Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Das Wettrennen gegen die Antibiotika-Resistenz

Medikamente
MedikamenteErwin Wodicka - BilderBox.com
  • Drucken

Einst wurden sie als Meilenstein der medizinischen Forschung gefeiert, heute sind immer mehr Antibiotika wirkungslos. Der Kampf gegen die Resistenzen ist voll im Gange. Noch gibt es keine alternativen Substanzen zu Antibiotika.

Sie retteten Millionen Menschenleben, ihre Entdecker erhielten den Nobelpreis: Vor rund 100 Jahren begann der Siegeszug der Antibiotika im Kampf gegen Infektionskrankheiten. Doch die Bakterien entwickelten rasch Resistenzen. Die Keime passten sich an, neue Substanzen wurden unwirksam – eine Entwicklung, die sich weltweit immer wieder wiederholte. Erst kürzlich warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO vor einer weiteren Zunahme der Antibiotika-Resistenz von Bakterien. Besiegt geglaubte tödliche Krankheiten könnten sich neu ausbreiten.

Für Elisabeth Presterl, Leiterin der Universitätsklinik für Krankenhaushygiene und Infektionskontrolle an der Med-Uni Wien, ist es „höchste Zeit“ für die deutliche Warnung der WHO: „Antimikrobielle Resistenzen sind ein globales Problem und müssen auch als solches behandelt werden.“ Die Situation in Österreich sei zwar durchwegs gut, darauf dürfe man sich aber keinesfalls ausruhen. Multiresistente Keime breiten sich insbesondere in südlichen Staaten Europas wie Italien oder Griechenland weiter aus. Durch Gütertransporte oder Reisende gelangen sie vermehrt nach Österreich.

Nord-Süd-Gefälle.
„In Europa gibt es bei der Verbreitung der Resistenzen ein klares Nord-Süd-Gefälle“, sagt Presterl. Im Norden habe man früh mit Screenings gefährdeter Patienten begonnen. Auch die Therapie unterscheidet sich: In skandinavischen Ländern, etwa in Schweden, stünden mehr Einzelzimmer zur Verfügung, in denen Patienten isoliert werden. Im Süden werden sehr große Mengen an Antibiotika verbraucht, was die Entstehung von Resistenzen begünstigt. Dazu kommt, dass Fernreisende multiresistente Keime aus Ländern wie Indien oder Pakistan einschleppen. Die mikrobiologischen Labors untersuchen diese Keime laufend und liefern ihre Daten an die nationale Resistenzstatistik. Presterls aktueller Sukkus für Österreich: „Es geht uns noch gut. Aber wir müssen wachsam bleiben und Maßnahmen ergreifen, mit denen wir die Resistenzen in den Griff bekommen.“


Kampf gegen Keime.
Der Kampf gegen die Keime beginnt für den Einzelnen damit, sich vor einer Übertragung zu schützen: Sauberkeit und Hygiene sind dabei oberstes Gebot. Das beginnt bei scheinbar simplen Maßnahmen wie Händewaschen und der Hygiene in Arbeit und Haushalt, dem sorgfältigen Reinigen des Umfelds.

Erkrankt man, gilt es, dem Arzt zu vertrauen: „Oft wünscht sich der Patient ein Antibiotikum“, sagt Robert Krause, Infektiologe an der Med-Uni Graz (siehe Interview Seite 23). „Antibiotika sind gegen Bakterien wirksam, nicht gegen Viren. Sie sollten daher auch nur bei bakteriellen und nicht bei viralen Infektionen wie grippalen Infekten im Winter verschrieben werden.“ Sind sie doch notwendig, seien sie „unbedingt so zu nehmen, wie von den Ärzten angeordnet.“ Fehler bei der Einnahme oder vorschnelles Absetzen können für den Patienten einen Rückfall bedeuten. Zugleich steigt die Gefahr der Entwicklung weiterer Resistenzen: Bakterien mutieren und bleiben aktiv.

Erreger im Krankenhaus.
Besonders gefährlich sind Keime in Spitälern. Die umgangssprachlich als „Krankenhauskeime“ bezeichneten Erreger treffen dort auf Personen mit ohnehin geschwächtem Immunsystem. „Hier engagieren wir uns besonders, damit sich diese Keime nicht weiter ausbreiten“, sagt Krause. „Das ist besonders schwierig, da von außen immer wieder neue Patienten mit neuen Erregern kommen.“ In den Krankenhäusern gibt es daher strenge Programme, zusammengefasst unter dem Begriff „Microbial Stewardships“. Darin enthalten sind etwa Richtlinien für die richtige Verabreichung und das Verschreiben von Antibiotika und auch Fortbildungsprogramme für Mediziner.


Warten als Strategie.
Nach wie vor zählen Antibiotika zu den weltweit am häufigsten verschriebenen Medikamenten. In Österreich führen sie mit 13 Prozent Marktanteil die Statistik des nationalen Arzneimittelverbrauchs an. Im breiten Einsatz antibiotischer Substanzen liegt zugleich aber auch ein mögliches Problem. Resistenzen verbreiten sich durch nicht zielgerichtete Anwendung: „Mitunter ist es besser abzuwarten, eine vermutete Infektionskrankheit genau abzuklären, und nicht gleich antibiotische Substanzen zu nutzen“, lautet daher die Empfehlung des Experten.

Auch in der Tiermedizin werden antibiotische Substanzen nach wie vor in großen Mengen verwendet. Trotz der wachsenden Sorge um die Resistenzen: „Antibiotika sind unverzichtbare Therapeutika, um Infektionskrankheiten bei Mensch und Tier zu behandeln. Daher sind disziplinenübergreifende Strategien für einen Erfolg so wichtig“, so Krause.


Sorgsamer Umgang wichtig. Derzeit kommen allerdings keine neuen antibiotischen Substanzen auf den Markt. Breiten sich Resistenzen aus, könnten auch „banale Infektionen“ wie Harnwegsinfekte oder Nierenbeckenentzündungen schwieriger zu behandeln sein. Der sorgsame Umgang mit Antibiotika ist daher die klare Empfehlung der Experten. Dazu müssen alle Fachrichtungen zusammenarbeiten. Krause regt einen multidisziplinären Zugang an, an dem sich neben Infektiologen und Mikrobiologen etwa auch Chirurgen, Internisten und Pharmazeuten stärker beteiligen. Damit besiegt geglaubte Krankheiten nicht zurückkehren, sind also alle Seiten gefragt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2014)