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Pop

Kraftwerk: Gefährliche Wellen im Radio

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Die Festwochen bringen die legendäre Elektronikgruppe Kraftwerk ans Burgtheater. Mit der "Presse am Sonntag" erörterte Bandleader Ralf Hütter die Beziehung von Mensch und Maschine.

Kraftwerk im New Yorker Moma und im Wiener Burgtheater: Sie spielen heute in den renommiertesten Kunsttempeln der Welt. War das die Vision?

Ralf Hütter: Sicher nicht. Wir begannen ja ganz klein im Raum Düsseldorf-Köln in Kunstgalerien und in irgendwelchen Pinten im Ruhrgebiet. Da war kein Geld da für Hotelzimmer, und so sind wir nachts über die Ruhrautobahn wieder nach Hause gefahren in meinem alten Volkswagen, der dann auf dem Cover von „Autobahn“ verewigt wurde. Unsere Musik wurde nie im Radio gespielt in unseren ersten fünf Jahren. Aber über die Jahre hat sich etwas entwickelt, und wir spielen praktisch in allen Kulturzonen.

 

In den Siebzigerjahren waren die Computer groß wie Konzertflügel, Synthesizer passten nur in größte Lkw. Seither hat sich einiges verändert. Braucht es alte Geräte, damit der originale Kraftwerk-Sound entstehen kann?

Das natürlich nicht mehr, aber wir haben noch alle Geräte und Prototypen, die in den Siebzigerjahren entwickelt wurden, im Studio stehen. Es gab Zeiten, da haben wir sie weggeräumt, da standen diese wunderbaren Geräte im Lager herum und verstaubten. Wir dachten sogar daran, sie zu verkaufen. Aber zu unserem Erstaunen waren die dann gar nichts wert. Also haben wir sie weiter aufgehoben. Im Lauf der Jahre haben wir sie verbessert, später digitalisiert. Eine große Arbeit war für uns, sämtliche Sounds des 35-Jahre-Kraftwerk-Archivs auf digitale Ebene zu transformieren. Jetzt haben wir Zugriff, sogar auf all jene Sounds, die durch selbst gebastelte Drum-Machines von Florian oder jene Analogsequenzer, die wir einst bei Ingenieuren in Auftrag gaben, ursprünglich entstanden waren. All diese Prototypen sind nun im Kling-Klang-Museum ausgestellt.

 

War es für Sie vorstellbar, dass elektronische Musik zum Massenphänomen wird?

Ja, absolut. Was sich heute zeigt, diese Myriaden von Laptop-Musikern, die in ihren Monaden produzieren, das haben wir ja immer visionär propagiert. Das ist elektronische Volksmusik. Aber nur wenn sie lebendig ist und nicht alte Versatzstücke wie an die Wand genagelte Insekten transportiert.

 

Kaum eine andere Band ist so strikt wie Kraftwerk, was die Bildkommunikation anlangt. Sie geben nie TV-Interviews. Warum?

Wir haben uns immer schon damit begnügt, ausschließlich über unsere Performance zu kommunizieren. Das Fernsehen ist zugemüllt mit Leuten die reden, und nichts passiert. Die heutigen Programmverantwortlichen sollten besser mit Wurst ihr Geld verdienen. Wir konzentrieren uns auf unsere Musik.

 

Eine Ihrer berühmtesten Arbeiten ist „Die Mensch-Maschine“. Ist der Topos der beseelten Maschine nicht ein wenig romantisch?

Vielleicht. Aber in jeder von uns konzipierten Maschine stecken wir ja auch stets selbst drin. Die für mich interessantesten Forschungen diesbezüglich haben die Technomusiker in Detroit angestellt und wohl gültiger als Kraftwerk formuliert. Detroit ist jene Stadt in Amerika, die in den vergangenen Jahrzehnten am meisten zur amerikanischen Musikkultur beigetragen hat.

 

Wie wichtig sind sich wiederholende Motive in der Elektronik?

Sie sind essenziell. In der Repetition entsteht eine Dynamik, die dazu führt, dass sich die Musik dann selbst spielt.

 

Sigmund Freud postulierte einst die dritte Kränkung der Menschheit: Das Ich sei nicht mehr Herr im eigenen Haus. Könnte man sagen, dass sich bei Ihnen das Es in die Maschine verlagert hat?

Das ist gewiss so. Das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine ist ja in den vergangenen drei Dekaden noch sensibler geworden. Wir können uns heute mehr verwirklichen. Es gibt zwar immer noch ökonomische Beschränkungen, wir sind ja nicht Hollywood. Wir arbeiten mit minimalen Mitteln. Die neue Technologie bestätigte aber einige unserer simplen Arbeitsweisen.

 

1975 veröffentlichten Sie das Album „Radioaktivität“. Das war elf Jahre vor der Reaktorkastrophe in Tschernobyl. Waren Sie naive Anhänger der Atomkraft?

Nein, waren wir nicht. Elektronische Musik hängt ja sehr stark mit der Welt des Radios zusammen. Da wir als Schüler sehr fasziniert davon waren, verkoppelten wir unsere Radiofantasien fiktional mit der Radioaktivität im eigentlichen Sinn. Die von uns intendierte Aussage war, dass Radio genauso gefährliche Wellen ausstrahlen könne wie Radioaktivität. Da gingen die Wogen schon hoch. Um Missverständnisse vollends auszuräumen, haben wir dann 1992 auf Initiative von Greenpeace gemeinsam mit U2 in Sellafield bei einem Festival gegen Atomkraft gespielt.

 

Wie wichtig ist der gesellschaftliche Kontext für Kraftwerk?

Der stand immer schon im Zentrum unserer Interessen. Gerade in den späten Sechzigern gab es viele elektronische Gruppen, die ihre Antennen nur Richtung Kosmos ausfuhren. Wir waren eigentlich immer schon eher am Großstadtleben und am sozialen Gefüge interessiert. Das Model, die Schaufensterpuppen, Roboter und Taschenrechner – das sind ja Elemente des urbanen Lebens. Und als wir „Computerleben“ schrieben, hatten wir überhaupt noch keinen Computer. Die gab's damals nur bei IBM oder in großen Rundfunkanstalten. Erst ein Jahr nach Fertigstellung dieses Albums bekamen wir unseren ersten kleinen Atari. Die ganze Platte wurde mit analogem Equipment aufgenommen.

 

Haben Sie soziale Intentionen mit Ihrer Kunst?

Auf jeden Fall. Für uns war immer wichtig, den Menschen die Botschaft zu bringen, dass in jedem eine kreative Kraft schlummert: „Ich bin der Musikant mit dem Taschenrechner in der Hand.“ Und das passiert ja jetzt auch. Die elektronische Musik ist keine Welt, in die nur Akademiker Zutritt haben. Heute hat man ganz simplen Zugriff auf alles, was man will.

 

Kraftwerk sind Deutschlands wichtigster musikalischer Exportartikel. Trotzdem leben Sie sehr zurückgezogen. Warum?

Das Starprinzip langweilt mich. Herumfliegen und verglühen ist mir zu wenig. Außerdem hindert es ja nur an der Arbeit. Es ist vertane Zeit.

Steckbrief

1970 Bandgründung von Kraftwerk durch Ralf Hütter und Florian Schneider.

1975 war „Radioaktivität“ das erste Album in der Besetzung Ralf Hütter, Wolfgang Flür, Karl Bartos und Florian Schneider.

1978 erscheint „Mensch-Maschine“ mit dem Singlehit „Das Model“. Kraftwerk gelten als die Beatles der Elektronik und beeinflussten so unterschiedliche Stile wie Elektropop und Detroit Techno und Künstler wie David Bowie, Jeff Mills und Depeche Mode.

1999 Neubeginn mit digitaler Technik.

2014. Bei den Wiener Festwochen spielen sie von 15. bis 18. Mai im Burgtheater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2014)