Wolfgang Wagner hat die Leitung der Bayreuther Festspiele zurückgelegt. Er ist bereit, mit Ende August seinen Sessel den Kindern Eva und Katharina zu räumen. Nun ist der Stiftungsrat am Wort.
Bayreuths Oberbürgermeister Michael Hohl fungierte als Geburtshelfer: Ein intensives Gespräch mit dem Komponistenenkel Wolfgang Wagner führte, so ist zu hören, zu dessen Rücktritt als Leiter der Bayreuther Festspiele. Seit Wochen ist über diesen Schritt diskutiert und verhandelt worden. Wie die „Presse“ bereits in ihrer Dienstagsausgabe berichtete, war Wolfgang Wagners Schritt die Grundbedingung, den danach tagenden Stiftungsrat des Festivals überhaupt handlungsfähig zu machen.
Wolfgang Wagner war 1966 nach dem Tod seines Bruders Wieland auf Lebenszeit die Leitung der Festspiele übertragen worden. Mit seinem Rücktritt ist der Stiftungsrat gezwungen, ein viermonatiges Nachfolgeverfahren einzuleiten, an dessen Ende die Kür eines Nachfolgers für den Chefposten auf dem Grünen Hügel stehen wird.
Vier Wochen bis zur Entscheidung
Dass sich der Stiftungsrat für die zuletzt kolportierte Lösung entscheiden wird, derzufolge die beiden Töchter Wolfgang Wagners, Eva und Katharina, in einer Tandemlösung bestellt werden sollen, gilt als sicher. Auch wenn bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe keine Vorentscheidung getroffen war – endgültig darf erst nach der Vierwochenfrist entschieden werden –, hatten die Mitglieder des Gremiums, allen voran Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sowie der bayerische Kunstminister Thomas Goppel (CSU) und der Chef der Mäzene „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“, Karl Gerhard Schmidt, bereits signalisiert, die Doppeldirektion mit den beiden Komponistenurenkelinnen für die beste Lösung zu halten. „Damit bleiben die Festspiele handlungsfähig“, kommentierte Goppel vor Beginn der Sitzung am Dienstag in Bayreuth.
Zu Ende dürfte damit ein jahrelanges Verwirrspiel um die Führung bei den Wagner-Festspielen sein. Der Stiftungsrat hat sich bereits 2001 für eine Übergabe der Geschäfte an Eva Wagner-Pasquier, Wolfgangs Tochter aus erster Ehe, entschieden. Der Vater torpedierte diese Entscheidung jedoch. Er war nicht bereit zurückzutreten. Erreicht hat Wolfgang Wagner damit den nötigen Zeitgewinn für seine jüngste Tochter, Katharina, die aus seiner zweiten Ehe stammt.
Im Verein mit deren Mutter Gudrun führte Wolfgang Wagner die Geschäfte bis zuletzt. Gudrun starb unerwartet im Dezember 2007. Seither war klar, dass der 88-jährige Komponistenenkel die Führung des Festivals abgeben würde müssen. Er war auf Grund seines gesundheitlich angegriffenen Zustands bereits im Vorjahr während der Festspielsaison kaum mehr in Erscheinung getreten. In der Zwischenzeit hatte nun Katharina Wagner Gelegenheit zur Profilierung. Während Halbschwester Eva nach der Scheidung ihrer Eltern Bayreuth den Rücken kehrte und sich als Kulturmanagerin in London und Paris versuchte, ehe sie als künstlerische Beraterin des Festivals Aix-en-Provence 1987 Fuß fassen konnte, studierte Katharina Theaterwissenschaften und assistierte dem Regisseur Harry Kupfer in Berlin.
Nichts ohne Katharina
Als Regisseurin debütierte sie mit dem „Fliegenden Holländer“ 2002 in Würzburg, 2004 folgte „Lohengrin“ in Budapest. Als Assistentin Christoph Schlingensiefs kehrte sie für den „Parsifal“ 2004 auf den Grünen Hügel zurück. 2007 brachte sie, viel beachtet, mit den „Meistersingern“ ihre erste Bayreuther Inszenierung heraus.
Seither gilt für Beobachter als ausgemacht, dass die künftige Festspielführung ohne Katharina nicht auskommen würde. Die Einbeziehung Eva Wagner-Pasquiers sichert ihr nun wohl auch die Zustimmung der zuvor skeptischen Entscheidungsträger.
Sichergestellt wäre mit der Entscheidung für die beiden Halbschwestern jedenfalls die traditionelle Führung des Festivals durch Mitglieder der Familie Wagner. Seit der Gründung der Festspiele durch Richard Wagner selbst – 1876 mit der Uraufführung des „Rings des Nibelungen“ – sind die Festspiele fest in Wagner-Hand. Ehefrau Cosima, die Tochter Franz Liszts, übergab die Führung 1908 an ihren Sohn Siegfried. Nach dessen Tod übernahm dessen Frau Winifred, wegen ihrer Nähe zu Adolf Hitler später in Misskredit geraten, die künstlerische und administrative Leitung. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Festspielgeschichte 1951, geprägt durch die Inszenierungen Wieland Wagners. Nach dessen Tod blieb sein Bruder und Kogeschäftsführer Wolfgang alleiniger Herr im Festspielbezirk.
AUF EINEN BLICK: Die Töchter
[APA]
Eva Wagner-Pasquier (63), Tochter aus erster Ehe, spielte in den 70er-Jahren eine zentrale Rolle in Bayreuth, nach Wolfgang Wagners Scheidung kam es zum Bruch mit der Tochter. Katharina Wagner (29) stammt aus Wagners zweiter Ehe. Sie arbeitete seit der Matura als Regieassistentin bei den Festspielen mit, u.a. bei der „Meistersinger“-Inszenierung ihres Vaters; ihre eigenständige Regiekarriere begann 2002.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2008)