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Grenzenlos inkompetent: Sperrt den ganzen Laden einfach zu!

Dem BIFIE unterliefen nicht bloß mehr oder weniger entschuldbare Lapsus, es beging einen bösen Fauxpas, dem die Schließung des Bundesinstituts folgen sollte.

Große oder kleine Patzer in der formalen Vorbereitung ereigneten sich bei den Prüfungen im Verlauf einer Matura immer wieder. Früher oblag es der weisen Entscheidung von Vorsitzenden, sie möglichst angemessen auszubügeln. Richtschnur dabei war, gegenüber der Gesellschaft dafür geradezustehen, dass die Absolventen die an sie gestellten Ansprüche erfüllt haben. Diese Maßstäbe möglichst objektiv zu fassen ist das Ziel der Zentralmatura. Und es ist gut, dieses maßvoll verfolgen zu wollen.

Maßvoll ist hier das entscheidende Wort. Denn auch dem Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (BIFIE), der zentralen Ausgabestelle der Prüfungsfragen, können Hoppalas passieren. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es wirklich nur bei Hoppalas bliebe, wenn die Verursacher der begangenen Fehler diese nicht mit impertinenter Arroganz zu übertünchen versuchen und wenn nicht der blinde Glaube an die allein selig machende Testung von Kompetenzen vorherrschte. Doch all das trifft nicht zu.

Am wenigsten stimmt, dass es sich beim derzeitigen Probelauf der Zentralmatura um Missgeschicke aus verzeihbarer Unachtsamkeit handelte, um Pannen. Es ist vielmehr skandalös, aber wahr, dass dem BIFIE nicht bloß mehr oder weniger entschuldbare Lapsus unterliefen, sondern jedenfalls bei der Aufgabenstellung im Fach Deutsch ein unverzeihbarer Fauxpas.

Es kann doch kein Einzelner gewesen sein, sondern es musste sicher ein Gremium entscheiden, welcher Text für die verlangte Interpretation ausgewählt wird. Und da entschied man sich für eine sowohl formal als auch inhaltlich erbärmliche Kurzgeschichte, die nichts in sich birgt, was eine Deutung verdient.

Es wurde ein Text gewählt, der einen jungen Menschen, der ihn unvoreingenommen liest, nur ratlos machen kann. In ihm wird eine Situation geschildert, die vordergründig banaler nicht sein könnte: Jemand entschließt sich, eine Salatblätter fressende Schnecke zu zertreten – na und? Er entscheidet sich für die Nutzpflanze und gegen den Parasiten, so anmutig dieser auch sein mag.

„Beschreiben Sie, in welcher Weise der Schriftsteller den Umgang mit Natur und Leben in seinem Text thematisiert“, verlangt der anonyme Aufgabensteller. Aber mehr als das eben Gesagte gibt der Text als Antwort nicht her. „Deuten Sie den Inhalt der Kurzgeschichte im Hinblick auf das Thema ,Umgang mit Natur und Leben‘, indem Sie auch auf den Symbolcharakter der Schnecke eingehen“, wird als weitere Aufgabe gestellt. So, als ob es sich um ein Umweltproblem handelte.

Eine aberwitzige Irreführung. Denn nirgends wird den jungen Leuten verraten, dass der Autor ein der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis affiner Schreiberling war, der sich nun, 1947, mit dieser ekelhaften Schrift zu exkulpieren versuchte.

Erst wenn man das weiß, kann man seine schwülstige Phrase verstehen, wonach der Mensch, egal, wie er sich entscheidet, schuldig wird, „mag es sich um die Schnecke und das Salatblatt oder um den Urwald und die Siedlung, mag es sich um die See und den Deich oder um die Krankheit und den Arzt, mag es sich um das Blut und den Geist oder um das Schicksal und den Willen handeln“. Im Klartext: So schlimm sei die Ungeziefervernichtung – das böse Bild für den Genozid war ihm wie seinen damaligen Lesern geläufig – gar nicht, denn irgendwie lüde man immer Schuld auf sich.

Und diese Ungeheuerlichkeit wird kommentarlos und mit grotesk deplatzierten Fragen versehen auf die unbefangenen jungen Leute losgelassen.

Wer dies verantwortet, sollte nie mehr in seinem Leben mit der Prüfung junger Menschen – sei sie auch anonym – zu tun haben. Aber es ist zu bezweifeln, dass dieser „Experte“ (alle im BIFIE Tätigen fühlen sich als wahre Schulexperten) vor den Vorhang tritt. Darum ist es am besten, man sperrt den ganzen Laden zu und denkt über eine neue Gestaltung der Matura nach.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2014)