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Gastarbeiter: Die Fehlinvestitionen der "Melkkühe".

A fishing boat travels in the Bosphorus waterway in Istanbul
IstanbulREUTERS
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Die Absicht der meisten Gastarbeiter war klar: In Österreich arbeiten, in der Türkei investieren. Aber viele machten dabei die Rechnung ohne den Wirt.

Wer in Wien in ein türkisches Café geht und sich an einen Tisch mit älteren Herren setzt, hört früher oder später garantiert einander ähnelnde Geschichten über zwei Phänomene, von denen offenbar fast jede Gastarbeiterfamilie betroffen war. Erstens: wie sie unter abenteuerlichen Umständen die Leiche eines illegal im Land befindlichen Verwandten in die Türkei überführten. Insbesondere in den 1970er-Jahren reisten zehntausende Türken mit einem befristeten Touristenvisum ein und tauchten nach Ablauf des Visums unter. Arbeit gab es genug. Wer starb, weil er nach Erkrankungen oder Verletzungen nicht zum Arzt gehen konnte, wurde im Kofferraum von Autos und Bussen in seine Heimat geschmuggelt, um beerdigt zu werden. Und zweitens: wie sie von eigenen Verwandten im Zusammenspiel mit Maklern sowie Bauunternehmern beim Kauf von Grundstücken, Wohnungen und Häusern nach Strich und Faden betrogen und so um einen Großteil ihres Vermögens gebracht wurden. Insbesondere diese Erfahrung ist ein typisches Gastarbeiterschicksal mit Nachwehen bis in die Gegenwart.

„Das klingt zwar hart, aber im Wesentlichen waren sie selbst schuld“, sagt Metin Uludag, Eigentümer eines der ältesten und größten Maklerbüros in Ankara, der auch viele Gastarbeiter zu seinen Kunden zählt. Diese hätten durch ihr arrogantes Verhalten geradezu provoziert, dass man sie betrügt. „Die Gurbetci (Auslandstürken, Anm.) kamen alle zwei Jahre auf Urlaub in die Türkei und warfen mit Geld um sich. Sie fuhren deutsche Autos, trugen schicke Anzüge und prahlten mit ihrem hohen Einkommen“, so Uludag. „Dass sie im Ausland oft in heruntergekommenen Wohnungen lebten und sich kaum etwas gönnten, verschwiegen sie. Das erfuhren wir erst später, als wir anfingen, sie zu besuchen.“

Für ihre Familien in der Türkei habe es so ausgesehen, als wären sie innerhalb kürzester Zeit zu Wohlstand gekommen, was zwangsläufig zu Neid und Gier geführt habe. „So sind Menschen nun einmal. Ich sah, wie Leute ihre Brüder, Schwestern, Cousins und sogar ihre eigenen Kinder betrogen, was oft zu jahrelang andauernden Konflikten in den Familien führte.“


Gelegenheit macht Diebe.
Und so funktionierten die Falschberatungen und Betrügereien, die dem Immobiliensektor goldene Jahre bescherten: Die allermeisten Gastarbeiter kauften mit ihrem ersten ersparten Geld Wohnungen und Grundstücke in der Türkei (zu einem Bruchteil der Preise in Österreich), um nach ihrer vermeintlich baldigen Rückkehr eine Lebensgrundlage zu haben. Da sie durchschnittlich einmal in zwei Jahren Heimaturlaub machten, vertrauten sie die Abwicklung der Käufe notgedrungen ihren Verwandten an. Und weil Gelegenheit auch in der Türkei Diebe macht, nutzten viele von ihnen diese Chance, um sich eigenmächtig ein Stück vom Kuchen abzuschneiden.

Dabei machte man zumeist gemeinsame Sache mit Maklern und Bauunternehmern. Diese boten ihnen beispielsweise extrem vergünstigte Grundstücke an, wenn sie im Gegenzug ihren Verwandten im Ausland bestimmte Grundstücke über Wert zum Kauf vorschlugen. „Das war wohl die beliebteste Methode“, verrät Uludag. Nicht wenige nahmen diese Angebote an. Andere bekamen gefälschte Rechnungen von den Baufirmen, um einen Teil des (zu viel) überwiesenen Geldes der Gastarbeiter zu behalten. Diese hatten im Ausland keine Möglichkeit, diese Vorgänge zu kontrollieren. „Der kriminellen Kreativität waren keine Grenzen gesetzt“, sagt Uludag, der den entstandenen Schaden auf bis zu eine Milliarde Euro schätzt. „Europaweit gibt es kaum einen Gurbetci, der von diesen Praktiken nicht betroffen war.“

Gurbetci wie Bekir Yilmaz. Der 65-Jährige kam 1969 als Gastarbeiter nach Tirol. In rund zehn Jahren gelang es ihm, 200.000 Schilling zu sparen, indem er seine Ausgaben auf ein absolutes Minimum reduzierte. Mit diesem Geld ließ er sich in seinem Heimatdorf 300 Kilometer südöstlich von Ankara ein zweistöckiges Einfamilienhaus bauen. Darin wollte er mit seiner Familie während ihrer Urlaube und nach der Rückkehr in die Türkei leben. Aber wie die meisten Gastarbeiter kehrte er nicht zurück.

„Wenn ich alles zusammenzähle, habe ich vielleicht ein halbes Jahr hier gewohnt“, sagt er und blickt auf die Grundmauern seines eingestürzten Hauses. „Dabei stecken meine Ersparnisse eines ganzen Jahrzehnts in diesem Haus.“ Gewohnt haben darin hauptsächlich seine Eltern und Geschwister – mietfrei, versteht sich. Sie haben auch den Bau verantwortet. Und dabei gepfuscht, wo es nur geht. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass das Haus lediglich knapp mehr als 100.000 Schilling gekostet hatte, weil nur die billigsten Materialien verwendet worden waren. Den Rest des Geldes teilten sich die Familie und das Bauunternehmen. Das Haus stand nur acht Jahre, ehe es einstürzte. „Ein Schicksal, das ich mit den meisten Freunden, die mit mir ausgewandert sind, teile. Dabei bin ich noch glimpflich davongekommen. Einige in diesem Dorf haben zur selben Zeit 50.000 Deutsche Mark oder mehr in ihre Häuser investiert, die ebenfalls schon bald unbewohnbar waren“, erzählt Yilmaz. „Das ist eine Tragödie, wir hätten mit diesem Geld unseren Kindern ein besseres Leben bieten können.“


Auch zweites Haus nichts wert. Yilmaz wurde im Übrigen gleich zweimal um seine Ersparnisse gebracht. Auch das Haus, das er Jahre später in Istanbul kaufte, ist heute kaum etwas wert. „Man redete mir damals ein, dass dieser Stadtteil eine rosige Zukunft habe und die Grundstücke und Häuser stark an Wert gewinnen würden.

Das Gegenteil traf aber ein, die meisten zogen weg, das Viertel verkam. Ich würde das Haus gern verkaufen, finde aber keinen Käufer“, so Yilmaz. „Im Nachhinein erfuhr ich, dass diese Nummer auch mit tausenden anderen Gastarbeitern abgezogen wurde. Insbesondere in Istanbul.“ Wie viel er diesmal ausgab, will er nicht verraten. Zu groß ist die Scham. Es sei jedenfalls mehr gewesen als beim ersten Haus.

„Wenn ich jetzt Urlaub in der Türkei mache, wohne ich in einer Mietwohnung in Ankara. Die Ironie ist, dass uns Auslandstürken immer noch Investitionen empfohlen werden, wenn wir in der Türkei sind“, beklagt er. „Seit einigen Jahren sind große Hamam-Anlagen in Feriendörfern angeblich der Renner. Man könne nichts falsch machen, wenn man darin investiere.“ Angebote, die ihm bekannt vorkommen. Aber Yilmaz hat erst einmal genug vom Eigentum in der Türkei. „Meine bisherigen Erfahrungen haben mich derart verschreckt, dass ich hinter jeder Empfehlung böse Absichten vermute, was Erzählungen von Freunden auch immer wieder bestätigen. Schon komisch, dass man uns in der Türkei nach 50 Jahren immer noch als die Melkkühe der Nation betrachtet und auf unserem Rücken noch ein paar Euro verdienen will.“

Dieser Beitrag wurde durch die gemeinnützige Initiative investigate! e.V. gefördert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2014)