wunde. Ich habe vieles in meinem Verhalten darauf eingestellt.

Was denn zum Beispiel?

Sprachen zu beherrschen, um nicht auf einmal hinausgeworfen zu sein in eine fremde Sprache. Als junger Mann dachte ich, dass man selbst einmal gezwungen sein könnte, auszuwandern. Es passiert hoffentlich nie wieder, aber man muss vorbereitet sein. Das ist wiederum das Thema des Films: dass wir nicht vergessen dürfen, was geschehen ist. Und dass wir alles tun müssen, damit es nie wieder passiert. Ich habe früher nicht daran geglaubt, aber jetzt gibt es wieder Anzeichen dafür, dass die Gefahr da ist.

Wie war es, als Ihnen als Teenager klar wurde, was wirklich passiert ist?

Das war die große Erkenntnis, und die große Enttäuschung. Zorn und Wut darauf, dass man in einem System mitlief und gar nicht wusste, was da passierte. Wir hatten gar kein Wissen. Das wird oft angezweifelt, und es mag vorgekommen sein, dass Leute etwas wussten oder man hätte wissen können, wenn man gewollt hätte. Aber Menschen in einem Krieg machen sich nicht Gedanken, mit wem was passiert. Umso größer war das Gefühl des Benutzt-worden-Seins, des Verführt-worden-Seins. In meinem Fall war das eine sehr lange und schlimme Erfahrung, als dann alles herauskam.

 

Sie spielen heute kein Theater mehr, weil es zu viel Zeit braucht. Sind Sie strenger mit Ihrer Zeit?

Es ist richtig, dass einem bewusst wird, dass die verbleibende Zeit nicht unendlich ist. Andere mögen andere Möglichkeiten sehen, wie man sie verbringt. Ich sehe sie im Weitermachen, im Meinen-Beruf-Ausüben und im Froh-darüber-Sein, wenn schöne Rollen kommen.

 

Wird viel an Sie herangetragen?

Also, ich würde sagen, es ist nicht sehr viel, was da kommt.

Was tun Sie, wenn Sie nicht drehen?

Dann leide ich auch nicht. Ich kann sehr gut ohne Arbeit leben. Ich kann mich gut beschäftigen, ich lese noch gern, und man reist auch viel herum, auch das tu ich immer noch gern.

 

Haben Sie sich auch schon überlegt, wo Sie begraben sein möchten?

Nein. Ich habe einen Freund, der sich schon eine Grabstätte gekauft hat. Eine sehr exklusive, in Rom auf dem nichtkatholischen Friedhof bei der Pyramide. Meine Mutter hat sich eine Meerbestattung gewünscht, was ich natürlich erfüllt habe. Aber mich beschäftigt das nicht besonders.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2014)