150 Jahre nach seiner Gründung will sich Österreichs Museum für angewandte Kunst neu erfinden. Ein „Design Labor“ soll breiteres Publikum anziehen. Mit Themen des Alltags.
Was ist das für eine Crux mit dem Design in Österreich? Seit Jahren wird hierzulande das Desinteresse von Wirtschaft und Publikum bejammert, während anderswo, vor allem im angloamerikanischen Raum, Ausstellungen von Ballkleidern, David Bowie oder Vitra-Klassikern gestürmt werden. Ja, Ballkleider. Da rümpft die heimische Szene gleich die Nasen. Geht es doch um Konzepte der Nachhaltigkeit, ums Erfinden von „neuen Sprachen“, um Displays und Dialog und Diskurs und den Alltag von uns allen und das alles ist bitte jetzt sehr, sehr ernsthaft.
Vielleicht wollen die Leute, die „breite Masse“, die immer angestrebt wird, aber ihr Leben nicht verbessern lassen und dabei auch noch Lust empfinden. Vielleicht wollen sie einfach nur schöne, tolle Dinge ansehen, die sie sich nicht leisten können, man könnte auch Luxus dazu sagen. So einmal ins Museum gelockt, könnte man ihnen wohl auch so nebenbei den CO2-Rucksack ihres täglichen Essens zu denken geben, den Studierende der Angewandten zurzeit als Computerspiel programmieren.
Bewusster leben auf Sockellandschaft
Die Plakate dazu sind derzeit im schönen neuen „Forum“, einem Veranstaltungsraum vor dem neuen „Design Labor“ im gesamten Kellergeschoß des MAK zu sehen. Direktor Christoph Thun-Hohenstein hat mit dieser Einrichtung einen ersten großen Schritt getan in die Richtung, die uns seiner Meinung nach einmal alle retten könnte: Die Präsentation von Kunst und Design als Kraft zu einem „positiven Wandel“. So das Motto, mit dem er vor zweieinhalb Jahren im Museum am Stubentor angetreten ist.
Sein Ziel, an dem er bereits unermüdlich arbeitet, ist eine „Biennale for Change“, die in einem Jahr Wien zum Zentrum der kreativen Weltverbesserung machen soll, mit allen großen heimischen Institutionen und dem MoMA New York als Partner. Thinktanks, Beiräte, Kuratoren, Künstler, Designerteams arbeiten schon an der Umsetzung. Als „Voraussetzung, um die Biennale zu verstehen“, so Thun-Hohenstein bei der gestrigen Pressekonferenz, ist jetzt das „Design Labor“ zu verstehen. Warum erinnert einen das an die Schulzeit? Also antreten zum Referat:
Statt der altgedienten, nach Materialien sortierten Studiensammlung hier im Untergeschoß haben die österreichischen Designer Eoos um 1,9 Millionen Euro alles neu gemacht, auch und vor allem die Infrastruktur, wie sie betonen. Was man aber sieht, ist eine auf 2000 Quadratmetern und hellen hölzernen Sockellandschaften modernst aufbereitete Gruppenarbeit der MAK-Kustoden zu Themen, die uns ganz nahe heranholen sollen an die Gestalt der Dinge, die uns bei dem abholen sollen, was uns sowieso täglich mehr oder weniger quält: kochen, essen, sitzen, transportieren, kommunizieren etc. In diesen durch Durchbrüche neu miteinander verbundenen Räumen findet man etwa die berühmte „Frankfurter Küche“, viel Geschirr, viele Sessel, viele iPads zum Vertiefen, historisches, modernes, zeitgenössisches Design bunt gemischt, Fliesenornamente neben Kopftuchornamenten neben einem Dirndl (Sehr gut, bitte setzen). Aber auch bildende Kunst, zum Beispiel von Daniel Spoerri, Franz West oder Birgit Jürgenssen.
Das ist jetzt natürlich gemein, es gibt in all dem Alltag auch ein wenig Glamour: Das Helmut-Lang-Archiv etwa erstrahlt in kühlem Glanz hinter gläsernen Vitrinen und in metallenen Regalen. Dem geometrischen Ansatz von Josef Hoffmann ist ein zentraler, riesig wirkender Raum gewidmet, der darauf hinweist, wo die Mission von Thun-Hohenstein ansetzt: bei der Wiener Werkstätte und ihrem Ansatz der Lebensverbesserung durch Ästhetik, durch Design, durch radikale Durchgestaltung des Alltags bis hin zum Gesamtkunstwerk.
Das ist tatsächlich ein schöner, sinnvoller Bogen, den man in einem Wiener Museum für angewandte Kunst nicht nur spannen kann, sondern wohl auch muss. Dass eine „breite Masse“ dadurch angezogen wird, darf trotzdem bezweifelt werden. Aber die hat dieses Jahr noch durch hoffentlich magnetische Sonderausstellungen wie die (jetzt leider postume) über Hans Hollein oder das Wiener Starpaar Hoffmann/Loos die Chance, so ganz nebenbei ein bisschen bewusster zu werden im Keller. Viel Spaß dabei!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2014)