Amnesty: Behörden ignorierten Warnung von Boko Haram

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Das nigerianische Militär soll bereits vier Stunden vor der Entführung gewarnt worden sein.

Im Fall der fast 300 entführten Schülerinnen in Nigeria wirft die Menschenrechtsorganisation Amnesty International den Behörden vor, eine Warnung der radikalislamischen Gruppierung Boko Haram ignoriert zu haben. Es gebe "ausreichend Beweise" dafür, dass "die nigerianischen Sicherheitskräfte es versäumten, auf Warnungen von Boko Haram zu reagieren", teilte Amnesty am Freitag mit.

Unterdessen reisten Militärexperten aus den USA und Großbritannien zur Unterstützung der Suchaktion nach Nigeria.

Nach Amnesty-Angaben erhielt das Militär vier Stunden vor dem Überfall auf die Schule in der Stadt Chibok im nordöstlichen Bundesstaat Borno eine entsprechende Warnung. Der zuständige Kommandant sei aber nicht in der Lage gewesen, ausreichend Soldaten für einen Einsatz in der Stadt zu rekrutieren, berichtete die Menschenrechtsorganisation unter Berufung auf Aussagen hochrangiger Offiziere.

Amnestys Afrikadirektor Netsanet Belay sprach von einem "groben Verstoß Nigerias gegen seine Pflicht zum Schutz von Zivilisten". Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Chris Olukolade, wies die Anschuldigungen hingegen zurück. "Der Bericht ist nur eine Ansammlung von Gerüchten", sagte er AFP.

Kämpfer der extremistischen Sekte hatten die Schule am 14. April überfallen und 273 Mädchen verschleppt. Nur einem kleinen Teil der Schülerinnen gelang die Flucht. Am Sonntag entführte die Gruppe elf weitere Mädchen. In einem Video kündigte Sektenführer Abubakar Mohammed Shekau die Versklavung und Zwangsverheiratung der Schülerinnen an.

Die Regierung in Abuja hatte zunächst zögerlich auf die Entführung reagiert. Erst nach einer weltweiten Mobilisierung und wütenden Protesten der Familien erklärte Präsident Goodluck Joathan am Freitag den "totalen Einsatz" seines Landes bei der Suche nach den Mädchen.

Daran sollen sich auch Militärexperten aus den USA und Großbritannien beteiligen. Das Expertenteam sei vor Ort, sagte eine Sprecherin der US-Botschaft in Abuja. Sie äußerte sich nicht zu der Zusammensetzung der Gruppe, doch war zuvor aus Washington verlautet, es würden Militärexperten sowie Fachleute aus dem Justizministerium und vom FBI entsandt. Das britische Außenministerium schickte Diplomaten und Spezialisten des Verteidigungsministeriums nach Abuja. Das Team werde sich auch für "langfristige Anti-Terror-Lösungen einsetzen, um derartige Angriffe zu verhindern und Boko Haram zu besiegen".

Die Witwe des verstorbenen südafrikanischen Nationalhelden Nelson Mandela, Graça Machel, appellierte an die Behörden in Nigeria sowie die internationale Gemeinschaft, die Suche nach den Mädchen zu verstärken. "Die nigerianische Regierung steht in der Pflicht, die Bürger zu schützen und ihre Sicherheit zu garantieren", erklärte Machel.

Auch die Bundesregierung stellte sich hinter die vor einigen Tagen lancierte weltweite Kampagne "Bring Back Our Girls" (Bringt unsere Mädchen zurück). Die Regierung sei "entsetzt über das Ausmaß des Terrors durch die Terrororganisation Boko Haram, der Nigeria derzeit heimsucht", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Derweil erwägt der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag, sich mit dem Verbrechen zu befassen. Die Entführung könnte unter die Zuständigkeit des Tribunals fallen, sagte Anklägerin Fatou Bensouda. Schon 2012 war der Strafgerichtshof bei einer Vorprüfung zu dem Schluss gekommen, dass Boko Haram seit 2009 Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht.

US-Außenminister John Kerry hatte am Donnerstag an die internationale Gemeinschaft appelliert, konkrete Hilfen zur Verfügung zu stellen. "Die gesamte Welt sollte diese Schandtat nicht nur verdammen, sondern alles nur Mögliche tun, um Nigeria in den nächsten Tagen zu helfen", sagte Kerry in Washington.

Nach einem CNN-Bericht sollte am Freitag ein siebenköpfiges US-Team in Nigeria eintreffen, um mehrere Dutzend Militärexperten zu unterstützen, die seit längerer Zeit vor Ort sind.

(APA/AFP/dpa)

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