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Mythos Militarismus: Die marschierende Gesellschaft 1914

Preußische Infanteriesoldaten 1914 in Galauniform mit wassergekühltem Maschinengewehr
Preußische Infanteriesoldaten 1914 in Galauniform mit wassergekühltem Maschinengewehr(c) imago stock&people
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Unter der Oberfläche der zivilen europäischen Gesellschaften gab es eine zweite Ebene in Millionenstärke: Männer, die gelernt hatten, im Gleichschritt zu marschieren, ein Gewehr zu handhaben, Befehle eines Vorgesetzten zu befolgen. Führte das zur unausweichlichen Konfrontation, wurde der Erste Weltkrieg dadurch determiniert?

Das war unmissverständlich: Der Dirigent Daniel Barenboim mag Marschmusik nicht. Beim letzten Neujahrskonzert (es war dem Gedenken an 1914 gewidmet) verzichtete er beim abschließenden „Radetzkymarsch" nicht nur darauf, zu dirigieren, er hielt auch das Publikum vom gewohnten Mitklatschen ab und störte die Philharmoniker bei ihrem Musizieren durch ausgiebiges Händeschütteln. Barenboim lieferte mit der extravaganten Geste Gesprächsstoff für das anschließende Mittagsmahl, lud ein zum Nachdenken über den österreichischen Folkloremilitarismus.

In Franz Josephs Österreich-Ungarn war das Militär im öffentlichen Raum ständig präsent, die Festkultur war geradezu von ihm geprägt. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 waren die Kasernen ja mitten in die Städte gerückt worden. Die Kaisergeburtstage wurden in der ganzen Monarchie mit militärischen Umzügen gefeiert, Militärangehörige dienten als Ministranten bei der Fronleichnamsprozession, kein öffentliches Ritual ohne Hoch- und Deutschmeister-Regimentsmarsch. Der Radetzkymarsch mit seiner symbiotischen Vereinigung von Tanz- und militärischem Marschelement war geradezu das Symbol für die ständige Vermischung von Militär- und Zivilgesellschaft in der Festkultur.

Pickelhaube und Monokel. War Österreich-Ungarn eine militaristische Gesellschaft, rührt daher eine gesteigerte Bereitschaft zur militärischen Konfrontation? Manfried Rauchensteiner, Österreichs Instanz in diesen Fragen, weist auf die besondere Art des österreichischen Militarismus hin. Die Bevorzugung von Militärs im gesellschaftlichen Leben, ihr Eindringen in eine Reihe von Machtzentren, das alles verband das gesellschaftliche System hierzulande mit dem preußisch-deutschen Militarismus. Spezifisch österreichisch: Armee und Kaiser galten als einzige Klammer eines brüchigen Vielvölkerstaates. Doch an die Stelle der für den Militarismus typischen Dynamik tritt Resignation. Bei den Ressourcen des k.u.k. Heeres wurde gespart: „Man gab Unsummen für das Heer aus; aber doch gerade nur so viel, dass man sicher nur die zweitschwächste Großmacht blieb", schrieb Robert Musil.

Wenn schon nicht Wien, so war doch wohl Berlin das Mekka des Militarismus: Zackig-dumme Leutnants, die mit schnarrendem Ton Gemeinplätze verkünden, Pickelhaube und Monokel, die Uniform als Fetisch, die historisch verbürgte Geschichte vom Schustergesellen Wilhelm Voigt, der 1906 mit einer geliehenen Hauptmannsuniform das Rathaus der Stadt Köpenick besetzte und den Bürgermeister verhaftete. Der 1912 gegründete Deutsche Wehrverein hatte bis 1914 rasch 100.000 Mitglieder, er vertrat eine völkisch-radikalnationalistische Ideologie und betrieb offene verbale Kriegstreiberei. 2,9 Millionen Mitglieder waren in den deutschen „Kriegervereinen" organisiert, mehr als in den Gewerkschaften. Überschaubar dagegen der Kern des Militärsystems der Kaiserzeit: Etwa 100 Generalstabsoffiziere, die - auf dem Weg über den obersten Kommandanten Kaiser Wilhelm II. - über große Macht verfügten, die radikale Fraktion innerhalb dieses Zirkels verfolgte offene imperialistische Absichten. Diese Offizierselite, die „Halbgötter", von denen man mit Bewunderung und Furcht sprach, bestimmte die planerische Vorbereitung des Krieges entscheidend mit.

Hat der Militarismus die deutsche Politik vor 1914 also entscheidend geprägt? Über das Atmosphärische, die Hochachtung vor der Leutnantsuniform hinaus? In jüngerer Zeit unternehmen es Historiker, nüchtern anhand von Zahlenmaterial, einer Art Militarismusindex, den gängigen Vorwurf zu korrigieren. 1913/14 gab Deutschland 3,5 % seines Bruttosozialprodukts fürs Militär aus, Frankreich 3,9 %, Russland 3,6 %. Bei der Heeresgröße lag Russland an erster Stelle in Europa, beim relativen Anteil der eingezogenen Wehrpflichtigen Frankreich. Die Friedensstärke des französischen Heeres übertraf bei Kriegsausbruch die des deutschen um zwanzigtausend Mann. Und als der Krieg begann, zeigte sich das deutsche Militär nicht gut vorbereitet.

Truppenzahlen (Heer und Flotte in Tausend) im Verhältnis zur Bevölkerung (c) Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte; Der Erste Weltkrieg Hg. Hanns Seidel Stiftung 2014
Truppenzahlen (Heer und Flotte in Tausend) im Verhältnis zur Bevölkerung (c) Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte; Der Erste Weltkrieg Hg. Hanns Seidel Stiftung 2014Truppenzahlen (Heer und Flotte in Tausend) im Verhältnis zur Bevölkerung (c) Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der großen Mächte; Der Erste Weltkrieg Hg. Hanns Seidel Stiftung 2014

Ein Korrektiv fanden die säbelrasselnden adeligen Eliten auch in den deutschen Reichskanzlern vor 1914, denen klar war: Innenpolitisch konnte man mit Hilfe der nationalen Rechten die aufstrebende Linke schwächen, außenpolitisch aber war Militarismus ein höchst gefährliches Spielzeug, Theobald von Bethmann Hollweg meinte einmal über die äußerste Rechte, mit „diesen Idioten" könne man keine Außenpolitik machen. Ein geschlossenes militaristisches Weltbild lässt sich im Deutschen Reich nicht finden, kommt als wesentliche Kriegsursache gar nicht in Frage. Gesellschaftlich war das Militär „die Rückzugsbasis einer im sozialen Abstieg befindlichen Schicht" (Herfried Münkler), nämlich der preußischen Aristokratie. Es wurde eben jahrzehntelang am besten erforscht, als man nach den Wurzeln des Nationalsozialismus suchte.

Streitkräfte im Sommer 1914
Streitkräfte im Sommer 1914(c) bpblocal

Nationale Liturgien. Was militärische Denkmuster betraf, unterschieden sich die Nationalstaaten des europäischen Kontinents nicht sehr voneinander. Überall pflegte man nationale Liturgien, baute Ruhmeshallen, erinnerte sich an Schlachten, in einer Art Symbiose von monarchischen und militärischen Elementen.

Diese Art von Folkloremilitarismus war auch in Frankreich vor 1914 allgegenwärtig. Militärparaden, Militärmusik, allerlei Brimborium, aber ohne verzückten Glauben an Blut und Eisen. Durch die Dreyfus-Affäre ist die antirepublikanische Gesinnung vieler französischer Offiziere zu tage getreten. Doch Frankreich war ein gespaltenes Land, der Antagonismus zwischen dem laizistisch-republikanischen und dem konservativ-katholischen Milieu verhinderte das egalitäre Leitbild einer stets kriegsbereiten Nation armée. Das war mehr Wunschvorstellung als Realität. Felix Stössinger, ein linker kritischer Kopf, 1924 im Rückblick: Man sehe den französischen Soldaten und Offizieren an, dass sie verkleidete Zivilisten seien, während in Deutschland die Zivilisten verkleideten Soldaten glichen.

Die selbstbewusste britische Nation erlebte zur Jahrhundertwende Enttäuschung und Erniedrigung. Der Burenkrieg, ein verlustreicher Guerillakrieg um Kolonialbesitzungen in Südafrika, offenbarte schlimme militärische Defizite, die überkommene Selbstdeutung der Empire-Nation als Instrument des zivilisatorischen Fortschritts geriet in eine Krise. Die demonstrative Identifizierung einer breiten Öffentlichkeit mit dem britischen Tommy, der als Soldat für die Nation sein Leben gab, konnte nur notdürftig kompensieren, dass es Nachholbedarf für die stolze Nation gab. Jetzt begann die Debatte über die Verteidigungsfähigkeit Großbritanniens angesichts der demonstrativen Kriegsfähigkeit der kontinentaleuropäischen Nationalstaaten.

Militärausgaben im Verhältnis zum Nettoinlandsprodukt (c) David Stevenson, Armaments and the Coming of War, 2000; Der Erste Weltkrieg, Hg. Hanns Seidel Stiftung 2014
Militärausgaben im Verhältnis zum Nettoinlandsprodukt (c) David Stevenson, Armaments and the Coming of War, 2000; Der Erste Weltkrieg, Hg. Hanns Seidel Stiftung 2014Militärausgaben im Verhältnis zum Nettoinlandsprodukt (c) David Stevenson, Armaments and the Coming of War, 2000; Der Erste Weltkrieg, Hg. Hanns Seidel Stiftung 2014

Der britische Historiker Niall Ferguson kommt zum Schluss, dass am Vorabend des Ersten Weltkriegs der Militarismus bei weiten nicht die dominierende Kraft in der europäischen Politik war: „Ganz im Gegenteil: Er befand sich politisch im Niedergang, und dies war nicht zuletzt eine unmittelbare Konsequenz der weiträumig und vielfältig sich vollziehenden Demokratisierung". Durch die Erweiterung des Wahlrechts habe der Aufstieg von sozialistischen Parteien begonnen. Deutschland habe eine starke antimilitaristische Linke gehabt. Überall blieben radikalnationalistische Verbände eine mehr oder weniger starke Minderheit, die Bevölkerung Europas marschierte nicht geschlossen auf den Krieg zu, sondern hatte begonnen, sich vom Militarismus abzuwenden. Die Aufrüstung der Armeen in den Jahren vor 1914 ist nicht zu bestreiten, determiniert aber nicht den Krieg. Der Kalte Krieg ab 1947 zeigt, dass hochgerüstete Mächte nicht den Weg in die Eskalation gehen müssen, wenn sie zur Einsicht gelangen, die Perspektive sei aussichtslos, wenn nicht gar selbstmörderisch.

Doch was wäre gewesen wenn eine der beiden Supermächte des Kalten Kriegs deutlich untergerüstet gewesen wäre? So betrachtet, erscheint plötzlich die k.u.k.-Armee mit ihrem technologischen Rückstand und ihren schwachen Landstreitkräften als prekärer Faktor der Politik vor 1914.

(Presse am Sonntag, 18.05.2014)