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Schattenseiten der Zuwanderung: Türkische Problemzonen

Türken in Wien
Türken in WienMichaela Bruckberger
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Sie brechen häufiger die Schule ab, sind öfter arbeitslos und mit dem Gesetz in Konflikt – dieSchattenseiten der türkischen Zuwanderung.

Rund 250.000 Menschen in Österreich haben ihre Wurzeln in der Türkei: Entweder wurden sie selbst, ihre Eltern oder ihre Großeltern dort geboren. Bereits seit 50 Jahren – das Abkommen zur Anwerbung von Gastarbeitern im Mai 1964 besiegelt einen Wendepunkt der türkisch-österreichischen Zeitgeschichte – haben türkische Familien ihren Lebensmittelpunkt in der Alpenrepublik. Im Rückblick lässt sich feststellen, dass das gemeinsame Leben in den letzten Jahrzehnten vor allem eine Geschichte voller Missverständnisse war. Die Ankunft der Gastarbeiter wurde von allen Beteiligten als Aufenthalt auf Zeit begriffen – integrationspolitische Maßnahmen wurden daher erst ab den 1990er-Jahren gesetzt.

Trotzdem sind viele türkische Familien weiterhin davon ausgegangen, irgendwann in die alte Heimat zurückzukehren. Im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte hat sich die Einsicht, dass aus Gastarbeitern schließlich Migranten wurden, im kollektiven Bewusstsein verankert. Zu spät für eine funktionierende Integration?

BILDUNG

An Schulen wie der von Erika Tiefenbacher verdichtet sich das, was gemeinhin als eine der größten Herausforderungen für das heimische Schulsystem betrachtet wird: Özgür, Aysun oder Kemal, Dejan und Dusanka, die Namen der Schüler sind in bunten Farben an die Wand gemalt – nur selten ist ein Benjamin oder ein Emil zu finden.

Neun von zehn Schülern an der NMS Schopenhauerstraße in Wien haben Wurzeln im Ausland, gut ein Viertel stammt aus der Türkei. Und gerade türkische Schüler gehören in Österreich zu den Sorgenkindern, wenn es um Bildung geht. Bei Leistungstests schwächeln sie dramatisch – sie liegen nicht nur hinter einheimischen Kindern, sondern auch hinter anderen Migranten. Jeder sechste Schüler mit türkischer Umgangssprache lässt die Schule nach der Pflichtschule Schule sein – mehr als doppelt so viele wie im Schnitt.

Dass türkische Schüler so viel schlechter dastehen als andere, liegt nicht per se an den Wurzeln. Es ist ein ganzes Bündel, das da zusammenkommt: niedriges Bildungsniveau der Eltern, schlechte Jobs, schwacher Sozialstatus. Alles Faktoren, die den Bildungserfolg nicht unbedingt begünstigen. Jedenfalls nicht in Österreich, wo Bildung – das ist bekannt – sehr stark vererbt wird, stärker als anderswo.

In der Schopenhauerstraße kommt all das zusammen. Egal, ob türkisch oder nicht: Die Eltern, die ihre Kinder hierherschicken, gehören bildungmäßig und sozial nicht gerade zu den Privilegierten. Ein Vater, der viel arbeitet, eine Mutter, die selbst bestenfalls in der Volksschule war, kaum Deutsch kann und womöglich nicht einmal lesen und schreiben: durchaus keine Ausnahme. „Viele Eltern können weder finanziell noch mit Wissen helfen“, sagt Tiefenbacher.

Umso mehr gilt es anzupacken. „Es kann funktionieren, aber nur mit enormem Einsatz. Und Ideenreichtum“, sagt die Direktorin. Da wird der türkische Gesandte zum Elternabend eingeladen, um Mütter und Väter zum Kommen zu motivieren. Der Türkischlehrer fungiert als Übersetzer. Es kommen Lesepaten, Maturanten werden als Fußballtrainer engagiert, Studierende werden zu Mentoren: Vorbilder sind zentral – die gibt es gerade in bildungsfernen Familien (noch) nicht.

Dabei ist es gar nicht so, dass Bildung in den türkischen Familien nichts wert ist, wie oft kritisiert wird. „Bildung hat einen enorm hohen Wert“, sagt Göksel Yilmaz, der Türkischlehrer. Viele haben sehr hohe Erwartungen in ihre Kinder: Matura, Studium. „Aber der Weg dorthin ist für sie oft völlig unklar.“ Wie das Schulsystem funktioniert? Keine Ahnung. Da drohen drei Fünfer im Zeugnis – und die Eltern beschweren sich, warum das Kind nicht ins Gymnasium kommt. Vielfach gibt es noch einen erschwerenden Faktor: ein anderes Verständnis von der Aufgabenverteilung zwischen Schule und Familie. Der Tenor: Was in der Schule passiert, geht uns nichts an, die wissen schon, was sie zu tun haben.

„Tolle Schüler“. Umso wichtiger ist für Tiefenbacher, die Schüler selbst zu motivieren: Ihnen Mut zu machen, damit sie Ziele entwickeln. Und ihnen zu helfen, wenn es darum geht, doch einen Platz in einer höheren Schule zu kriegen, wenn nötig mittels Anrufen. Das gelingt teilweise auch. Erika Tiefenbacher schwärmt trotz aller Widrigkeiten immer wieder von ihren „tollen Schülern“. Und: „Jedes Jahr kommen Schüler, die uns ihr Maturazeugnis zeigen.“

Und auch die Statistik zeigt: Es wird besser. Im Vergleich zur ersten Generation steigt der Anteil derjenigen, die höhere Bildung haben. Und immer mehr Schüler mit türkischem Migrationshintergrund schaffen es ins Gymnasium: 2006 waren elf Prozent der Türken zweiter Generation in der AHS-Unterstufe, vier Jahre später bereits 14. Es geht also mit der Bildung – langsam, aber doch – bergauf.

ARBEITSMARKT

Die Arbeitslosenrate ist innerhalb der Gruppe der Ausländer in Österreich bei Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft mit 15,4 Prozent am zweithöchsten, noch mehr Arbeitslose verzeichnete das Arbeitsmarktservice (AMS) im Vorjahr nur bei Kroaten mit 16,9 Prozent. Die Quote der arbeitslosen Türken liegt damit deutlich über dem Gesamtschnitt der beschäftigungslos gemeldeten Ausländer, die 2013 bei 10,7 Prozent lag.

„Das ist ein Teufelskreis“, analysiert Ali Ordubadi, Integrationsbeauftragter des AMS Wien, im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Dieser „Teufelskreis“, der nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch den Bildungsbereich umfasst, schließt ein, dass die Eltern türkischer Jugendlicher oft aus bildungsfernen Schichten kommen. Es fehlt häufig an Information, die über Hilfsarbeiterjobs hinausgeht, es mangelt an Unterstützung in andere Berufsgruppen vorzudringen und gerade bei jungen türkischen Mädchen heißt es oft, diese würden ohnehin heiraten, da werde lieber auf „den Prinzen auf dem weißen Pferd“ (Ordubadi) gewartet.

Der AMS-Experte will jedoch nicht von einem türkischen Problem sprechen: „In Wirklichkeit sind es soziale Probleme.“ Eine Hauptmanko sei, dass nicht nur den Eltern, die oft als Hilfskräfte tätig waren und sind, sondern selbst jungen Türken in der dritten Generation die Informationen über das Schulsystem und die Möglichkeiten auf dem österreichischen Arbeitsmarkt fehlen. Außerdem gelte eine Beschäftigung als Hilfskraft nach wie vor als Hauptziel. Aber, so Ordubadi: „Es gibt nicht mehr so viele Hilfsarbeiterjobs.“

Eine der Folgen: Selbst in Branchen mit typischen Hilfsjobs ist die Zahl türkischer Arbeitsloser hoch: Am Bau waren es im Vorjahr 18,5 Prozent, im Gastgewerbe 19,9 Prozent, im Dienstleistungssektor etwa bei der Reinigung sogar 23,9 Prozent. Nach Bundesländern aufgeschlüsselt ist die Quote arbeitsloser Türken in der Steiermark mit 24 Prozent am höchsten, gefolgt von Wien mit 19 Prozent und Kärnten mit 17 Prozent. Sonst gelte der Beruf des Juristen und des Arztes zwar als Lieblingsvariante. Gerade den Jungen mangle es dann aber nicht nur an konkreten Vorbildern, sondern auch an Unterstützung für einen derartigen Aufstieg. Hilfsarbeiter bleiben auch in diesem Fall hauptsächlich unter sich. Kein Ausbruch aus dem Teufelskreis.

Türkischer Prinz. Bei türkischen Mädchen kommt dazu, dass das Interesse an einer Berufsausbildung nach der Schule geringer ist. Stattdessen wird auf die Heirat gesetzt. Eine trügerische Hoffnung. „Es gibt nicht so viele Prinzen“, formuliert der AMS-Berater. Erst mit 20, 21, 22 Jahren würden sich dann junge Türkinnen verstärkt an das Arbeitsmarktservice wenden. Das Problem dabei: Häufig haben diese keine abgeschlossene Ausbildung, sie sind teilweise geschieden, haben aber Kinder zu versorgen. All das erleichtert die Arbeitssuche nicht.

IDENTITÄT


Geboren und aufgewachsen in Österreich – und doch nicht hier daheim. Junge Menschen mit türkischen Wurzeln, die in zweiter Generation in Österreich leben, also hier aufgewachsen sind, während ihre Eltern in der Türkei geboren wurden, fühlen sich Österreich seltener zugehörig als Zuwanderer zweiter Generation aus anderen Ländern – etwa vom Balkan. Und sie fühlen sich weniger in Österreich verwurzelt als die zweite Generation in anderen Ländern Europas – das ist eines der Ergebnisse der europaweiten Studie „The Integration of the European Second Generation“: 32 Prozent der Türken zweiter Generation in Wien gaben dabei an, sich Österreich zugehörig zu fühlen. Bei Menschen mit Wurzeln auf dem Balkan waren das 57 Prozent, bei Vergleichsgruppen ohne Migrationshintergrund 74 Prozent. Die zweite Generation entwickle Mehrfachidentitäten, so das Ergebnis: Irgendwie dem Land der Eltern zugehörig, aber auch dem Land, und da besonders der Stadt und Region, in der sie leben. Die Gründe, dass sich die zweite Generation in Frankreich oder Schweden eher zugehörig fühlen als in Österreich, liege, so die Forscher, an Arbeitsmarkt und Bildungssystem, der Nachbarschaft und an ihrem Beziehungsnetzwerk. Besonders bei der Bildung zeigen sich klare Differenzen zwischen zweiter Generation und Österreichern ohne Migrationsgeschichte: Kinder von Migranten brechen Schule und Lehre öfter ab, haben eher niedrigere Bildungsabschlüsse und bekommen seltener Stellen, die ihrer Qualifikation entsprechen, das geht aus der Studie „Standpunkt.Bildung“ des Netzwerks „learn forever“ hervor. Ihre Eltern hätten zwar höhere Bildung als Ziel. Aber das scheitere oft an schlechten Deutschkenntnissen, an der automatischen Zuweisung in Sonderschulen, schlechteren Leistungsgruppen oder der „automatischen“ Empfehlung für die Hauptschule. Und gerade Mädchen seien, gerade wenn sie Kopftuch tragen, bei der Suche nach Lehrstellen von Diskriminierung betroffen. Aber immerhin gleicht sich das Bildungsniveau zwischen zweiter Generation und Mehrheitsbevölkerung zunehmend an.

Salafismus.
In anderen Punkten driftet die Jugend der zweiten Generation – oder zumindest Gruppen – weit vom gesellschaftlichen Konsens ab: Staatsschützer wie Sozialarbeiter berichten von einer zunehmenden Radikalisierung junger Muslime. Salafismus oder Ideen wie die, als Kämpfer nach Syrien zu gehen, seien quasi zu einem Teil der Jugendkultur geworden. Der Politologe Thomas Schmidinger, der sich mit der Radikalisierung von Jugendlichen befasst, sagte jüngst, solche Ideen seien weit verbreitet und in den vergangenen Jahren noch präsenter geworden.

Zugleich wird bei jungen Türken eine Tendenz zum Nationalismus beobachtet, gerade junge Männer sollen in Scharen der türkischen Nationalistenorganisation „Graue Wölfe“ zulaufen. Zuletzt sorgte ein Rap-Video für Aufruhr, auf dem junge Männer mit Waffen, schweren Autos und Symbolen der Grauen Wölfe posierten und über „Meine Stadt Ried“ rappten.

ZWANGSHEIRAT


Die enge Bindung zum Herkunftsland der Eltern – besonders die Sommerurlaube dort – werden für Mädchen mit türkischen Wurzeln jedes Jahr zur Gefahr: Sie werden dorthin gebracht und erfahren dann, dass sie einen zuvor unbekannten Mann heiraten müssen. Die Zahl der jungen Frauen in Österreich, die davon bedroht oder betroffen sind, sei in den vergangenen Jahren sukzessive gestiegen, heißt es vom Verein Orient Express, einer Beratungsstelle für Frauen türkischer oder arabischer Herkunft. 2012 wurden 89 Frauen, die davon betroffen oder bedroht waren, betreut. In Summe dürfte das Problem rund 200 Frauen in Österreich pro Jahr betreffen. Hilfsorganisationen haben oft Probleme, an die Frauen heranzukommen. Sie würden oft in Wohnungen festgehalten, eingeschüchtert oder könnten sich kaum verständigen.

Insgesamt aber ändern sich die Geschlechterrollen: Muslimas der zweiten Generation denken und handeln wesentlich moderner als männliche Muslime, zu dem Schluss kam die Geschlechterstudie 2012. Der Anteil der „modernen Frauen“ steige demnach von der ersten auf die zweite Generation von zwölf auf 29 Prozent. Bei Männern sind die Verschiebungen viel geringer. Und der Wandel bei Frauen zeigt sich in praktischen Aspekten: So wünschen sich Frauen der zweiten Generation tendenziell weniger Kinder.

WOHNEN


Noch aber sind türkische Familien tendenziell kinderreich – und unter anderem das sorgt dafür, dass Türken in Österreich signifikant anders wohnen als der Durchschnitt der Bevölkerung: In größeren Wohnungen, aber statistisch mit 21 Quadratmeter Wohnfläche pro Person auf weit weniger Platz für den Einzelnen. Die Wohnungen sind tendenziell schlechter ausgestattet, in älteren Bauten, signifikant öfter in Gemeindebauten – und in wenig attraktiven Gegenden: Ghettos der türkischen Community haben sich in Wien zwar, anders als in deutschen Städten, nicht gebildet, aber gerade in Wien konzentriert sich das Leben der Bewohner mit türkischen Wurzeln auf einige Bezirke: Besonders hoch ist der Anteil türkischer Staatsbürger oder eingebürgerter Türken in einigen Gegenden: In Margareten, Favoriten, Simmering, Meidling, Rudolfsheim-Fünfhaus, Ottakring oder der Brigittenau ist der Anteil klar höher als im Wien-Schnitt. Diese Gegenden waren es auch, in denen sich einst erste Gastarbeiter angesiedelt hatten.

KRIMINALITÄT


Werden Türken (mit türkischer Staatsbürgerschaft) in Österreich eher straffällig als Menschen mit österreichischem Pass? Die Statistik sagt: Ja. 2012 lag der Anteil türkischer Staatsbürger an der Bevölkerung Österreichs bei 1,34 Prozent. Der Anteil von Türken an ermittelten Tatverdächtigen lag laut Sicherheitsbericht bei 2,7 Prozent. Ähnlich sieht es in der Statistik der Gerichte aus: Da kommen türkische Staatsbürger 2012 bei verurteilten Delikten auf einen Anteil von 3,2 Prozent. Besonders bei Delikten gegen Leib und Leben, etwa Körperverletzung, oder bei Straftaten gegen die Freiheit wie Nötigung oder gefährliche Drohung ist der Anteil türkischer Staatsangehöriger signifikant höher. Das lässt sich auch demografisch erklären, wie aus einer Analyse des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) hervorgeht: Junge, überproportional männliche, und „am unteren oder oberen Ende der Statusskala angesiedelte“ Menschen sind besonders gefährdet, kriminell zu werden. Und diese Bevölkerungsgruppen sind unter türkischen Zuwanderern stark vertreten.

Dazu kommen Delikte von Ausländern, die sich nur vorübergehend in Österreich aufhalten. Betrachtet man die Kriminalitätsbelastung, also die Zahl der Tatverdächtigen pro 1000 Einwohner, zeigt sich, dass der Anteil der Tatverdächtigen türkischer oder exjugoslawischer Nationalität an sich zwar viel höher ist. Unter Zuwanderern, die fix zur Wohnbevölkerung zählen, findet man aber nicht mehr Tatverdächtige als unter der angestammten Bevölkerung.

Fakten

Kriminalität. 2012 lag der Anteil türkischer Staatsbürger an der Bevölkerung Österreichs bei 1,34Prozent. Der Anteil von Türken an ermittelten Tatverdächtigen lag laut Sicherheitsbericht bei 2,7 Prozent.

Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenrate ist innerhalb der Gruppe der Ausländer in Österreich bei Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft mit 15,4Prozent am zweithöchsten, noch mehr Arbeitslose verzeichnete das Arbeitsmarktservice im Vorjahr nur bei Kroaten mit 16,9Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2014)