Der starke Führer: Wunschdenken und Wirklichkeit

Replik. Der Ruf nach dem starken Mann und die Lähmung der Institutionen durch Tabus.

Fast ein Drittel der Österreicher wünscht sich einen starken Führer, ist die deutsche „Bild“-Zeitung beunruhigt. Das ist verständlich, hat doch ein starker Führer aus Österreich dort schon einmal große Unruhe gestiftet. Aber auch „Querschreiberin“ Anneliese Rohrer ist beunruhigt und fordert eine Festigung der demokratischen Institutionen (10.5.).

Natürlich sollen die demokratischen Institutionen gefestigt werden. Sie sollen auch verbessert werden, siehe die Ausführungen des Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes zur Ministeranklage. Doch dürfte der Ruf nach dem starken Führer nicht einer Schwäche demokratischer Institutionen entspringen, sondern der Lähmung der Institutionen durch Tabus, mit denen sie nicht fertigwerden.

Als Bundeskanzler Alfred Gusenbauer einst vorschlug, dass gut versorgte Studenten als Gegenleistung für das Gratisstudium Sozialarbeit leisten sollten, wurde sein Haus mit Tomaten beworfen. Die Tomatenwerfer waren sicher keine Studenten aus wohlhabenden Verhältnissen. Sie waren Extremisten, die bei annehmbaren Studienerfolgen ohnehin die Gebührenfreiheit bedingungslos bekämen.

Aber es ging hier nicht um Geld, sondern um die Aufrechterhaltung eines Tabus. Ein starker Führer würde sich nicht darum kümmern, würde Studiengebühren einführen für Studenten, die sie sich leisten könnten, und die Universitäten hätten mehr Geld.

Tabu Pensionsalter

Es ist bekannt, dass unsere Pensionen bald unfinanzierbar sein werden. Aber die Anhebung des Pensionsalters ist ein Tabu. Ein starker Führer würde das Pensionsalter für Männer wie Frauen einheitlich auf 67 Jahre anheben, die Pensionen wären auf Jahrzehnte gesichert.

Im Unterrichtswesen gibt es Lehrer und Experten. Die Experten unterrichten nicht, aber sie dürfen den Lehrern dreinreden, und ihre Stellung ist sakrosankt. Ein starker Führer würde sie zur Altenfürsorge abkommandieren.

In den Gratis-Arbeitsbüchern haben die Schüler punktierte Zwischenräume auszufüllen, statt selber ganze Wörter oder Sätze zu schreiben. Das erspart ihnen, ganze Gedanken zu formulieren und bremst ihre geistige Entwicklung. Ein starker Führer könnte die Gratis-Arbeitsbücher abschaffen und die Kosten einsparen.

Ab nach Mallorca!

Der übergreifende Ganztagsunterricht wird aus Prinzip gefordert. Seine Vorteile gegenüber Vormittagsunterricht und wahlweiser Nachmittagsbetreuung sind nicht erwiesen. Sicher ist aber, dass die Jugendarbeit der Sportvereine beeinträchtigt würde, und die Musikschulen zusperren könnten, denn alle sportlichen und musikalischen Tätigkeiten würden auf die Zeit zwischen fünf und sieben Uhr abends zusammengedrängt werden. Der starke Führer könnte von dem an Arbeitsbüchern eingesparten Geld Tischtennistische anschaffen, auf denen die Schüler im Zuge der Nachmittagsbetreuung unter Aufsicht und Anleitung von Sportlehrern trainieren könnten.

Das und noch mehr könnte der starke Führer des Wunschdenkens tun. Aber was würde der starke Führer der Wirklichkeit tun? Er würde seine Mitstreiter auf gute Posten setzen, zum Beispiel als Bildungsexperten. Er würde die Leute seiner Machtbasis bei guter Laune halten, indem er ihnen frühzeitig gute Pensionen zukommen lässt. Er würde keine Gratisleistungen abschaffen, um nicht von den bisherigen Nutznießern seiner Macht abgesägt zu werden. Und kurz vor dem erwarteten Staatsbankrott würde er abtreten und sich zurückziehen, am besten nach Mallorca.

Da habt ihr euren starken Führer! Ätsch!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2014)

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