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Fokus auf Wiener Festwochen 2014

Fünf Julias lieben und leiden auf Koreanisch

"Juliettttt" von Sungmin Hong bei den Wiener Festwochen ist eine bezaubernde Shakespeare-Studie, die in fünfzig Minuten einen Crashkurs exotischen Theaters gibt.

Wo nimmt man in der Blackbox des kleinen Theaters Brut im Künstlerhaus schnell fünf Balkone her? Die illustrieren sollen, dass auf dem Höhepunkt der Aufführung Romeo Montague dreist im Garten des verfeindeten Hauses Capulet auftaucht, um Julia zu umwerben, die hoch oben auf den Burschen wartet, in den auch sie sich unsterblich verliebt hat?

Von den fünf zierlichen jungen Damen, die an diesem kurzen und kurzweiligen Abend allein und oft auch parallel die Titelheldin von William Shakespeares Drama „Romeo und Julia“ spielen, greift sich jede einen Sessel und steigt hinauf. Jetzt sind sie oben auf dem Balkon vor ihrem Schlafgemach, spielen Erstaunen und Schüchternheit, werben jedoch zugleich leidenschaftlich gestimmt um Romeo, der irgendwo im Publikum zu sitzen scheint. Diese Szene rief bei der Europapremiere bei den Wiener Festwochen am Freitag vor allem Heiterkeit hervor. Denn jede Dame zeigt ihren eigenen Stil. Das weckt nicht nur Schaulust, sondern reizt auch zum Lachen.

Der Video- und Installationskünstler Sungmin Hong, der an der Kaywon School of Art and Design lehrt, hatte eine reizende Idee. Was wäre, wenn man die Rolle der Julia aus der weltberühmten Liebestragödie herauslöse, fünf Stars aus höchst erfolgreichen koreanischen Aufführungen gemeinsam auf die Bühne bringe und sie von der Farce bis zum strengsten traditionellen Theater alles spielen ließe, was diese Julia hergibt? Richtig! Ein Crashkurs in fernöstlicher Ästhetik, der allein schon deshalb zum genauen Schauen zwingt, weil wohl den meisten Besuchern das Südkoreanische nicht geläufig ist und die deutschen Übertitel spärlich sind, sich praktisch auf Szenenanweisungen beschränken.

Romantische Musik ertönt und fernes Vogelgezwitscher, das erste Mädchen tritt auf, in weißem Kleid und rotem Mantel. Diese Julia ist aus einer Vorstellung für Kinder, sagt der Begleittext. Sie trippelt über die Bühne, spricht wie für sich allein, aber schon gesellt sich Julia Nummer zwei dazu, die „Tochter eines reichen Lokalbesitzers in der Kolonialzeit“. Sie wirkt selbstbewusst in ihrem knalligen, roten Kleid und sogar ein wenig dekadent. Kaum hat man sich an die Doppelung gewöhnt, tritt dramatisch eine junge Frau in Apricot und mit Schleppe auf, aus einer „zeitgenössischen Musicalproduktion“ – ja, sie wäre mit ihren Gesten und ihrem Gesang auch im Ronacher oder im Raimundtheater eine gute Besetzung, ihr Spiel wirkt fast vertraut. Dann aber wird es wieder sehr exotisch, Nummer vier stammt aus der traditionellen koreanischen Oper der Yi-Dynastie. Und ebenfalls auf das alte Korea, allerdings auf eine satirische Tradition, verweist schließlich ein schalkhaftes Mädchen im weißen, wallenden Kleid, das mit Verstellungen wunderbar umgehen kann.

Jetzt ist „Juliettttt“ komplett, und alles geht sehr schnell, parallel oder in kurzen Soli. Ein Tanz mit Masken und Fächern verkörpert das Fest, bei dem Julia ihren Romeo kennen und lieben lernt. Sie schäkern, sie plappern, aber auch Operettenhaftes ist bereits erlaubt, das sich auf dem Sesselbalkon wiederholt. So kurz ist dieses Glück! Ein paar Minuten in Bruder Lorenzos Klause, schon sind sie alle getraut und hadern damit, dass die Lerche trällert. Diese Szene ist herrlich differenziert, dann aber kommt der Streit mit Vater und Mutter, die sie einem anderen versprochen haben. Es zeigt sich: Man muss kein Koreanisch können, um zu sehen, dass Pubertierende weltweit ähnliche Strategien haben, um ihren Eltern zu widersprechen. Da wird geplärrt, gekeucht, mit der Faust auf die Brust geschlagen. Nützt nichts, die Julias müssen zurück in die Klause.

Messer diverser Größen werden gezückt, um Selbstmorddrohungen zu unterstreichen. Die Tiefschlafmedizin aber weckt erste echte Todesangst. Kleider schweben herab, noch einmal ziehen sich die Julias um. Ab in die Gruft! Ach, dieses Elend beim Erwachen! Romeo hat das ganze Gift verbraucht, so bleibt nur noch der entschlossene Dolchstoß als letztes Mittel ewiger Vereinigung. Herzzerreißend singt die Diva, haucht ihr Leben aus. Der Untergang ist fünffach musikalisch. Ja, Verona in Korea, das ist Brutalität.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2014)