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Lieber Wein als Bier: Tschechen entsagen Nationalgetränk

(c) EPA (Ctk)
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Nur Touristen sorgen dafür, dass Tschechien Biernation Nummer eins bleibt. Daran ist auch die Teuerung schuld.

Prag. Dass Touristen einem Land guttun, ist eine Binsenwahrheit. Dass Besucher aus dem Ausland ihrem Gastland aber dabei helfen, einen Weltrekord zu verteidigen, kommt nicht so häufig vor. Im Fall Tschechiens sind es die Touristen, die dafür sorgen, dass das Land die alljährliche Krone als „Biertrinkernation Nummer eins“ erhält. Die Tschechen selbst trinken nämlich immer weniger Bier.

Der Trend ist so deutlich, dass eine Prager Zeitung jüngst gar auf einer ganzen Seite die ernste Frage stellte, ob Tschechien überhaupt noch ein Bierland sei. Der Wein hat eine starke Lobby im Land – der Gerstensaft leider nicht. „Es macht fast den Eindruck, als würden wir uns mittlerweile schämen, Bier zu trinken“, lautete das einigermaßen erschütternde Resümee des Beitrags. Das sind starke Worte in einem Land, in dem Bier seit Jahrhunderten praktisch zu den Grundnahrungsmitteln gehört.

Gründe für den Aderlass gibt es viele. An erster Stelle stehen aber wie so oft die Preise. Trank man früher in einer beliebten Prager Vorstadtkneipe den halben Liter für 18 Kronen (etwa 70 Cent), so muss man heute dafür schon das Doppelte bezahlen. Das ist für westeuropäische Verhältnisse zwar immer noch spottbillig; aber die Tschechen trifft das.

Die Fakten sprechen für sich: 2012 produzierten die tschechischen Brauereien zusammen 18 Millionen Hektoliter Bier, Tendenz fallend. Etwa 14 Prozent wandern mittlerweile schon in den Export: Im Ausland genießt tschechisches Bier immer noch einen sehr guten Ruf. Dennoch ist der Rückgang bei den tschechischen Bierkonsumenten größer als der Exportzuwachs. Dafür tranken die Touristen im vergangenen Jahr 600.000 Hektoliter – immerhin um 50.000 Hektoliter mehr als im Jahr davor. Sie sind es, die die (Bier-)Fahne hoch halten.

 

Gewinnbringender Export

23 Millionen besuchen Tschechien jährlich. Viele, nach eigener Aussage, um das tschechische Bier zu genießen – neben all den architektonischen Sehenswürdigkeiten. Kein Wunder, dass die meisten Tschechien-Touristen aus Ländern mit eigener Biertradition kommen: aus Deutschland, Russland, Großbritannien und der Slowakei. Jeder Besucher trinkt während seines Aufenthaltes durchschnittlich fünf halbe Liter des Gerstensaftes. Damit kompensieren die Touristen wenigstens ein bisschen den Rückgang des einheimischen Bierverbrauchs.

Dass stattdessen immer mehr Wein getrunken wird, liegt in gewisser Weise auch an der EU und am großen Einfluss der Franzosen. Diese haben in Brüssel eine sehr starke Lobby für den Rebensaft installiert. Die Weinbauern in Tschechien kommen so durch die europäische Hintertür in eine Lage, von der die Bierbrauer nicht zu träumen wagen – diese bekommen nämlich vom Staat keinerlei Zuwendungen. Ein sogenannter Weinfonds dagegen wird vom tschechischen Landwirtschaftsministerium jährlich mit Millionen Kronen subventioniert.

Die Krux der Bierbrauer ist aber auch, dass der einheimische Hopfen zunehmend gewinnbringend ins Ausland exportiert wird, etwa nach Japan. Die Brauer selbst greifen mehr und mehr auf Hopfenextrakt zurück. Derlei hat es früher nicht gegeben. Da warb man noch damit, ausschließlich Hopfen von einheimischen Feldern zu verwenden.

 

„Bier ist reine Medizin“

Derzeit können die Brauer also nur darauf hoffen, dass Tschechien auch weiterhin ein Touristenmagnet bleibt – auf die Treue der eigenen Landsleute können sie sich nicht mehr verlassen. Immerhin – eine Wahrheit halten die Tschechen in der Bierkrise immer noch hoch: „Bier ist reine Medizin.“

AUF EINEN BLICK

Der Bierkonsum der Tschechen ist seit einiger Zeit stark rückläufig. Preissteigerungen haben dazu geführt, dass in der Biernation Nummer eins stattdessen mehr Wein getrunken wird, dessen Anbau vom Staat stark subventioniert wird. Zudem werden hohe Mengen des in Tschechien produzierten Gerstensaftes ins Ausland exportiert – Tendenz steigend. Touristen aber halten die „Bierfahne“ weiter hoch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2014)