Schnellauswahl

Herr mit Damenbart

Der Songcontest ist längst eine ziemlich lächerliche Sache. Der Mensch hinter Conchita sollte uns aber nicht spöttisch, sondern nachdenklich machen.

 

Mir ist der Songcontest wurst, aber nicht die Wurst. Der Sänger Thomas Neuwirth hat für seine Auftritte die Kunstfigur der Conchita Wurst geschaffen – laut Wikipedia als Reaktion und Statement gegen Diskriminierungen, die er in seiner Jugend wegen seiner Homosexualität erfahren hat. Und warum Wurst? „Weil es wurst ist, woher man kommt und wie man aussieht.“

Neuwirth ist also nicht intersexuell, seine Conchita ist bloß ein Statement. Dass Herkunft oder Aussehen egal sind, ist freilich bloßes Wunschdenken. Und durch sein extra gestyltes Erscheinungsbild als Dame mit Bart dokumentiert Neuwirth ja selbst die entscheidende Rolle, die das Aussehen in der zwischenmenschlichen Kommunikation spielt.

Vielen Menschen graust vor der Kombination von Weiblichkeit und Gesichtsbehaarung. Die Kosmetikindustrie verdient dadurch Milliarden und hat das wohl der Evolution zu verdanken, die uns die Ekelfähigkeit zwecks besseren Überlebens in die Amygdala gepflanzt hat. Ein Damenbart stößt ab, fasziniert aber dadurch auch. Die sogenannte instinktive Reaktion, die von der ästhetischen Erschütterung ausgelöst wird, ist freilich die Aggression. Sie richtet sich nicht gegen das Attribut, sondern ihren Träger. Darum lernt der zivilisierte Mensch, seinen Instinkten nicht freien Lauf zu lassen.

Anders Heinz-Christian Strache, der kürzlich nicht bloß die Masche kritisiert hat wie Alf Poier, sondern sich über den Menschen selbst lustig gemacht hat. Ob das denn nun ein Er oder eine Sie sei, „und wenn die Wurst es selbst nicht weiß, weiß ich es schon gar nicht“. Und dass es fraglich sei, ob „es (!) uns beim Songcontest vertreten sollte“.

Manche katholische Freunde wundern sich, warum ihre Position – der Mensch ist immer zu respektieren, aber Sex zwischen Menschen desselben Geschlechts untergräbt ihre Würde – sich so schwer verkaufen lässt. Ich habe dieselbe Position, aber wundere mich nicht. Es ist sehr schwer darzustellen, dass man Menschen schätzt, obwohl man ihre Neigung als ungeordnet ansieht. Mehr wiegt noch, dass an der Ablehnung homosexueller Akte ein schwerer Rucksack aus vielen Jahrhunderten Verächtlichmachung und Verfolgung der homosexuellen Menschen selbst hängt.

Heute noch wird in 78 Staaten gleichgeschlechtlicher Sex schwer bestraft. Und die herabsetzenden Erlebnisse des heranwachsenden Neuwirth zeigen ebenso wie Straches Bonmots, dass die Wunden noch immer offen sind. Statt darüber zu spötteln, wie verkrampft die ganze LGBT-Lobby daherkommt, müssen wir uns zuerst einmal dieser Last und dieses Leids bewusst werden.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/cultureclash

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2014)