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Türkisch: Eine Sprache per Verordnung

Portrait von Mustafa Kemal Atatürk
Portrait von Mustafa Kemal AtatürkEPA
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Das Türkische, wie wir es heute kennen, gibt es erst seit den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals ließ Atatürk Wörter mit arabischen und persischen Wurzeln entfernen – so sollte sich die Türkei zum Westen hin öffnen.

Am Anfang der Offensive stand eine Rede. Mustafa Kemal, später Atatürk genannt, der Begründer der modernen Türkei, hielt sie im Sommer 1928. Sie war der Auftakt zu einem wahren Kraftakt, zu einer Reform, an deren Ende ein Neutürkisch per Verordnung stand, eine Sprache, die mit dem vorher von der Elite gesprochenen osmanischen Türkisch nur etwa 70 Prozent des Wortschatzes gemein hatte – und die auch Atatürk selbst angeblich nicht mehr richtig beherrschte. (Er soll für seine Reden einen Übersetzer beschäftigt haben.) Es war eine unglaubliche Umwälzung, mit der die Kluft zwischen der Oberschicht und der Landbevölkerung geschlossen und das Land Richtung Westen geöffnet werden sollte.

An diesem Abend 1928 ging es vorerst „nur“ um die Schrift: Statt dem arabischen sollte in Hinkunft das lateinische Alphabet verwendet werden. „Ich möchte“, erklärte Atatürk seinen Zuhörern, „dass ihr diese Schrift in fünf bis zehn Tagen lesen könnt.“ Er wolle die Türken von den ihnen „unverständlichen Zeichen erlösen, die seit Jahrhunderten unsere Gehirne in ihren eisernen Fesseln gefangen halten“.


Sprachgesellschaft.
Ab da ging es schnell. Wenige Tage später begann der Unterricht für Funktionäre und Beamte, im November wurde ein Gesetz beschlossen: Binnen eines Monats mussten Schulen und Zeitungen sich umstellen, Werbeplakate und Schilder durften nur mehr die lateinische Schrift verwenden. Atatürk reiste durch die Lande, in einer PR-Offensive, wie man das heute nennen würde, für die neue Schrift. Kurz darauf bekam die Türkische Sprachgesellschaft den Auftrag, tausende Lehnwörter zu tilgen, die arabischen oder persischen Ursprungs waren und sie zu ersetzen: am besten durch Wörter aus den türkischen Dialekten. Auch vor der Grammatik machte der Veränderungswillen nicht halt – neu dazu kamen etwa Vorsilben, wie die indogermanischen Sprachen sie kennen. Das hehre Ziel: eine neue, moderne Türkei. Die Demokratisierung der Gesellschaft.

Für all dies waren gerade einmal zehn Jahre veranschlagt, dann sollte der Wandel abgeschlossen sein. Landesweit wurden Komitees gegründet, Lehrer wurden angehalten, Vorschläge zu unterbreiten, auch die Zeitungen wurden in die Pflicht genommen: Sie druckten jeden Tag zehn bis zwanzig „unliebsame“ Wörter ab mit der Aufforderung an die Leser, Alternativen zu suchen. Die besten Ideen wurden prämiert – und die Bevölkerung angehalten, jeden Tag zumindest ein Wort auswendig zu lernen.

Es war eine von oben verordnete Reform, die vom Volke ausgehen sollte. Ob sie von Erfolg gekrönt war?

Die Informationsabteilung für Kultur der türkischen Botschaft in Wien schreibt auf ihrer Homepage von „wichtigen Schritten“ hinsichtlich der Vereinfachung der Sprache, und weist darauf hin, dass in der Schriftsprache der Anteil der türkischen Wörter von 35 bis 40 Prozent auf 75 bis 80 Prozent gestiegen ist, „ein wichtiger Beweis dafür, dass die von Atatürk durchgeführte Sprachreform vom Volk getragen wird“. Das Istanbuler Gymnasium – eine höhere Schule mit Deutsch-Schwerpunkt – feiert die Reform als „wesentliche Voraussetzung für soziale Entwicklung und die Demokratisierung der Gesellschaft, für Teilhabe des Volkes an Bildung und Mitsprache“.

Der Sprachwissenschaftler Geoffrey Lewis spricht dagegen von einem „katastrophalen Erfolg“. Er macht in seinem Band über die türkische Sprachreform auf die Schattenseiten aufmerksam. Für etliche aus dem Arabischen und Persischen entlehnte Wörter sei niemals Ersatz gefunden worden, schreibt er. Die Sprache sei verarmt. Die geplante Übernahme von Wörtern aus den türkischen Dialekten, meint auch Katharina Brizić in ihrem Band „Das geheime Leben der Sprachen“ hätte sich als „Utopie“ herausgestellt. Die Einführung der lateinischen Schrift hätte „den Verlust des Zugangs zur gesamten bis dahin geschriebenen Literatur aus osmanischer Zeit“ bedeutet. Was ihre Großeltern vor 1930 geschrieben haben, ist für die meisten Türken nicht lesbar.

Noch mehr: Die Reform hätte nicht geschafft, was sie sich vorgenommen hatte: Die Bildungskluft zwischen Elite und der ländlichen Bevölkerung, die vor allem ihren lokalen Dialekt spricht, zu schließen. „Der immense Abstand des Neutürkischen zu den Dialekten der Landbevölkerung und die Größe und Instabilität seines Lexikons machen einen besonders langen Schulbesuch unerlässlich.“ Aber gerade Kindern aus bäuerlichen Familien sei das nicht möglich.

Das Neutürkische, so ihr Befund, sei eine Sprache der Elite.

Fakten

In den 20er-Jahren wurde die türkische Sprachgesellschaft gegründet. Sie sollte Vorschläge zu einer Reform ausarbeiten – die Sprache sollte vereinfacht werden.

1928
wurde per Gesetz das neue lateinische Alphabet eingeführt.

1932 begann eine landesweite Sammlung umgangssprachlicher türkischer Begriffe. Sie sollten die persischen und arabischen ersetzen. Die Zeitungen und der Rundfunk veröffentlichten Listen. Die Vertreter einer radikalen Reform setzten sich durch – es wurden auch Wörter ausgemerzt, die allgemein geläufig waren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2014)